Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 47 (21.11.1930)
- Date
- 1930-11-21
- Page
- Seite 666 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9241537--11310-9223369- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
666 Das Jüdische Echo Nr. 47 sondern von den Fortschritten, die wir selbst machen, abhängig. Und all die schönen Leitartikel und schönen Reden, die Demonstrationen und Protestresolutionen, die heute in unseren Reihen laut werden, haben nur dann einen Wert, wenn sie Taten auslösen. Nur Taten der inneren Geschlossenheit und der Sammlung aller unserer Kräfte werden uns durch alle Nöte und Wirren unserem Ziele zuführen und uns befähigen, über alle äußeren Hemmungen und Widersacher zu triumphieren. G. D. Palästina-Debatte im Unterhaus Lloyd George appelliert an das Parlament, das Vertrauen der Welt zu Englands Verwaltungskunst wiederherzustellen London, 17. November. (JTA.) Am Montag, den 17. November, wurde im englischen Unterhaus die Debatte über die künftige Palästina-Politik der englischen Regierung durch eine Rede Lloyd Georges, unter dessen Ministerpräsidentschaft die Balfour-Deklaration erlassen wurde, eröffnet. Lloyd George verlas zunächst den Text der Balfour- Deklaration und erklärte, der Grundgedanke dieses Dokuments sei nicht der gewesen, den Juden bloß die Möglichkeit zu geben, in Palästina zu kolonisieren, sondern dort ein Nationalheim zu schaffen, durch das die Wiedergeburt der hebräischen Kultur gewährleistet werden kann. Das neue Weißbuch der englischen Regierung werde allgemein als Widerruf des Mandats gewertet. Aus diesem Grunde und angesichts der Tatsache, daß das Weißbuch veröffentlicht wurde, ohne daß vorher mit kompetenten Faktoren Beratungen abgehalten wurden, ja sogar, ohne daß die Sanktion des Ministerpräsidenten eingeholt wurde, sei es notwendig, daß dem Parlament Gelegenheit gegeben werde, die entstandenen Mißverständnisse aufzuklären. Das Weißbuch sei offenbar ein Ausfluß der Verstimmung, die die Kritik der Mandatskommission des Völkerbundes an der englischen Verwaltung Palästinas auf seiten der jetzigen englischen Regierung erzeugt hat. England sei nicht berechtigt, Sinn und Inhalt des Mandats, das ein internationales Dokument darstellt, zu ändern. Wenn sich England nicht entschließen könne, das Mandat seinem Geist und Wortlaut gemäß zu verwalten, müsse es seinen Auftrag in die Hände des Völkerbundes zurücklegen. Das Weißbuch sei einseitig und parteiisch in einem dem Geist des Mandats feindseligen Sinn abgefaßt und atme in jeder Zeile Mißtrauen und Feindschaft gegen die jüdische Aufbauarbeit. Nur wenn man annehme, daß es ein Elaborat judenfeindlicher Beamten sei, erscheine sein Ton und Inhalt verständlich. Lloyd George kam sodann auf die im Weißbuch enthaltenen Angriffe gegen die jüdische Arbeiterorganisation Palästinas zu sprechen und gab seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß eine Arbeiterregierung das Werk der palästinensischen Arbeiterschaft mißbillige. Wenn man sich dies vor Augen halte, müsse man sich fragen, ob dieses Maß von Antisemitismus überhaupt noch zu überbieten sei. Während überall in der Welt die Arbeitslosigkeit als zwangsläufige Folge der herrschenden Weltwirtschaftskrise erkannt wird, schiebt das Weißbuch die Schuld an der Arbeitslosigkeit in Palästina den Juden in die Schuhe. Mit allem Nachdruck wies Lloyd George die gegen die Juden erhobene Beschuldigung, daß sie arme Araber von ihrem Grund und Boden vertreiben, zurück. Die jüdische Kolonisation sei im Gegenteil auch den Arabern zugute gekommen. Die Erkenntnis ihrer Unfähigkeit, den Arabern zu helfen, scheine die Regierungspolitik zu dem Entschluß geführt zu haben, den Juden jede Hilfe zu versagen. Doch werde hierbei übersehen, daß in Transjordanien weite Territorien zur Verfügung stehen, die durch entsprechende Entwicklung der Besiedlung durch Araber zugeführt werden können. Zum Schlüsse erklärte Lloyd George, ein Mißerfolg Englands in Palästina würde die Aufmerksamkeit aller Nationen der Welt in einer für England sehr peinlichen Weise auf sich lenken. Deshalb richte er den Appell an die Regierung, durch eine erfolgreiche Politik das Vertrauen der Welt zu der bewährten Kunst Englands, ein Imperium zu verwalten, wiederherzustellen. Auf die Angriffe Lloyd Georges erwiderte als Vertreter des Kolonialamtes Unterstaatssekretär D r. D r u in m o n d S h i e 1 s. Er wies darauf hin, daß der Inhalt des Weißbuches vielfach unrichtig interpretiert wurde. Er mußte zugeben, daß der Landentwicklungsplan der Regierung zunächst die Ansiedlung jener Araber, die infolge jüdischer Bodenkäufe ihren Grund und Boden verloren haben, vorsehe. Doch werde der nach Ansiedlung dieser Kategorie von Arabern übrig bleibende Teil der Bodenreserve für die Ansiedlung von Juden und Arabern zur Verfügung gestellt werden. Auf Zwischenrufe Lloyd Georges und des ehemaligen Unterstaats-sekretärs im Kolonialamt Ormsby-Gore erklärte Shiels, eine jüdisch-arabische Round Table Konferenz sei an der Weigerung der Araber, an einer solchen Konferenz teilzunehmen, gescheitert. Shiels erklärte weiter, die Regierung werde die Errichtung des Jüdischen Nationalheims in Übereinstimmung mit den durch England übernommenen Verpflichtungen erleichtern, dürfe jedoch die Tatsache, daß die Araber Palästinas vier Fünftel der Gesamtbevölkerung Palästinas ausmachen, nicht außer Acht lassen. Zwei Gründe seien maßgebend für Englands Verhalten gegenüber der nichtjüdischen Bevölkerung Palästinas: Erstens erfordere es die Nationalehre Englands, jene internationalen Verpflichtungen zu erfüllen, durch die der nicht jüdischen Bevölkerung Palästinas die gleiche Behandlung wie den Juden zugesichert erscheint. Zweitens könne, wie auch Weizmann, der einsichtsvollste Führer des Zionismus, erkannt habe, ein voller Erfolg für den Aufbau des Jüdischen Nationalheims nur unter der Voraussetzung erwartet werden, daß die arabische Bevölkerung mit der Errichtung dieses Nationalheims einverstanden ist. Die englische Regierung habe in ihrem Bestreben, beiden Teilen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, stets ehrenhaft nach den Grundsätzen von Treu und Glauben gehandelt. Als nächster Redner sprach der ehemalige Kolonienminister A m e r y , der der Regierung den Vorwurf machte, sie habe in das Weißbuch zwar alle den Juden ungünstigen Stellen des Simpson-Berichtes aufgenommen, seine für die Juden günstigen Stellen jedoch völlig außer Acht gelassen. Ministerpräsident MacDonald erklärte, die Regierung halte weiterhin an den Bestimmungen des Mandates fest, es sei jedoch notwendig, daß das Tempo der Kolonisation verlangsamt werde. Auf diese Weise werde das gesteckte Ziel eher erreicht werden können, als durch überstürztes Vorgehen. Bei diesen Worten wendete sich MacDonald gegen Dr. Weizmann, der den Verhandlungen des Unterhauses auf der Besucher-Galerie folgte. Sir Herbert Samuel erklärte, die Juden, die selbst Jahrtausende lang unter schwerer Unterdrückung zu leiden hatten und stets Vorkämpfer der geistigen Entwicklung der Menschheit waren, würden niemals daran denken, die Araber in Palästina zu unterdrükken. Die Zahl jener extremen Zionisten, welche