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Das jüdische Echo · 1930-11-28 · 48 (28.11.1930) · p. Seite 685

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
48 (28.11.1930)
Date
1930-11-28
Page
Seite 685 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 48 Das Jüdische Echo P85 „Mit mir ist nicht zu spaßen! Ich bin ein Mann, der schon im Jenseits war!“ Das Wort „Jenseits“ erfüllte alle Umstehenden mit Angst und Schrecken, und jeder beeilte sich, mit einer rasch zurechtgemachten Grimasse, die um Entschuldigung bat, zu versichern: „Aber es ist mir gar nicht eingefallen, wahrhaftig, es ist mir nicht eingefallen.— damit ging man Baruch schnell aus dem Weg. Mit der Zeit kannte sich Baruch im Jenseits so gut aus, als wäre er dort zu Hause. Zunächst einmal vergönnte er es niemandem. Wenn er hörte, daß jemand durch den Tod ins Jenseits übersiedelt war, sagte er kühl: „Das kenne ich, im Jenseits war ich auch schon!“ und dabei verzog er verächtlich die Lippen und machte eine herablassende Handbewegung, die auszudrücken schien, das ganze Jenseits sei nicht wert, auch nur ein Wort darüber zu verlieren, und er, Baruch, wundere sich bloß, daß man von einer solchen Lappalie so viel Aufsehens mache. Und da das Jenseits ein Land war, in dem Baruch Bescheid wußte, gab er, an Sommerabenden vor dem Bad, im Winter beim Ofen im Bethaus, Schilderungen vom Jenseits. Er kannte dort gewissermaßen jede Gasse und jeden Bewohner, war mit dem Engel des Gerichts, dem Engel Gabriel, —■ kurz mit jedermann gut Freund. An diese Erzählungen schloß er regelmäßig einen Bericht über seine eigenen Erlebnisse, wie energisch er drüben aufgetreten war und wie ers den Leuten dort gegeben hatte: Ich hab’ keine Angst vor ihnen; denn wohin man kommt, dort heißt es, den Mund am rechten Fleck haben. Man muß eben verstehen, zur rechten Zeit das rechte Wort zu finden, — das ist das Wichtigste.“ Baruch schob den kleinen Hut mit dem schmalen Rand ins Genick, kraute seinen mit Federn durchzogenen Bart, auf dem der Staub des ganzen Marktplatzes zu liegen schien, und ließ seiner Phantasie die Zügel schießen: „Ich erinnere mich ganz genau, — man hatte mich eben vom Bett gehoben und ich liege auf dem Boden und warte. Da erscheint der Bursche — ihr wißt ja, wen ich meine — und beginnt mit seinem gewohnten „Wie heißt du?“ Da ich ihm nicht rasch genug antwortete, packte er mich beim Kragen und ruft: „Komm mit!“ Meint ihr, ich hätte Angst vor ihm gekriegt? Ist mir nicht im Traum eingefallen! „Hör mal“, sag ich ihm, „du bist freilich der Engel des Gerichts, und es ist dein Amt, alle, die über die Grenze kommen, nach ihrem Paß zu fragen; so ist es eben üblich, wenn man ein anderes Reich betritt, Tch verstehe das“, sag ich, „mir muß man die Dinge erst des Langen und Breiten erklären; aber mich fortzuschleppen, dazu hast du kein Recht! Wir sind hier nicht in jener Welt von Polizisten und Gendarmen, aus der ich komme! Dort wird man mir nichts dir nichts ins Rathaus geschleppt und ins Loch gesteckt. Hier aber, in der Welt der Wahrheit“, sage ich, „hier geht das nicht so hui pfui! Hier herrscht Ordnung, Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit; so steht es in der Schrift! Mich“, sage ich, „wirst du nicht schrecken, ich kenne die Vorschriften! Solltest du dir aber einfallen lassen, mit mir“, sage ich, „Geschichten zu machen, die sich nicht gehören, so gehe ich sofort vor Gottes Thron mich beschweren! Augenblicklich erstatte ich die Anzeige! Denn ich bin nicht der erste beste, ich bin ein Enkel des Erzvaters Abraham, bin beschnitten, wie sichs gehört, und auch mich hat Moses auf dem Berge Sinai das Gesetz gelehrt. Ich habe“, sage ich, „genügend Protektion! Wenn du bei mir eine Amtshandlung vornehmen willst, so legitimiere dich zu allererst!“ Ja, so hab ich mit ihm gesprochen! Warum denn nicht? Brauchte ich denn Angst vor ihm zu haben? Und während ich so rede, versammeln sich meine Ahnen und nicken mir freundlich zu: „So ists recht, Baruch!“ „Und tatsächlich, er kriegt einen mächtigen Schrecken vor mir, der Engel des Gerichts; sofort wird er zahm und sagt: Schleppe ich dich denn, Baruch? Ich schleppe dich ja gar nicht! Ich ersuche dich bloß, zu Gericht zu kommen, zur Verhandlung vor Gottes Thron.“ „Vor Gericht“, sage ich, „habe ich auch keine Angst, denn ich weiß, wer ich bin. Gut“, sagte ich, „gehen wir! Ich habe keine Angst! Es gab dort unten kein Honiglecken für mich, ich mußte mich schwer und bitter plagen, im Sommer in der glühenden Hitze, im Winter in Frost und Kälte, und allzu satt hab ich mich an den Kartoffeln nicht gegessen. Und meine Kinder hab ich, wie sichs gehöret, zum Bibellehrer geschickt. Ich werde dem Herrn der Welt schon zeigen“, sage ich, „wie meine Schultern aussehen, auf denen ich schwere Säcke durch die Dörfer getragen habe. Meinst du vielleicht, ich hätte Angst? Warum denn? Mein Päckchen Gebete und Psalmen habe ich mitgebracht, da unterm Arm ist es.“ „Ihr glaubt am Ende, sie hätten keine Angst vor mir gekriegt? — Alle, die ganze Gesellschaft dort oben bekam gewaltigen Respekt! Als ich zu Ende war, da wurde es mäuschenstill. Ja, man muß nur den Mund am rechten Fleck haben, überall muß man den Mund aufmachen, auch im Jenseits!“ „Nach meinen offenen Worten tritt der gute Engel Gabriel auf mich zu, gibt mir einen Nasenstüber und spricht zu mir, indem er freundlich lächelt: „Baruch, du kannst zu deiner Frau und deinen Kindern nach Hause gehen, du darfst auf die Erde zurückkehren, wir brauchen dich hier noch nicht!“ — Wie ich das höre, nehme ich den Hut ab, verneige mich, danke sehr höflich (schließlich weiß man, was sich schickt) und gehe meines Weges...“ Als Baruch viele Jahre später wirklich gestorben war, lag er drei Tage und drei Nächte auf dem Totenbett. Niemand wagte ihn anzurühren, denn wer weiß, am Ende hat Baruch abermals vor dem Gerichtshof im Jenseits Protest erhoben und wird als „untauglich“ zurückgeschickt; ein gutes Mundwerk hat er ja! Schekel jeder Jude jeder Zionist kauft ihn verkauft ihn

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