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Das jüdische Echo · 1930-11-14 · 46 (14.11.1930) · p. Seite 648

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
46 (14.11.1930)
Date
1930-11-14
Page
Seite 648 (sequence 4)
Language
German
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648 Das Jüdische Echo Nr. 46 „glücklicherweise“ im Besitz einer noch unbesiedelten Bodenreserve sind. Es ist dies das wirklich glückliche Ergebnis unserer Bodenerwerbspolitik, ohne das wir in einem so kritischen Moment wie dem jetzigen ohne Arbeitsmöglichkeiten dastünden. Nach dem „Statistischen Handbuch für Palästina“ (1929) beträgt der gesamte jüdische Bodenbesitz in Palästina 1 002 000 Dunam, davon sind 463 570 bearbeitet und 538 430 noch frei. Natürlich sind diese Böden sehr verschiedener Art und Lage und es läßt sich schwer sagen, für wieviele Ansiedler und welche Zeit sie ausreichen; sicher aber ist, daß sie für die irgend mögliche Ansiedlungsarbeit einiger Jahre genügen. Die Wirkung des Statements auf den Keren Kajemeth, das heißt auf seine Arbeit in Palästina, ist gleich Null. Er hat noch einige Jahre an den Raten für die bisher gekauften Böden zu zahlen; die Erschließung seiner Besitzungen erfordert noch erhebliche Zeit und große Mittel. Vielleicht wird ihm sogar die jetzige Sutuation manche praktische Vorteile bringen. Es ist fast sicher, daß eine zeitweilige Sperrung der Bodenverkäufe die Wirkung haben wird, daß die Bodenpreise stark zurückgehen. Und da sich die bisherige Bodenkaufspolitik in diesem kritischen Augenblick so glänzend bewährt hat, wird der K.-K.-L. unzweifelhaft weiterhin mit günstigster Aussicht an die Gebefreudigkeit der jüdischen Massen appelieren können. Was den Keren Hajessod anbelangt, so ist ja über jeden Zweifel erhaben, daß dieser Kolonisationsfonds auch bei Einwanderungssperre und Bodenverkaufsverbot eine unendlich wichtige Mission hätte. Der Vorschlag der „Atempause“, der darauf abzielt, daß man eine Zeitlang nur so viel Geld nach Palästina senden soll, als zur Erhaltung des Bestehenden nötig ist, während jede Neukolonisation unterbleibt, fällt gänzlich ins Leere. Seit dem Basler Kongreß, also seit drei Jahren, wurde ohnedies keine neue Kolonisation unternommen und alle verfügbaren Mittel des Keren Hajessod zur Konsolidierung der bereits bestehenden Siedlungen verwendet. Aber auch dazu reichten sie nicht voll aus und sämtliche Mittel des Keren Hajessod, wenn seine Eingänge nicht erheblich gegen früher ansteigen, werden durch zwei bis drei Jahre nötig sein, um diese Konsolidierung zu vollenden. Das Palästinabudget für 5691 (1930 bis 1931) wurde in Berlin beschlossen, ehe das Paßfield- Statement bekannt war; und doch ist in diesem Budget keine einzige Post, die nicht auch nach Publikation des Statements programmgemäß ausführbar wäre. Es gibt also auch weiterhin Arbeitsmöglichkeiten in Palästina und es wäre verhängnisvoll, wenn sie zum Teil unausgenützt blieben, weil das Judentum das Vertrauen zu dem Werke und seiner Zukunft verlöre. Dann erst hätte der Mufti gesiegt und Paßfield Recht behalten. Hugo Hermann. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Im Novemberheft der Zeitschrift „Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik“ finden wir folgenden beachtenswerten Artikel, dessen Forderungen hoffentlich auch bei der Aufstellung des neuen Etats für die Kultusgemeinde München berücksichtigt werden. D. Red. Das Ausmaß der gegenwärtigen Wirtschaftskrise wird gekennzeichnet durch die Tatsache, daß sicherlich nicht weniger als zehn Millionen Menschen in Deutschland genötigt sind, öffentliche Mittel ganz oder zum wesentlichen Teil in Anspruch zu nehmen. Wertvolle Arbeitskraft, arbeitsfähig und arbeitswillig, liegt schuldlos brach, die Wirtschaft ist nicht in der Lage, sie aufzunehmen. So ist die Arbeitslosenfrage zum eindringlichsten sozialen Problem geworden. Die Einrichtungen des Staates und der Gemeinden reichen nicht aus, um die Not weitester Kreise in erforderlichem Umfange zu lindern. Die jüdische Not und die jüdische Arbeitslosigkeit sind nicht weniger katastrophal. Man kann ohne Übertreibung feststellen, daß die gegenwärtige Krise die wirtschaftliche Situation der Juden in verstärktem Umfange trifft, da sie Wirtschaftszweige erschüttert, Berufe entwurzelt, Wirtschaftsformen vernichtet, an denen die Juden besonders starken Anteil hatten. Hinzu kommt die von Tag zu Tag sich verschärfende Tendenz, jüdische Arbeitnehmer in ihrer Eigenschaft als Juden von jeglicher wirtschaftlichen Möglichkeit auszuschließen. Die politische Entwicklung der letzten Monate, die sich steigernde Wirtschaftskrise lassen kaum die Hoffnung zu, daß in allernächster Zeit mit einem grundsätzlichen Wandel, mit durchgreifender Änderung und Besserung uz rechnen ist. Der jüdischen Gemeinschaft, die auf ihren Bestand, ihre Entwicklung und ihre Zukunft bedacht ist, erwächst eine schwere, verantwortungsvolle Aufgabe. Nicht alle Gemeinden und jüdischen Körperschaften sind für diese Arbeit gerüstet. Manche jüdische Gemeinde glaubt, ihrer Pflicht in dieser Stunde, die die ernsteste ist, die das deutsche Judentum seit Jahrzehnten erlebt, nachgekommen zu sein, wenn sie in alter Weise mehr oder minder große Beträge für „Wohltätigkeit“ in ihren Etat einstellt. Man erkennt hier noch immer nicht, daß es sich nicht mehr nur darum handeln kann, Wohltätigkeit ohne Sicht und Ziele zu üben, sondern daß es gilt, die produktive, die sozialpolitische, die wirtschaftliche Aufgabe zu erkennen, eine Aufgabe, die allerdings nicht isoliert von dem Einzelnen und einer Gemeinde gelöst werden kann. Erhaltung der Arbeitskraft und der Arbeitsfähigkeit, bestmögliche Ausbildung der Berufsfähigkeiten, Berufsberatung, Arbeitsvermittlung, genossenschaftlicher Zusammenschluß, Ausbau der Kredit- und Darlehensmöglichkeiten — das sind nur einige der wichtigsten Arbeitsgebiete, auf die sich die jdüisch-soziale Arbeit mit aller Kraft konzentrieren muß. Sozialpolitische Arbeit auf lange Sicht, Produktivgestaltung der Wohlfahrtspflege, Konzentrierung aller Mittel und Möglichkeiten auf die Erhaltung des sozialen Körpers des deutschen Judentums — wie wenige jüdische Gemeinden und Körperschaften haben die Bedeutung der Aufgabe in dieser Stunde erkannt. Viele glauben, durch „Friedhofspolitik“ der auf ihnen ruhenden Verantwortung gerecht werden zu können, andere durch Abbau der sozialen „Lasten“, und merken nicht, daß Gemeinden sich selbst aufgeben und vernichten, wenn sie die Menschen zugrunde gehen lassen, die sie zu erhalten berufen sind. In „normalen“ Zeiten sich bewähren und soziale Arbeit in bescheidenem Umfange leisten, ist wenig, in gefährdeten Zeiten sich bewähren, alle Kräfte anspannen zur Erhaltung der Gegenwart, neue Fundamente legen zur Rettung der Zukunft ist mehr. Und wenn nicht jetzt, wann dann? Die Grundlagen für eine verstärkte jüdischsoziale Arbeit sind vorhanden. Viele Gemeinden verfügen bereits über Wohlfahrts- und Jugendämter, die die Kräfte der Gemeinden zusammen^

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