Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1930-11-14 · 46 (14.11.1930) · p. Seite 647

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
46 (14.11.1930)
Date
1930-11-14
Page
Seite 647 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103085-9241531--11290-9223350
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Jüdische Echo Nummer 46 14. November 17. Jahrgang Welche ürbeitsmöglichkeiten bleiben uns in Palästina? Das neue Weißbuch der britischen Regierung, das Paßfield-Statement, kann und wird von den Juden nie als eine rechtmäßige Interpretation des Palästinamandats anerkannt werden, weil es die Balfourdeklaration verleugnet und verdreht. Gegen diese mißbräuchliche Auslegung werden wir mit größter Energie kämpfen, bis sie beseitigt ist. Zugleich aber werden wir uns klarmachen müssen, daß wir alle Möglichkeiten der Arbeit in Palästina, die uns das Paßfield-Statement läßt, voll ausnützen wollen, unbeschadet unseres Protestes und Kampfes gegen das Statement selbst, und dazu gehört vor allem die Feststellung, welche Möglichkeiten es uns läßt. Eine klare Antwort auf diese Frage ist heute nicht möglich. Das Weißbuch ist ja ein „Statement of Policy“, das heißt eine Darlegung allgemeiner Grundsätze, eines Systems. Es erklärt z. B., die Einwanderungssperre vom Mai sei gerechtfertigt gewesen, macht die Einwanderung von der gesamten in Palästina vorhandenen, jüdischen und arabischen Arbeitslosigkeit abhängig, sagt aber nichts darüber, ob und in welchem Maße die Arbeitereinwanderung auch weiter suspendiert bleiben soll. Ebenso wird dargelegt, daß eine weitgehende Kontrolle aller Boden-Transaktionen einzuführen sei; wie diese Kontrolle aber aussehen und welches ihre konkrete Auswirkung sein soll, wird nicht angedeutet. Diese Fragen der praktischen Ausführung jener allgemeinen Grundsätze müssen erst durch Verordnungen der Palästinaregierung gelöst werden, und das ist ja einer der Gründe für unsere so schroffe Ablehnung des Statements, weil wir den Geist jener Administration kennen, deren praktische Maßnahmen jederzeit die uns durch die allgemeine Politik entstandenen Schwierigkeiten in fast ungeahntem Maße vergrößert und verstärkt. Nehmen wir also das Schlimmste an: Setzen wir voraus, daß uns für einige Zeit (lange ist ein solches System nicht haltbar, nicht nur weil wir es mit allen Mitteln bekämpfen, sondern auch weil die palästinensische Wirtschaft es nicht lange ertragen wird) jede Einwanderung jüdischer Arbeiter und jeder Erwerb von Boden verboten wird. Schalten wir ferner die Möglichkeiten illegaler Einwanderung und illegalen Bodenerwerbs aus — es gibt solche Möglichkeiten und wir müssen offen erklären, daß wir von ihnen jeden möglichen Gebrauch machen werden; man kann sie aber nur öffentlich ankündigen, nicht ihre Wege und ihren Effekt erörtern. Dann bleibt uns auf Grund des Statements noch die Möglichkeit der Einwanderung aller anderen Kategorien außer den Arbeitern, deren Einschränkung auch das Statement nicht ins Auge faßt. Nach dem Simpsonbericht sind vom 1. November 1922 bis zum 30. April 1930, also in siebeneinhalb Jahren, insgesamt 38 000 Juden der auch jetzt noch zugelassenen Kategorien, also zirka 5000 im Jahresdurchschnitt, in Palästina eingewandert. Selbst wenn wir das Jahr der Hochkonjunktur 1925 ausschalten, bleibt noch ein Jahresdurchschnitt von 2700 Einwanderern. Das ist sehr, sehr wenig, aber auch diese Zahl modifiziert die Bevölkerungsverhältnisse eines so kleinen Landes wie Palästina und würde nach zehn Jahren die Zahl der Juden auf 250 000 oder 21 Proeznt der Gesamtbevölkerung bringen (gegen 84 000 oder 11 Prozent im Jahre 1922 und 162 000 oder 17 Prozent heute). Ebenso bedeutet natürlich auch eine solche Einwanderung gewisse Arbeitsmöglichkeiten für die Institutionen der Jewish Agency. Was den Bodenerwerb anlangt, so weist das Statement selbst, allerdings in durchsichtiger Tendenz, darauf hin, daß die jüdischen Organisationen Die Sperre der Ärbeitereinwanderung nach Palästina aufgehoben 1500 Zertifikate freigegeben London, 8. November. (JTA.) Wie das Kolonialamt in London der JTA. mitteilt, hat die britische Regierung den High Commissioner für Palästina, Sir John Chancellor, ermächtigt, 1500 Einwanderungszertifikate für jüdische Arbeiter (Chaluzim) freizugeben. Damit ist die im Mai d. J. verhängte Sperre der Einwanderung für jüdische Arbeiter nach Palästina durchbrochen. Die damals vom High Commissioner bewilligte und gleich darauf vom Kolonialamt suspendierte Arbeiterschedule betraf 2300 Zertifikate. Von diesen waren zur Zeit der Suspendierung 900 bereits ausgenützt, so daß die jetzt bewilligte Zahl von 1500 Zertifikaten etwas höher ist, als die der von der Suspension tatsächlich betroffenen Bewilligungsscheine. Der Aufbau geht weiter! Grundsteinlegung zu einer Arbeitervorstadt bei Haifa Jerusalem, 7. November. (JTA.) Am 5. November fand die feierliche Grundsteinlegung zu einer neuen jüdischen Arbeitervorstadt an der Bucht von Haifa statt. Ein Extrazug brachte 800 Festgäste aus allen Teilen des Landes nach Haifa. In einer Ansprache wurde darauf hingewiesen, daß auch die heutige Feier eine Antwort auf das englische Weißbuch sei. Zur Finanzierung des Häuserbaus haben die Hypothekenbank der Palästina Palestine Economic Corporation in Neuyork 20 000 Pfund, der Palästina-Notfonds 7500 Pfund, der Keren Hajessod 2000 Pfund, die Versicherungsgesellschaft Hassneh 2000 Pfund und die künftigen Siedler 7000 Pfund beigetragen. Für die neue Arbeitervorstadt steht ein Areal von 3000 Dunam aus dem Bodenbesitz des Nationalfonds zur Verfügung. Es wird die Errichtung von 2000 Hälusern geplant. Mit dem Bau von 200 Häusern wurde bereits begonnen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.