Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 47 (21.11.1930)
- Date
- 1930-11-21
- Page
- Seite 664 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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664 Das Jüdische Echo Nr. 47 Denn kein größerer Gegensatz ist denkbar als der zwischen den Forderungen wahrer Religion auf der einen und denen des Staates auf der anderen Seite. Religion — sie ist allerdings in ihrem wahren und nicht korrumpierten Gehalt heute selten zu treffen — Religion bedeutet ein göttliches Gesetz, das in seiner Absolutheit Grenzen und Eingriffe des Staatlichen nicht kennt. Religion beansprucht, über dem Staate zu stehen, der Richter und Urteilssprecher des Staates zu sein. So wagten es die jüdischen Propheten, sich gegen ihren eigenen Staat zu wenden, wenn sie meinten, daß die Staatsraison von damals die Grundlage der religiösen Ethik verlassen habe. So ist es bis heute geblieben, und für jeden religiösen Führer ist es heute nicht ganz einfach, den Forderungen der absoluten religiösen Gesetze und den Anforderungen des Staates und der Gesellschaft der Gegenwart in gleicher Weise nachzukommen. Für die wahre Religion ist selbst Patriotismus ein zeitgebundener und zeitbedingter Wert — und bei weitem nicht der höchste. Die Liberalen möchten so gern ihre Weltanschauung gerade von den jüdischen Propheten ableiten. Sie deuten dazu den Kampf um den Arnos oder Jeremia gegen ihren Staat und ihre Zeit geführt haben, um zu einem angeblichen Kampf gegen das lebendige Volkstum, das für die aus dem Volk herausgewaohsenen Propheten ganz selbstverständlich und natürlich der Träger der Religion war. Diese Geschichtsklitterung ist unhistorisch und banal, und sie ist schon beinahe unästhetisch. Sie macht zu aufdringlich deutlich, daß der Wunsch ihr Vater und der Opportunismus ihre Mutter war. Sie erklärt uns, warum der Liberalismus sich so willig den Forderungen des Staates einzufügen vermag. Wieviele liberale Feldrabbiner waren es, die den Mut gefunden haben, den Krieg zu verwerfen und die Forderung der Religion gegenüber der des Staates hochzuhalten? Die meisten hatten stillschweigend ein Moratorium der jüdischen Religion beschlossen. Und heute erzählt man nur von religiösen Parteien! Wäre es anders, so müßte das patriotische Bemühen des Central-Vereins sich andere, ungefährlichere Bundesgenossen suchen. Die Theorie des „Ubi bene...“ Der Gentral-Verein hat eine Theorie. Nach dieser Theorie ist der Jude ein Deutscher wie alle anderen. Nur in der Sphäre der Religion — im praktischen Leben ohnehin von geringerer Bedeutung — unterscheidet er sich etwas. Das ist der theoretische Ausdruck für das praktische Streben, das jüdische Leben möglichst unauffällig in das der deutschen Umwelt verschwinden zu lassen. Je weniger eigentümlich und eigenartig das jüdische Lehen erscheint, desto besser ist es, denn desto weniger kann es Anstoß erregen. Je weniger es in der Umwelt bemerkbar ist, je mehr es sich auf gelegentliche Betätigung, auf schmale Lehensbezirke (wie Logen und Vereine) zurückzieht, desto leichter erscheint der Abwehrkampf. Diese Anschauung und diese Gesinnung hat schon Abraham Geiger in kaum noch zu übertreffender Weise in einem einzigen Satze ausgedrückt, wenn er sagt: „Luft und Licht verlangt das Judentum, und wo sie ihm geboten werden, ist seine Heimat, da fühlt es sich wie im Vaterland, als wäre es seit Jahrhunderten daselbst eingebürgert.“ Das ist die Theorie des „Ubi bene, ibi patria“. Gerade mit dem, was nach ihrem eigenen Anspruch das Judentum kennzeichnen soll, gerade mit Religion hat sie nicht mehr viel zu tun. Diese Theorie wird, wie der Central-Verein fürchtet, von allen denen gefährdet, die auch noch andere Bindungen der Juden anerkennen. Denn alle diese behaupten ja, sich in der deutschen Umwelt auch noch in anderen Sphären und Bezirken zu unterscheiden. Allerdings ist der Central-Verein auch in seiner Kriegserklärung nicht konsequenter als in seinen anderen Handlungen. Denn wer jemals das Wort von der Schicksalsgemeinschaft der Juden gebraucht hat, der ist schon ein Verräter an dieser Theorie. Gerade weil diese Ideologie des Opportunismus die Bindungen zwischen den Juden der einzelnen Staaten absichtlich und bewußt zu zerreißen versucht — denn jede internationale Bindung könnte verdächtig sein —, gerade deshalb ist die Idee der Einheit des Judentums in den letzten Jahrzehnten erstarkt. Selbst die Liberalen machen Welt-Konferenzen und die Central-Vereins-Zeitung bemüht in Hunderten von Artikeln nicht nur die „Schicksalsgemeinschaft“, sondern auch weit wichtigere Teile des zionistischen Sprachschatzes. Aber der Central- Verein kann nicht konsequent sein. Diesmal liegt es nicht an seinem schlechten Willen, denn wenn er alles das ausschließt, was in seiner Gesinnung gegen die Theorie, gegen den Palriolismus um jeden Preis verstößt, was bliebe da übrig? Herr Woyda und Herr Naumann mit ihren wenigen Getreuen. Die Mimikry-Theorie in der Praxis In der Praxis wird diese Theorie des betonten Überpatriotismus schon längst nur noch den Nichtjuden gegenüber in Anwendung gebracht. Den größten Teil der Woche steht sie in der Rumpelkammer. Das jüdische Leben ist längst über sie hinweggeschrilten. Aber das darf man nicht erzählen. Dann geraten „die weltanschaulichen Grundlagen der Gentral-Vereins-Arbeit in Gefahr“. Aber demgegenüber steht die - andere Tatsache, daß diese ganze Theorie keinen Pfifferling wert ist. Glaubt doch der Gentral-Verein selbst nicht mehr daran! Diese ganze brüchige und wenig wahrhaftige Anschauung hat uns daran gehindert, den Judenhaß zu bekämpfen. Juden und Nichtjuden, jeder kennt die Hohlheit dieser Phrasen. Jeder weiß, daß der deutsche Jude, weit über das Religiöse hinaus und wenn auch vielfältig verbunden mit der deutschen Kultur, doch ein Typus eigener Art ist. Nun kann man aber eine Bewegung nur mit Wahrheit und Klarheit bekämpfen. Heute ist es erwiesen, daß diese Ideologie im Abwehrkampfe unfähig war. Wir meinen nicht nur die Wahl von 107 Nationalsozialisten, wenn auch das schon eine ganz schöne Demonstration ist. Wir meinen vielmehr die Tatsache, daß alle bürgerlichen Parteien versucht haben, von uns Juden abzuriicken. Das Zentrum kann nie als judenverdächtig gelten und kann sich darum den Luxus leisten, mit uns ein Wahlbündnis zu machen. Alle anderen Parteien haben aufs deutlichste gezeigt, daß sie nicht mit uns identifiziert zu werden wünschen. Und warum ist das so? Welches sind die Gefühle der Massen, die die Parteien auf diese Weise einzufangen versuchen? Die „Deutsche Republik“, die Zeitung des Innenministers Dr. Wirth, hat kürzlich einen Abschnitt aus der Zeitschrift „Deutschlands Erneuerung“ zitiert und dazu gesagt, daß ihr dieser als ein treffender Ausdruck für die Einstellung weiter Kreise erscheine. Dieser Absatz heißt folgendermaßen: „Ihr beweist uns fortgesetzt, daß wir ohne eure Rathenau und Haber unmöglich hätten vier Kriegsjahre durchhallen können. Daß ihr die fabelhaftesten Genies, daß ihr das Salz der Erde seid. Daß ihr alles versteht, alles könnt, alles leistet. Wir glauben es nicht, aber widersprechen auch nicht. Es mag sein oder nicht sein, es ist uns gleichgültig. Wir wollen ganz einfach nichts mit euch zu tun haben, nicht einmal wissen, daß ihr existiert.“