Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 48 (28.11.1930)
- Date
- 1930-11-28
- Page
- Seite 683 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 Das Jüdische Echo 683 Stadttheater geleistet worden sei. Es wurden Garantien dafür verlangt, daß die Polizei unbedingt und mit eiserner Strenge gegen alle Belästigungen jüdischer Mitbürger einschreite. Das Verbrechen von Borscha Von Senator Horia C a r p Es ist noch in aller Erinnerung, wie vor einigen Monaten antisemitische Hooligans das jüdische Städtchen Borscha in Transylvanien in Brand gesteckt haben. Das Verbrechen von Borscha ist bis heute nicht gesühnt. Wohl verbreitet die rumänische Telegraphenagentur Nachrichten, daß gerichtliche Untersuchungen gepflogen, daß gegen einzelne Übeltäter Strafprozesse angestrengt werden — es handelt sich aber nur um Spiegelfechterei zur Beruhigung der öffentlichen Meinung der Welt, die durch den Fall Borscha wieder einmal auf die furchtbare Lage der fast eine Million Seelen betragenden jüdischen Bevölkerung in Rumänien aufmerksam gemacht wurde. Wenn man als Jude bei der Lektüre der antijüdischen Verfolgungen im Mittelalter sich fragt, wie es damals den Juden zu Mute gewesen ist und wie sie diese Peinigungen ertragen konnten, so wird man durch die Kenntnis der Ereignisse in Borscha, die sich in unseren Tagen abspielen, belehrt, daß sich hinsichtlich der Juden eigentlich die Zeiten seit Jahrhunderten nicht gewandelt haben. Ein Dokument für nachfolgende Generationen möge der Aufruf sein, den Senator Horia C a r p , ein Führer des rumänischen Judentums, uns zur Verfügung stellt. Die Sprache dieses Aufrufes ist zeitlos. Dieser Aufruf könnte ebensogut vor 300 Jahren geschrieben sein. Und wenn sich die Lage des jüdischen Volkes auf dem Wege jüdischer Selbsthilfe nicht grundsätzlich ändern wird, dann steht leider zu befürchten, daß auch in den kommenden Zeiten in den verschiedensten Ländern der Welt derartige Aufschreie aus jüdischer Seele sich wiederholen werden. Das monströse Verbrechen von Borscha muß unbedingt wieder gut gemacht werden. Dieses Verbrechen, an welchem die abgetretene Regierung wegen der Toleranz und der materiellen Unterstützung, die sie dem Antisemitismus angedeihen ließ, zweifellos die Schuld trägt, dieses Verbrechen, dessen Spuren und Folgen, die von einer schweren politisch-sozialen Unmoral begleitet sind, auf der gegenwärtigen Regierung lasten, dieses Verbrechen, welches von mittelalterlicher Roheit zeigt, muß wieder gut gemacht werden. Der öffentlichen Meinung, welcher unter diesen düsteren Umständen ein Schlag ins Gesicht versetzt wurde, muß Satisfaktion gewährt werden. Man muß die seelische Ruhe dem öffentlichen Gewissen wiedergeben, welches erschüttert ist von der Unmenschlichkeit, welche jene, die verpflichtet sind zu einer ehrlichen sozialen Wiedergutmachung, mit einer teuflischen Starrköpfigkeit den unglücklichen Opfern des Verbrechens von Borscha bekunden. Das Geheimnis ist in all seiner Schrecklichkeit noch in jedermanns Erinnerung. Die Schuld der früheren Regierung, welche dieses Verbrechen kommen sah und es unterstützte, die Schuld der gegenwärtigen Regierung, welche dieses Verbrechen nicht wieder gut macht, kennt jedermann und kann daher von niemand verleugnet werden, so sehr man sich auch bemühen sollte, die Wahrheit zu verdrehen. Es ist ein Verbrechen, an das wir fortwährend stoßen, ein Geschehnis von großer moralischer Verantwortlichkeit, das tadelnd steht zwischen uns und der Gerechtigkeit, welche sich verspätet, und dessen Echo sich auf viele Arten hörbar macht, insbesondere in unserem Innern und im Unterbewußtsein, wo es nicht ganz unterdrückt werden kann. Ich habe mit großer Bewegung den rührenden und von tiefem Menschlichkeitsgefühl zeugenden Aufruf der Königinwitwe Maria für die durch die Naturereignisse Betroffenen und insbesondere für die Opfer von Borscha gelesen. Auch dieser Aufruf an unsere Mildtätigkeit ist die Stimme eines großen Gewissens, welches durch ein monströses Verbrechen und dessen verzögerte Wiedergutmachung erregt ist. Von dieser Stelle aus danken wir für die großzügige Initiave, welche die Königin ergriff, indem sie die öffentliche Wohltätigkeit zur Pflicht aufrief. Aber wir verlangen für die Opfer, nicht für die durch Naturereignisse Betroffenen, für die Opfer des Verbrechens von Borscha die volle Gerechtigkeit, welche das Land und die Justiz ihnen schulden. Seine Majestät der König hat in der kurzen Zeit, seit er in die Mitte seines Volkes zurückgekehrt ist, bei jeder Gelegenheit betont, daß er eine gerechte Herrschaft für alle Söhne dieses Landes, ohne Unterschied der Abstammung und der Religion, einführen will. Ein Wort, ein einziges Wort, mit Entschiedenheit ausgesprochen von der hohen Stellung, von welcher er die Vorgänge im Lande überwacht, würde die Regierung seiner Majestät verstehen machen, daß es schon an der Zeit ist, jenen Akt der Gerechtigkeit zu vollziehen, dessen Verspätung auf unserer aller Gewissen lastet. Dieses hohe Wort erwarten die Juden von ihrem und des Landes König. Denn die Tragödie dauert noch an und nimmt Formen an, die geeignet sind, jeden Glauben an die Macht der Gerechtigkeit zu erschüttern, sogar an die große, welche sich vor unseren menschlichen Kleinlichkeiten nicht beeinflußen läßt. Die Juden von Borscha stehen vor der Verzweiflung. Eine Stadt, deren Einwohner emigrieren. Es ist die Hoffnungslosigkeit in ihrer schrecklichsten Erscheinung. Eine Stadt, welche ausstirbt, denn —■ partir c’est un peu mourir. Menschen, nicht ein Mensch, nicht zehn, sondern Hunderte, eine ganze Stadt, ein Volk von Menschen, welches in Massen ein Leben von Generationen verläßt, so wie es war, so wie es im Laufe der Jahrhunderte geregelt wurde. Hunderte von Menschen, morgen werden es ihrer Hunderte von Familien sein, welche alle verlassen hundertjähriges Zusammensein, die Erinerungen so vieler Leiden, Freuden, Schwierigkeiten und Nöte, die gemeinsam mitgebracht wurden, Leute, die all dies verlassen und auswandern, um niemals wiederzukehren, auswandern, um sich spurlos zu verlieren auf fremden Boden, in fremdem Land und unter fremden Leuten. Sie wandern aus, auf der Suche nach einem Stückchen bitteren Brotes, verfolgt von Haß und Schlechtigkeit. Mittelalter! Abbrändler, von ruchloser Hand es geworden, ausgeliefert der moralischen und materiellen Not, verlassen sie die Stätten, an welchen ihre Eltern zur ewigen Ruhe bestattet sind, und ziehen hinaus in die Heimatlosigkeit, um in unbekannten Fernen eine Hütte für ihre Kinder errichten zu können. Kennt jemand eine erschütterndere Tragödie in der Geschichte der Völker als diese? Und nun erreicht uns eine unheilvolle Nachricht im Zusammenhang mit der Tragödie von Borscha. Bei der Eisenbahnkatastrophe in Frankreich, auf der Strecke nach Bordeaux, wurde auch e i n Rumäne von den 210 Auswanderern, die sich in diesem Zuge befanden und nach Afrika oder