Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 47 (21.11.1930)
- Date
- 1930-11-21
- Page
- Seite 668 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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668 Das Jüdische Echo Nr. 47 Antisemitische Siudentenauschreitungen in Berlin über die Vorfälle an der Berliner Universität sind unsere Leser zweifellos durch die Tagespresse eingehend unterrichtet. Die folgenden beiden Mitteilungen sind jedoch wohl noch nicht genügend bekannt: Berlin, 15. November. (JTA.) Die nationalsozialistischen Krawalle an der Berliner Universität sind, wie die Ullsteinpresse mitteilt, durchaus nicht als Ausfluß einer spontanen Erregung zu bewerten, sondern als eine planmäßig vorbereitete Aktion. Am Dienstag abend hat eine Versammlung des Nationalsozialistischen Studentenbundes in den Passage Bierhallen, an der etwa 100 Mitglieder teilnahmen, auf Antrag des „Sektionsführers“ von Bünau beschlossen, eine Reihe Universitätskrawalle zu organisieren, aber so zu Werke zu geben, daß der Eindruck einer „spontanen“ Handlung entsteht. Nationalsozialisten als „Ordner“ in der Berliner Universität Berlin, 10. November. (JTA.) Der Rektor der Berliner Universität Prof. Dr. Deißmann hat zur Aufrechterhaltung der Ruhe einen Ordnerdienst aus Studenten aller Parteirichtungen organisiert. Wie diese Ordner, die zu einem großen Teil aus Nationalsozialisten bestehen, zu Werke gehen, schildert ein Augenzeuge dem „Vorwärts“: Mit großen Hakenkreuzen geschmückt patrouillieren diese Studenten durch die Gänge, um alle Personen anzupöbeln, die ihnen aus irgendeinem Grunde nicht gefallen. Der Augenzeuge fordert die Universitätsleitung auf, sich einmal Bericht darüber erstatten zu lassen, was für Studenten von den nationalsozialistischen Ordnern besonders bedroht werden. Dann würde bald festgestellt werden, daß die jüdischen Studenten hinausgeekelt werden sollen. In Wien Wien, 10. November. (JTA.) Am Montag, dem 10. November, nachmittags, war die Wiener Hochschule für Welthandel der Schauplatz wüster Ausschreitungen gegen die jüdische Hörerschaft dieser Hochschule. Die jüdischen Studenten wurden gezwungen, die Hochschule zu verlassen. Die antisemitische Studentenschaft gab als Grund für ihr Vorgehen an, eine jüdisch-nationale Studentenvereinigung habe, ohne das Rektorat zu befragen, eine Kundgebung, in der zu einer Versammlung einberufen wurde, anschlagen lassen. Die Anschlagkästen der jüdischen Vereinigung wurden zertrümmert. Wien, 11. November. (JTA.) An der Wiener Hochschule für Welthandel wiederholten sich heute die antisemitischen Ausschreitungen gegen die jüdische Hörerschaft. Etwa gegen 10 Uhr vormittags sammelten sich in der Aula Gruppen von völkischen und Heiniwehrstudenten, darunter viele aus anderen Hochschulen, an. Plötzlich, wie auf ein gegebenes Signal, stürzten sich diese Gruppen mit dem Rufe „Juden hinaus!“ auf die jüdischen Hörer und begannen auf sie einzuschlagen. Ein Professor versuchte, die Exzedenten zu beruhigen, seine Ansprache war aber wirkungslos. Schließlich stellten die Hakenkreuzler der jüdischen Hörerschaft ein Ultimatum, binnen fünf Minuten das Hochschulgebäude zu verlassen. Die jüdische Studentenschaft ignorierte dies Ultimatum. Nach Ablauf der fünf Minuten stürzten sich die Hakenkreuzler auf die jüdischen Studenten, schlugen nochmals auf sie ein und drängten sie zum Gebäude hinaus. Einige jüdische Studenten erlitten dabei stark blutende Wunden. Vor dem Gebäude stellte ein Polizeiaufgebot die Ruhe her. Der Rektor, der bisher alle jüdischen Beschwerden ignorierte und sich weigerte, eine Abordnung der jüdischen Studentenschaft zu empfangen, hatte, obwohl ihm bekannt war, was sich in der Aula vorbereitete, vor Ausbruch der Exzesse das Hochschulgebäude verlassen. Budapest, 11. November. (JTA.) An der Szeged e r Universität kam es gestern zu antisemitischen Ausschreitungen gegen die jüdischen Studenten. Protektor Hitler Jena, 16'. November. (JTA.) Am Sonnabend, den 15. November, hielt der antisemitische Rassetheoretiker Günther, der gegen den Willen des Lehrkörpers der Universität Jena vom Unterrichtsminister Frick zum Professor an dieser Universität ernannt worden war, seine Antrittsvorlesung über Zusammensetzung und Entwicklung der in Deutschland vertretenen Rassen. Die Aula der Universität war von Hakenkreuzstudenten und Hakenkreuzgästen dicht besetzt. Unmittelbar vor Günther waren Frick und Hitler im Saal erschienen, sie wurden mit lauten Heilrufen empfangen. Die Aula bot das Bild einer nationalsozialistischen Propagandaversammlung. Die Wahlen in Polen Der Wahltag vom 16. November brachte eine noch kaum für möglich gehaltene Verstärkung des Terrors gegen alle Parteien, die nicht dem Pilsudski- Lager angehören. Besonders stark wirkte sich dieser Terror gegen die nationalen Minderheiten und unter diesen vor allem gegen die zionistische Liste aus. In der Nacht auf den 16. November überfielen Pilsudski-Anhänger die Redaktion und die Druckerei des „Hajnt“ in Warschau, verwüsteten die Redaktionsräume, zerstörten die Setzerei und schlugen den einzigen noch anwesenden Setzer blutig. Zweck dieses Überfalls war, das Erscheinen der Wahlnummer des „Hajnt“ zu verhindern. Diese Absicht wurde jedoch nicht erreicht, denn die in vielen Zehntausenden Exemplaren herausgegebene Wahlnummer war gerade eine halbe Stunde vor dem Überfall restlos zum Versand gebracht worden. Schon vorher waren die jüdischen Zeitungen in unglaublicher Weise terrorisiert worden. So war der „Hajnt“ am 12. November mit folgender Mitteilung erschienen: „An unsere Leser! Erklärung der Redaktion. Wir haben schon gestern mitgeteilt, daß wir aus bestimmten Gründen beschlossen haben, über die Sejmwahlen lieber nicht zu schreiben. Um Mißverständnissen vorzubeugen, erachten wir es notwendig, festzustellen, daß unser Schweigen keine Änderung in der Haltung unserer Redaktion und unserer Mitarbeiter in bezug auf die Wahlen bedeutet. Diese Stellung ist unseren Lesern gut bekannt.“ Um diese Erklärung zu verstehen, sei mitgeteilt, daß am vorigen Freitag Polizei in der Druckerei des „Hajnt“ erschien, alles auf die Wahlen bezügliche Material beschlagnahmte und die Druckerei verwüstete. Das gleiche Schicksal erlitten auch andere jüdischen Zeitungen. Nach den bis Montag, dem 17. d. M„ vormittags vorliegenden vorläufigen Ergebnissen sind zehn jüdische Abgeordnete gewählt worden. In Warschau ist Jizchak Grünbaum gewählt, in Lodz Dr. Uri Rosenblatt, in Krakau Dr. Osias Thon, in Wilna Dr.