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Das jüdische Echo · 1930-11-21 · 47 (21.11.1930) · p. Seite 663

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
47 (21.11.1930)
Date
1930-11-21
Page
Seite 663 (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 47 21. November 17. Jahrgang Neuer Innerjüdischer Zwist Forderung des Tages? Man gewöhnt sich an alles. Der Kranke hält seinen Zustand für normal, wenn er nur lange genug dauert. Eine Wirtschaftskrise erweckt nach einigen Monaten nicht mehr das Gefühl des Akuten und Plötzlichen, sondern wird zum Normalzustand, sobald sie chronisch geworden ist. Auch das deutsche Judentum hat sich an seine politische Unsicherheit gewöhnt. Zwar sind erst acht Wochen seit den Reichstagswahlen verstrichen, doch schon konzentriert sich das Interesse auf andere Gegenstände des Lebens. Leider ist diese Beruhigung unberechtigt, denn die politische Zukunft des Deutschen Reiches ist nach wie vor unklar. Der Abstimmungssieg der Regierung Brüning — auf den die Beruhigung zurückgeht — ist nur dadurch erreicht, daß Mitte und Linke die eigentlichen Streitfragen vertagten, um gemeinsam handeln zu können. Es wird nicht lange dauern, bis die Gegensätze wieder aufklaffen und die Gefahr eines nationalsozialistischen Innenministeriums wieder recht nahe kommt. Außerdem aber sind diese Ereignisse der Tagespolitik nicht die grundsätzlich wichtigen. Ob die Regierung Brüning sich hält oder nicht, ob der Reichstag arbeitsfähig* ist oder nicht, das alles ist für uns Juden — so sehr es in seinen Konsequenzen auch das Leben eines jeden einzelnen von uns berührt — doch minder wichtig als die Tatsache, daß das deutsche Judentum seinen Rückhalt im deutschen nichtjüdischen Bürgertum verloren hat. Das ist es, was die letzten Wochen uns immer wieder gezeigt haben, das ist die neue Situation, in der wir uns befinden, das ist das neue Problem, das wir bewältigen müssen. Es besteht kein Zweifel darüber, daß die Position des deutschen Judentums in den letzten Jahren ungeheuer schwächer geworden ist. Diese Erkenntnis hat die Unruhe unter den deutschen Juden hervorgerufen und hat bewirkt, daß man die Frage der Zusammenfassung aller Kräfte die Forderung nach gemeinsamem Kampf in den letzten Wochen eifrig diskutierte. Um so erstaunlicher ist es, daß der Central-Verein den beneidenswerten Mut aufbringt, in diesem ersten Augenblick einer scheinbaren Beruhigung des deutschen Judentums den inner jüdischen Kampf zu erneuern. Es ist ein grotesker Zustand, daß acht Wochen nach der Wahl von 107 nationalsozialistischen Abgeordneten, acht Wochen nachdem die knappe Hälfte des deutschen Volkes seine Stimme mehr oder minder antisemitischen Parteien gegeben hat, daß in diesem Augenblick der Central-Verein nichts Besseres zu tun weiß, als den Zionisten den Krieg zu erklären. Jetzt wissen wir wenigstens, wozu er da ist, und wozu so viele Juden Arbeit und Geld für ihn opfern. Die Kriegserklärung Diese Kriegserklärung ist mit allem Nachdruck und Pomp, den die innerjüdische Auseinandersetzung kennt, vom Stapel gelassen worden. Herr Justizrat Dr. Brodnitz, der repräsentativste Mann des Gentral- Vereins, hat zu diesem Behufe selbst einen Artikel dazu geschrieben. Da heißt es — um eine lange Geschichte kurz zu machen — wörtlich folgendermaßen: ,,D er Central-Verein hält es für selbstverständlich, daß seine Mitglieder und Freunde und alle, die ihm gesinnungsmäßig nahestehen... nur solche Parteien unterstützen, die nicht jüdisch-national eingestellt sin d.“ Und zwar gibt Herr Juslizrat Dr. Brodnitz zwei Erklärungen. Erstens: Alle anderen Parteien sind rein religiös, nur die jüdische Volkspartei ist politisch. Zweitens: Die weltanschauliche Grundlage des Central-Vereins verlangt es, sein deutscher Patriotismus könnte in Zweifel gezogen werden, wenn er nicht gegen den Zionismus kämpft. Schlechte Politik keine Politik Die Begründung Nummer eins bedarf keiner genaueren Analyse. Sie hat ja den großen Vorteil für sich, daß niemand sie ernst nimmt. Jeder weiß, daß z. B. die Liberalen, das Lieblingskind des Central- Vereins, eine genau so politische Gruppe sind wie die Volkspartei. Allerdings war ihre Politik nie vom Glück begünstigt, noch nie hat eine jüdische Partei solche Reinfälle erlebt wie die Liberalen anläßlich jener Intrigen, die mit der Gründung des Pro-Palästina-Committees verbunden waren. Noch nie ist einer jüdischen Partei von dem höchsten Beamten des Deutschen Reiches so unzweideutig ihre Aufdringlichkeit zum Bewußtsein gebracht worden, wie damals den Liberalen. Auch die Demonstrationen, die Liberale und Central-Vereinler im November 1918 für „Kaiser und Reich“ machten, sind hier zu nennen. Aber es scheint uns logisch wenig haltbar, gute Politik mit Politik und schlechte Politik mit rein religiöser Orientierung gleichzusetzen. Wie steht es nun mit der Begründung Nummer zwei? Zunächst muß vorausgeschickt werden, daß alles das nur für Deutschland gilt, für die verknöcherte Dogmatik vieler Führer des deutschen Judentums. Wir möchten den Anschein vermeiden, als ob wir mit unseren Ausführungen auch jene begeisterten Zionisten oder Anhänger der Jewish Agency treffen wollten, die es etwa in Amerika und England in so großer Anzahl unter den extremsten Liberalen gibt. Dort haben Männer, wie etwa Stephan Wise, Reform-Rabbiner und hervorragendes Mitglied der Zionistischen Organisation von Amerika, weniger Furcht vor dem Vorwurf des mangelnden amerikanischen Patriotismus — weil die Luft dort freier und auch der jüdische Bürger selbstbewußter und mit einem größeren Maße von Zivilkurage begabt ist. Den anderen Typus des jüdischen Führers gibt es nur in Deutschland. Religion und Politik Wären wirklich alle anderen Gruppen in Deutschland lediglich Vertreter der reinen Religion, so müßte der Central-Verein sich ganz andere Bundesgenossen zur Bekräftigung seines Patriotismus auswählen.

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