Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 46 (14.11.1930)
- Date
- 1930-11-14
- Page
- Seite 651 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9241531--11294-9223354- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 46 Das Jüdische Echo 651 Entschließung angenommen, in der von England die strikte Anwendung des Mandatsvertrages verlangt wird, was die Verwirklichung der durch die Balfourerklärung geweckten Hoffnungen voraussetze, die zu einem wesentlichen Teil des Weltfriedens geworden seien. Londoner Tagung des Zionistischen Aktionskomitees London, 5. November. (JTA.) Unter außerordentlich starker Beteiligung der A.-K.-Mitglieder aus allen Ländern wurde am 4. November in Londön die Sitzung des Zionistischen Aktions- Komitees eröffnet. Außer den Mitgliedern des Aktions-Komitees nimmt auch Richter Julian W. Mack (Vereinigte Staaten) als Gast mit beratender Stimme an den Sitzungen teil. Der Vorsitzende des Aktions-Komitees, Herr Leo Motzkin, eröffnete die Tagung mit einem kurzen Hinweis auf die politische Situation und erteilte das Wort Herrn Dr. Weizmann, der ungefähr ausführte: Am 5. September d. J. hatten Dr. Brodetsky und Herr Namier ihre erste Unterredung mit Lord Paßfield. Schon aus dieser Unterredung empfingen sie den Eindruck, daß der — damals in Vorbereitung befindlich gewesene — Entwurf zum Weißbuch von schwerwiegender Bedeutung sei. Dr. Brodetsky und Mr. Namier hatten das Gefühl, daß eine vorausgehende wirkliche Beratung mit der Jewish Agency über diesen Gegenstand nicht erfolgen werde. Er. Dr. Weizmann, sei damals über den unfreundlichen Empfang der beiden Herren durch Paßfield erstaunt gewesen. Indessen bemühte sich die Jewish Agency nach der Richtung, daß man sie weiter zu Rate zieht, und in einem Brief vom 19. September ersuchte Dr. Weizmann u. a. um eine Unterredung mit Lord Paßfield. Dieser antwortete, er wolle Dr. Weizmann am 1. Oktober empfangen. Bei Gelegenheit dieses Empfanges sprachen Paßfield und Weizmann zum ersten Male miteinander über den Simpson-Bericht. Der Bericht selbst lag allerdings nicht vor,, und Dr. Weizmann mußte es sich versagen, zu einem Dokument, das er nicht kannte, Stellung zu nehmen. Im Verlauf des Gesprächs gab Lord Paßfield einen allgemeinen Überblick über den Inhalt des Simpson-Berichtes und warf hierbei zum ersten Male das Problem der Bodenknappheit und der von der jüdischen Arbeiter-Organisation Palästinas befolgten Politik auf, wobei er bemerkte, er hätte vielleicht den Inhalt des Simpson-Berichtes etwas ungünstiger dargestellt, als er in Wirklichkeit sei. Dr. Weizmann entgegnete, er wolle vor Einsichtnahme in den Bericht keinerlei Meinung über seinen Inhalt äußern. Weizmann hatte den Eindruck, daß Lord Paßfield den Zionismus als eine Angelegenheit von geringer Bedeutung betrachte. Lord Paßfield führte aus, der im Simpson-Bericht enthaltene Passus über die Möglichkeit der Ansiedlung von weiteren 20 000 jüdischen Familien in Palästina spiegele bloß Sir John Hope Simpsons prsönliche Meinung wider,, denn auf Grund von Simpsons Darstellung bestehe auch nicht für einen einzigen Einwanderer die Möglichkeit, vor einer vollständigen Umgestaltung der palästinensischen Wirtschaftsverhältnissei ins Land zu kommen. Dr. Weizmann entgegnete, Lord Paßfield müsse als erfahrener Wirtschaftler einsehen, daß gerade durch die Einwanderung von 20 000 jüdischen Familien die ökonomischen Aussichten im Lande sich vollständig, und zwar zum besseren, ändern würden. Eine solche Einwanderung würde weitere Einwanderungsmöglichkeiten schaffen. Sodann wurde im Gespräch zwischen Weizmann und Paßfield der im Simpson-Bericht entworfene Landentwickltmgsplan erörtert. Dr. Weüzmann äußerte sich dahin, daß es in diesem Stadium verfrüht wäre, eine Meinung über die Zusammensetzung der Landentwicklungskommission abzugeben, da er ohne Kenntnis des Planes nicht wissen könne, ob die Jewish Agency überhaupt in der Lage sein würde, mit einer solchen Landentwicklungskommission zusammenzuarbeiten. Lord Paßfield gab zu, daß die Frage der Landentwicklungskommission in diesem Augenblick noch nicht Ge' genstand einer Diskussion sein könne. Er versprach. den Simpson-Bericht und das Weißbuch der Regierung sobald als möglich Dr. Weizmann zu übermitteln, wies aber gleichzeitig darauf hin, daß er bestrebt sein müsse, den Bericht möglichst bald, und zwar noch vor Eröffnung des Parlaments, zu veröffentlichen, und daß er deswegen nicht in der Lage sein werde, ihn mehrere Tage vor Veröffentlichung der Jewish Agency vorzuiegen. Am 15. Oktober fand eine zweite Unterredung zwischen Weizmann und Lord Paßfield statt, in der abermals über den Landentwicklungsplan gesprochen wurde. Auf die Frage Dr. Weizmanns, wo man das Geld für die Durchführung der vorgesehenen Landentwicklung hernehmen wolle, erklärte Lord Paßfield,, diesbezüglich beständen große Schwierigkeiten. Dr. Weizmann bestand darauf, daß die Meinung der Juden über diesen Gegenstand eingeholt werde, und daß den Juden die Vorteile der Landentwicklungsmaßnahmen in gleicher Weise wie den Arabern zugute kommen sollen, da sie als Hauptsteuerträger Palästinas zweifellos in hohem Maße zur Deckung der Kosten des Landentwicklungsplanes herangezogen werden würden. Im Hinblick auf diese Verhältnisse sei es unmöglich, einen so schwerwiegenden Gegenstand ohne gründliche Vorbereitung zu diskutieren. Der äußere Verlauf der Unterredung konnte den Eindruck erwecken, daß Bodenkäufe des Nationalfonds, insofern sie nicht dem Landentwicklungsplan zuwiderlaufen, grundsätzlich verhindert werden würden, und daß die Regierungserklärung im allgemeinen nichts enthalten werde, was den zionistischen Aufbau unterbinden könnte. Doch blieb bei Dr. Weizmann die Empfindung zurück, daß Ernsteres in der Luft läge als das, was Lord Paßfield angedeutet hatte. Am 17. Oktober wurden die authentischen Texte der Regierungserklärung unid des Simpson-Berichtes Dr. Weizmann, der gerade eine Beratung mit Lord Reading und James Rothschild abhielt, zugesandt. Da mit Rücksicht auf das Wochenende nur sehr wenig Zeit zu Beratungen vor der Veröffentlichung dieser Dokumente zur Verfügung stand, ersuchte Dr. Weizmann Lord Paßfield am Sonnabend abends, er möge ihn auf seinem Landsitz., Paßfield Corner, empfangen. Lord Paßfield beantwortete dieses Ersuchen mit der Erklärung, daß es ihm im gegenwärtigen Augenblick nicht mehr möglich sei, irgendwelche Änderungen am Weißbuch vorzunehmen. Am Sonnabend nachmittag sprach der Vizepräsident der Weltunion der Zionisten-Revisionisten, Herr Meer Großmann, bei Dr. Weizmann vor. Großmann erklärte,, er habe gehört, daß der Simpson-Bericht bereits in Weizmanns Händen sei, er biete angesichts der schwierigen Situation seine Hilfe zur Überwindung der Krise an. Er sprach