Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 48 (28.11.1930)
- Date
- 1930-11-28
- Page
- Seite 682 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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682 Das Jüdische Echo Nr. 48 läßlich. Er ersuche deshalb den Bezirksverein, unverzüglich an den Landtag mit dem Ersuchen heranzutreten, das Gesetz einer Revision zu unterziehen. Auf Vorschlag des Geheimrats Weinberger, des Vorsitzenden des Bezirksvereins Bayern, wurde einstimmig beschlossen, die Schlachthofdirektion München um ein Gutachten über die Auswirkungen des Betäubungsgesetzes zu bitten. Nationalsozialistischer Skandal in Würzburg wegen eines Gastspiels der Habima Darüber berichtet das „Fränkische Volksblatt“, das Würzburger Organ der Bayerischen Volkspartei am Donnerstag, 20. November: Gestern abend fand im Stadttheater ein Gastspiel des Moskauer Hebräischen Künstlertheaters „Habima“ statt. Dieses Gastspiel jüdischer Künstler, zu dem natürlich in erster Linie jüdische Besucher zu erwarten waren, war für die Nationalsozialisten ein willkommener Anlaß zur Veranstaltung einer ihrer berüchtigten Demonstrationen. Schon lange vor 8 Uhr hatten sich Hunderte meist halbwüchsiger Burschen vor dem Theatereingang gegenüber dem Blumenwinkler zusammengerottet, die aus vollem Hals ihr „Heil Hitler!“, „Deutschland, erwache!“ und alle möglichen Verwünschungen gegen die Juden brüllten. Um 8 Uhr, als die Vorstellung beginnen sollte, erreichte das Höllenkonzert, ein wüstes Gemisch aus schrillem Gepfeif, Gejohl, Gegröl und nationalsozialistischem Gesang, seinen Höhepunkt, so daß man mit der Aufführung nicht anfangen konnte. Ein beschämendes Bild deutscher Zustände. Im Innern des Theaters ein erschrecktes, aufgeregtes Publikum, an den Türen blaue Polizei mit gezücktem Gummiknüppel und draußen eine wilde Horde, die von allen guten Geistern verlassen war. Übrigens, wenn man genau hinsah, so waren es dieselben Burschen, die seinerzeit den Ministerpräsidenten Held, als er aus der Versammlung im Huttenschen Garten kam, niederzubrüllen versuchten. Merkwürdig ist, daß die Polizeiverwaltung diesem widerlichen Skandal von vornherein nicht energischer entgegengetreten ist. Sie wußte, daß eine derartige Demonstration beabsichtigt war. Schon am Vormittag war ein Polizeihauptmann bei dßr Theaterleitung, um geeignete Maßnahmen zu besprechen. Infolgedessen war zwar für Schutz im Zuschauerraum durch Kriminalbeamte und für blaue Posten am Eingang gesorgt. Aber diese Maßnahmen erwiesen sich als durchaus unzureichend. Nur mit Mühe war ein Eindringen der fanatisierten Massen ins Theaterinnere zu verhindern. Und es wurde, obwohl man Schon um 8 Uhr dringend um Unterstützung telephonierte, Uhr, bis die grüne Polizei erschien und die Theaterstraße säuberte. Mit mehr als halbstündiger Verspätung konnte endlich die Vorstellung beginnen. Sie wurde, da die Landespolizei alle Zufahrtsstraßen absperrte, ohne Störung zu Ende geführt. Das Johlen jenseits der Postenkette freilich dauerte noch bis tief in die Nacht. Fest steht, daß, trotzdem man von ihr wußte, die Demonstration über eine halbe Stunde dauern konnte, ehe man zu ihrer Auflösung schritt. Eine lange und sehr kritische Zeit, in der nur durch die besonnene Energie der Blauen größeres Unheil verhütet wurde.“ Die Nazi-Krawalle vor dem Würzburger Stadtrat Würzburg, 23. November. Der Würzburger Stadtrat befaßte sich in seiner letzten Sitzung mit der Störung des Habima-Gastspiels im Stadttheater durch Nationalsozialisten, wobei mehrere Theaterbesucher, besonders jüdische, schwer belästigt und mißhandelt wurden. Der sozialdemokratische Stadtverordnete, Racky, begründete die Interpellation seiner Fraktion und wies darauf hin, daß die Krawalle mit Hilfe von hetzerischen Flugblättern planmäßig von den Nationalsozialisten vorbereitet wurden. Dieses Flugblatt sei von der Polizei zu spät beschlagnahmt worden. Auch sei die Polizei zu spät, erst um 8% Uhr abends, vor dem Theater erschienen, um die Straßen von den Hunderten Nationalsozialisten, die das Theater belagerten, zu säubern. Oberbürgermeister Dr. Löffler erklärte, er habe die Vorgänuge auf der Straße selbst miterlebt; die Polizeidirektion habe offenbar aus dem Inhalt des Flugblattes den Eindruck gewonnen, daß „lediglich“ eine Störung der Theatervorstellung geplant sei, etwa durch Werfen von Stinkbomben uSw. Darum habe es so lange gedauert, bis vor dem Theater Ruhe geschaffen wurde. Die Leute, fuhr der Oberbürgermeister fort, die sich vor dem Theater zusommengerottet hatten, waren nicht die Blüte der deutschen Jugend. Es durfte nicht passieren, daß 25 bis 30 junge deutsche Menschen über einen einzelnen Menschen herfielen und ihn blutig schlugen. Das war kein Heldenstück! Ich wünsche diesen Leuten, daß auch sie einmal in die Lage kämen, solchen Anpöbelungen ausgesetzt zu sein, in sich den Ekel aufsteigen fühlen, von einer Rotte bedroht und beleidigt zu werden. Wenn man durch die Straßen ging, hörte man immer wieder die Worte: „Eine Schande für Würzburg!“ (Rufe: Sehr richtig!) Die Polizeidirektion wird die Vorwürfe gegen ihre Beamten zur Kenntnis nehmen. Der Führer der nationalsozialistischen Rathausfraktion Wolz erklärte, er billige nicht die Ausschreitungen. Auch er habe beim Lesen des Flugblatts den Eindruck gehabt, daß es sich nur um eine „Kritik“ handele. Er glaube nicht, daß das Flugblatt von parteioffizieller Seite verbreitet wurde. (Gelächter.) Er halte die Habima-Aufführung für unklug und für einen Verstoß gegen das nationale Interesse. Die Habima-Aufführung verfolgte Propagandazwecke, das fühlen auch kluge Leute unter den Juden selbst. Wir haben keine Ursache, fremde Leute zu füttern. Oberbürgermeister Dr. Löffler weist auf die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit hin, daß dann die deutsche Kunst in den anderen Ländern ebenso behandelt werden würde. Der Demokrat Willms meinte, der nationalsozialistische Redner habe die Sache so dargestellt, als wenn die Initiar tive zu der Habima-Vorstellung von den Würzburger Juden ausgegangen wäre; in Wirklichkeit habe die Theater-Intendanz die Habima zu Gaste geladen. Der Sozialdemokrat Racky stellte fest, daß das Flugblatt mit „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“ unterzeichnet sei. Das Flugblatt enthalte die Aufforderung zur Demonstration, In einer von der Würzburger Kultusgemeinde gemeinschaftlich mit dem Central-Verein einberufdnen öffentlichen Versammlung legte die Würzburger Jüdische Gemeinde schärfsten Protest gegen den ungenügenden polizeilichen Schutz ein, der den Juden bei den Ausschreitungen vor dem