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Das jüdische Echo · 1930-11-21 · 47 (21.11.1930) · p. Seite 665

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
47 (21.11.1930)
Date
1930-11-21
Page
Seite 665 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 47 Das Jüdische Echo 665 Diese Meinung ist allerdings kennzeichnend. So denken allerdings jene zahllosen Wählerscharen, die am 14. September den Judenhaß demonstrieren. Aber diese Meinung ist gleichzeitig auch das Todesurteil für die Central-Vereins-Arbeil. Hier steht es klar und deutlich: es nützt nichts, zu zeigen, wieviel wir für Deutschland getan haben, wie wichtig und wertvoll wir für dieses Reich sind. Diese Methode hat versagt, und die Theorie, auf der sie beruht, kann ruhig verschrottet werden. Wir müssen weiter kämpfen, aber auf anderer Ebene und mit anderen Mitteln, und deshalb Bruderkampf? Diese ganze Einstellung, so wertlos gegenüber den Antisemiten, hat nur noch eine Bedeutung: der Central-Verein zieht daraus die Konsequenz, daß er gegen die Zionisten kämpfen muß, um seinen deutschen Charakter zu beweisen. Das ist der Höhepunkt des Unfugs. Wenn aber diese Einstellung des Central-Vereins nicht nur den Antisemitismus nicht hemmt, sondern dafür sogar den innerjüdischen Kampf erzwingt, so ist sie nicht nur wertlos, sondern schädlich. Der Central-Verein sollte bald seine Gesinnung ändern, ehe man über ihn selbst das gleiche Urteil fällen muß. Wir haben im Vorstehenden gezeigt: Die Ideologie des Central-Vereins ist unwahrhaftig. Er selbst glaubt nicht mehr an sie. Sie macht uns unfähig im Kampf gegen den Antisemitismus und schädigt uns. Die Folge wäre, diese Gesinnung zu ändern. Was tut der Central-Verein? Vor Tische, nämlich vor der Reichslagswahl, machte er alle Anstrengungen, auch die Zionisten, ihre Arbeit und ihr Geld in seinen Abwehrkampf einzugliedern. Jetzt wirft er die Maske von sich und deklariert sich offen als das, was er ist. Er ist nicht die große Abwehr-Organisation aller deutschen Juden, sondern er ist die inner jüdische Organisation der unverbesserlichen liberalen Assimilanten und einiger deutschassimilierter Konservativen aus der Hinterprovinz. Wenn der Central-Verein geglaubt haben sollte, mit dieser offenen und unverblümten Kampfansage das deutsche Judentum zu beruhigen und etwa seine wahre Situation vergessen zu lassen, so wird er sich erheblich irren. Die Situation des deutschen Judentums wird gewiß noch schwieriger, wenn der Central-Verein jetzt mutwillig den innerjüdischen Zwist erneuert. Aber wir wissen jetzt wenigstens, woran wir sind. Auch dieser Kampf wird leichter, wenn man die Wahrheit kennt. Vom engen Parteistandpunkt aus haben die Zionisten vermutlich gar keinen Grund zur Trauer. Aber die jüdische Gesamtheit ist der Leidtragende in diesem überflüssigen Spiel. R. S. Ernüchterung u. Entschlossenheit Zur zionistischen Situation Die Bewilligung der 1500 Arbeiterzertifikate durch das britische Kolonialamt ist der sichtbarste Ausdruck, daß sich die englischen verantwortlichen Stellen bemühen, durch Handlungen den bösen Eindruck zu mildern, den das neue Weißbuch auf Juden und Nichtjuden, wenn sie nur gerechtdenkend sind, gemacht hat. Allerdings folgte der Bewilligung der Zertifikate sofort ein Reuter-Kommentar, in dem es wieder heißt, die englische Regierung wolle durch diese Bewilligung nicht etwa ihre Palästinapolitik, die seit jeher unverändert geblieben ist, ändern. Das ist die alle Sprache der Offiziellen und keine moderne Zeit kann den Zustand ändern, daß Regierungsmänner mit ernster Miene schwarz für weiß erklären, um hinterher zu behaupten, das Weisse sei eigentlich stets schwarz geblieben. Wir sind jedenfalls gewitzigt und darum wenig geneigt, fortan Worten zu trauen. Der Worte sind genug gewechselt, wir wollen Taten sehen. Wenn wir aber anderseits auch über den sonderbaren Eifer unserer Totengräber, die sich so sehr beeilen, den Zionismus einzusargen, die Klageweiber, Trauerredner und Kaddischsager, die plötzlich alle guten Seiten des politischen Zionismus zu würdigen verstehen, weil sie ihn bereits tot wähnen, die liebe Verwandtschaft, die sich bereits um die Erbschaft und Nachfolge herumbalgt (siehe Leitartikel von Pinchas Kohn der agudistischen „Jüdischen Presse“ in Wien vom 24. Oktober), wenn wir über all das hinweg sicher und zielbewußt wieder zur Tagesarbeit unseres palästinensischen Aufbauwerkes übergehen können, dürfen wir uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß unser Verhältnis mit England und damit das zionistische Werk einen argen Knacks abbekommen hat. Doch mit Jeremiaden macht man keine Politik und wir wollen uns nicht weiter mit den Klageliedern befassen, sondern uns mehr den praktischen Aufgaben und Forderungen der Gegenwart zuwenden. Der Aufruf der Zionistischen Exekutive, der vor einigen Tagen erschienen ist, zeigt uns den Weg, den wir in der nächsten Zukunft zu gehen haben. In dem Satz: „Aber nicht auf andere, wie wertvoll auch immer ihre Hilfe ist, auf uns selbst in erster Linie kommt es an in unserer Arbeit“, ist die Forderung der Stunde vorgezeichnet. Mögen noch so sehr dunkle Wolken unseren Horizont verdüstern, solange wir nicht selbst in Schatten treten, wird uns keine Macht mehr unseren Platz an der Sonne streitig machen können. Wir haben es ja in diesen Tagen gesteigerten Seufzens über den Schächergeist der englischen Diplomatie und des Zweifelns an der Gerechtigkeit einer internationalen Politik erfahren, daß das öffentliche Gewissen, das meistens zur falschen Zeit und nur durch das Indianergeheul von Demagogen aus seinem tiefen Schlaf geweckt werden kann, manchmal auch zur rechten Zeit durch leises Pochen an das Rechtsgefühl der Völker erwacht. So sehr auch das politische Leben an Unaufrichtigkeit und Verlogenheit zerfressen ist, haben die mutigen und ehrlichen Stimmen von Baldwin, Lloyd George, Amery, Smuts, Churchill und anderen den Beweis erbracht, daß hinter List und Tücke sich auch ein Geist des Herzens regt, der uns berechtigt, wieder Vertrauen auf den Sieg des Rechtes zu setzen. Doch die Lehre, die wir aus den letzten Zeitereignissen gezogen haben, dürfen wir nicht mehr außer acht lassen. Wenn auch Passfield heute wiederholt erklärt, daß „nur ein Mißverständnis“ vorliegt, so sollen wir trotzdem nicht die Reden und Versprechungen der anderen, sondern unsere eigene Kraft zu verantwortlichen Handlungen machen. Solange die englische Staatskunst nach einsichtvollen Reden und Zusagen immer nur das Falsche tut und hinter geschwollenen und aufgeblasenen Worten nur schwammige Begriffe verbirgt, denen man nach Belieben alles, was sie aufsaugen, wieder herausdrükken kann, haben wir keinen Anlaß, über das hohe C hoffnungsvoller Zukunftsmusik, die die englischen Solosänger wieder anstimmen, Purzelbäume der Begeisterung zu schlagen. Das „Mißverständnis“ lag nicht nur auf englischer, sondern auch an unserer Seite. Denn „nicht nur der zu viel verspricht, sondern der zu viel erwartet, schadet sich selbst“. Die Zukunft Palästinas und das Gelingen unseres Werkes ist nicht so sehr vom Wohlwollen der anderen,

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