Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 47 (21.11.1930)
- Date
- 1930-11-21
- Page
- Seite 670 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9241537--11314-9223373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
670 Das Jüdische Echo Nr. 47 Jahresversammlung des Amerikanisch-Jüdischen Komitees statt.. Es wurden Referate über das Ansteigen der antisemitischen Hochflut in verschiedenen Ländern erstattet. Das Komitee gab seinem tiefen Bedauern darüber Ausdruck, daß ein Kulturvolk wie die Deutschen vom Antisemitismus erfaßt wurde. In einer Resolution brachte das Komitee seine Enttäuschung über das P a 1 äi st J n a - W e i ß b u c h der englischen Regierung und seine Entschlossenheit zum Ausdruck, die Bemühungen der Jewish Agency um eine Änderung der britischen Politik mit allen Kräften zu unterstützen. Das Komitee beschloß, die in jüngster Zeit akut gewordene Frage der Benachteiligung jüdischer Stellensuchender in den Vereinigten Staaten einer speziellen Untersuchung zu unterziehen. Cyrus. Adler wurde zum Präsidenten, Julius Rosenwald und Irwing Lehman zu Vizepräsidenten des Komitees wiedergewählt. Semestereröffnung an der Universität Jerusalem Ansprachen des Rektors und des Dekans der mathematischen Fakultät Jerusalem, 11. November. (JTA.) Anläßlich der Eröffnung des Wintersemesters an der hebräischen Universität in Jerusalem hielt Rektor Dr. Magnes eine Ansprache, in der er es streng vermied, die politische Situation zu berühren. Er sprach über die schwierige finanzielle Lage, in die die Universität infolge Nichtrückerstattung von Schulden geraten sei, erklärte jedoch, auch Einschränkungen hätten manchmal ihr Gutes. Armut könne den Fortschritt von Kunst und Wissenschaft nicht beeinträchtigen. Der Lebensstandard in Palästina sei vielleicht für ein so kleines Land zu hoch. Prof. Fränkel, der Dekan der mathematischen Fakultät, sprach über die tragische Krise, die das jüdische Palästina gegenwärtig durchzumachen habe. Er erklärte, die Verbundenheit der Juden mit Palästina sei älter als die Balfour-Deklaration. Die Juden seien heute in einer ähnlichen Lage wie vor der Überschreitung des Roten Meeres. Damals standen sie, von Schrecken erfaßt, am Ufer und wagten_nicht ihren Weg fortzusetzen. Gott aber sprach zu Moses: „Befiehl den Kindern Israels vorwärts zu gehen!“. Abschluß großer Drainagearbeiten bei Haifa Eine Ansprache Ussischkin Jerusalem, 13. November. (JTA.) Anläßlich des Abschlusses der mit einem Kostenaufwand von 25 000 Pfund durchgeführten Drainage-Arbeiten an der Bucht von Haifa, bei denen 250 Arbeiter seit dem Juli 1929 beschäftigt waren, hilt M. M. Ussischkin ein Ansprache, in der er u. a. sagte: Wir wissen, daß die englische Regierung in die Fußtapfen der Türken tritt, daß sie uns feindlich gesinnt ist und die Errichtung eines Landes Ismael nicht aber eines Landes Israel wünscht. Dennoch werden wir siegen, denn Palästina bedeutet für uns das Leben selbst. Ben Zwi und Mohf erklärten, praktischer Aufbau sei das beste Mittel zur Bekämpfung politischer Rückschläge, während Razily namens der Arbeiter erklärte, diese würden mit jedem Feind ebenso fertig werden wie mit Moskitos und Malaria. Die diesjährige palästinensische Orangenernte Jaffa, 13. November. (JTA.) Der Gesamtexport von Palästina-Orangen nach England wird in diesem Jahre auf zweieinhalb Millionen Kisten geschätzt. Der erste Transport von 27 000 Kisten ist am 12. November von Jaffa abgegangen. Im Hinblick auf die schlechte spanische Ernte dürften auf dem englischen Markt höhere Orangen-Preise als im Vorjahre erzielt werden. Feuilleton Ein jüdisches Jesusbuch Joseph Klausners Jesusbuch*, das in hebräischer und englischer Sprache große Beachtung gefunden hat, liegt nun seit einiger Zeit auch in deutscher Übersetzung vor. Zum großen Teil beruht der Wert dieses Werkes bereits darauf, daß hier zum ersten Male ein Jude für Juden auf wissenschaftlicher Grundlage über eine historische Gestalt schreibt, die den Juden bisher — wenn überhaupt — nur unvollkommen und verzerrt bekannt war, obwohl sie unmöglich aus der jüdischen Geschichte herausgelöst werden kann. Und darin besteht die eigentliche wissenschaftliche Bedeutung des Klausnerschen Buches, daß er mit besonderem Nachdruck zeigt, wie die Persönlichkeit und das Wirken Jesu nicht verstanden werden kann ohne den historischen jüdischen Hintergrund, von dem er sich abhebt. So erfährt die jüdische Seite des Jesusproblems eine besonders eingehende Behandlung, indem die gesamte hebräisch-aramäische Literatur herangezogen wird, um Jesu Tätigkeit und Lehre mit seiner Zeit und Umwelt in Zusammenhang zu bringen und zu zeigen, welche Stellung die Juden zu Jesus einnahmen und wie sich diese Stellung im Laufe der Zeit veränderte. Während Klausner in seiner Auswertung der außerjüdischen, christlichen und heidnischen Quellen weitgehend auf früheren Forschungsergebnissen fußend diese nur zu einer Darstellung zusammenfaßt, bringt er wirklich neue Ergebnisse durch * Jüdischer Verlag, Berlin. seine Erforschung der jüdischen Quellen. Er zeigt hier deutlich, wie die Zeitgenossen Jesu und noch die frühen Tannaiten in Jesus noch einen Juden, wenn auch einen ketzerischen, sahen und wie erst in viel späterer Zeit die faktische Scheidung von Judentum und Christentum sich vollzog. Andererseits macht er aber auch deutlich, daß nicht erst Paulus und seine Genossen die neue Religion gestalteten, sondern daß schon in Jesu Lehre die Keime zu einer Entwicklung lagen, die vom Judentum wegführen mußte. Vor allem der universelle und aufs Jenseits gerichtete Charakter des Christentums vertrug sich nicht mit der jüdischen Religion, die dem jüdischen Volk eine besondere Aufgabe in dieser Welt zuweist. Das Fehlen des Interesses an den irdischen Angelegenheiten bei Jesu war es auch, das ihm die Juden entfremdete, denen in seinem Messianismus sich keine Hiife in ihrer nationalen Not zeigte. Nur die zweite Hälfte des Klausnerschen Buches erzählt das Leben Jesu. Die beiden ersten großen Abschnitte behandeln die Quellen und die Epoche, wobei sich die umfassenden judaistischen Kenntnisse des Verfassers ausgezeichnet bewähren. Dann schildert Klausner die einzelnen Etappen des Lebens seines Helden, die Jugendgeschichte, den Beginn der Wirksamkeit, die Offenbarung als Messias, die Tätigkeit in Jerusalem und die Verurteilung und Kreuzigung. Zum Schluß wird Jesu Lehre systematisch dargestellt und ihre Beziehung