Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 45 (7.11.1930)
- Date
- 1930-11-07
- Page
- Seite 639 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 Das Jüdische Echo 639 bisher an Friedfertigkeit und an gutem Willen gefehlt hätte,, mit der Außenwelt erträgliche Beziehungen zu unterhalten. Im Gegensatz zum liberalen Programm vertraten die Volkspartei, und auch in gewissem Sinne die anderen Parteien, die Auffassung, daß gerade die gespannte Lage der deutschen Juden im gegenwärtigen Augenblick von der Jüdischen Gemeinde gebieterisch verlangen, daß diese in den Bereich ihrer Tätigkeit Aufgaben in stärkerem Maße einbeziehe, die sie unter anderen Verhältnissen vielleicht nicht mit so großem Eifer vertreten müßte. Zu diesen Aufgaben gehören die Führung in allen Aktionen,, die den Schutz der jüdischen Gesamtheit in Staat und Gesellschaft betreffen; starker Ausbau der sozialpolitischen Aufgaben; Anregung jüdischer Wirtschaftshilfe; Vertiefung der Verbundenheit aller Juden im Reiche und darüber hinaus stärkeren Anschluß an die Judenheiten der ganzen Welt, sowie Anteilnahme an allen großen Aktionen der Weltjudenheit als Gebende und Empfangende. Schließlich die Stärkung des jüdischen Bewußtseins, damit man innerlich besser gerüstet sei, allen Wechselfällen Trotz zu bieten. Diese Aufgabe kann aber nur durch Erziehungsarbeit erfüllt werden und die Erziehung des jüdischen Menschen kann am zweckmäßigsten in den Jugendjahren in einer jüdischen Schule geleistet werden. Die Unterhandlungen bewegten sich also zunächst in der Formulierung der verschiedenen Grundsätze und in dem Versuch, einen Arbeitskern herauszuschälen, der allen Richtungen genehm ist und im übrigen sich darüber klar zu sein., daß bezüglich anderer Punkte die weltanschaulichen Gegensätze bestehen, in . betreff welcher ein Kompromiß nicht gefunden werden kann. Außerdem wurde selbstverständlich auch die Frage ventiliert, in welcher Form eine Einigung zustandegebracht werden könnte; durch Aufstellung einer Einheitsliste oder durch Verlängerung der Legislaturperiode. Die zweite Möglichkeit bedeute eigentlich nur die Wiederherstellung eines alten Rechtszustandes. Die Repräsentantenversammlung von 1926 war bis zum Jahre 1932 gewählt worden. Ein freiwilliges Abkommen zwischen Volkspartei und Liberalen kürzte die Legislaturperiode um zwei Jahre und sah Wahlen für November 1930 vor. Wenn man sich auf eine Verlängerung der Legislaturperiode geeinigt hätte, so wäre das also nichts anderes als die Belassung von Mandataren in ihren Ämtern, die von den Wählern für eine längere Zeit als bis 1930 gewählt worden waren. Mittlerweile aber trug sich in der zionistischen Bewegung etwas zu, was von Außenstehenden als ..Liquidierung des Zionismus“ bezeichnet wird. Daß hierbei der Wunsch Vater der Ansicht ist, soll nur nebenbei erwähnt sein. Die letzte Regierungserklärung Englands bezüglich der Palästinapolitik brachte selbstverständlich die Zionistische Organisation und darüber hinaus auch die große Peripherie der mit den Zionisten sympathisierenden Juden in Aufregung. Die Zionisten haben niemals ein Hehl daraus gemacht, daß Palästina-Aufbau und nationale Renaissance für sie Hauptsache sind. Die Erschütterung durch die Regierungserklärung betraf also ein zentrales Interesse der Zionistischen Organisation. Da nun die Zionisten die treibende Kraft in der Jüdischen Volkspartei darstellen, witterten die Liberalen Morgenluft und meinten, daß durch die zionistische Erschütterung die Schlagkraft der Volkspartei gebrochen sei, und die vielen Wähler, die volksparteilich gewählt hatten, sich nun von den Zionisten abkehren werden. Hierbei scheint wiederum der radikale Flügel der Liberalen das treibende Element im liberalen Lager gewesen zu sein. Jedenfalls war das Ergebnis, daß die Liberalen ihre Friedensbereitschaft ablegten und nur noch bestrebt waren, die Schuld an dem Scheitern eines Kompromisses auf die Volkspartei abzuwälzen. Zu diesem Behufe stellten sie unannehmbare Forderungen. Sie verlangten von den 41 Mandaten der Repräsentantenversammlung 20. Sie verlangten Verzicht auf jüdische Schulen, Verzicht auf die Führung der Schutzaktionen für die Judenheit. Sie verlangten eine Verschiebung der Wahlen nur um einige Monate. Die Volkspartei war mit einer Verschiebung der Wahlen einverstanden, wollte jedoch den Verschiebungstermin auf einen weiten Zeitraum, bis 1932, gelegt sehen. Während diese Verhandlungen noch schwebten, überreichten die Liberalen beim Wahlkommissar der Jüdischen Gemeinde ihre Kandidatenliste und eröffneten eigentlich damit den Wahlkampf. Trotzdem setzten die anderen Parteien ihre Bemühungen um eine Einigung fort. Die Liberalen schlugen das neuerliche Angebot, die Legislaturperiode der Repräsentantenversammlung bis zum Frühjahr 1932 laufen zu lassen, rundweg ab. Angesichts dieser Sachlage blieb der Volkspartei nichts anderes übrig, als ihre Kandidatenliste aufzustellen und sich in die Tatsache eines Wahlkampfes zu schicken. Hiebei muß ausdrücklich festgestellt werden, daß die Volkspartei, wie noch kein einzigesmal bisher, für diesen Wahlkampf wohl ausgerüstet ist. Die letzten zionistischen Ereignisse haben die Entschlossenheit der Zionisten verstärkt, ihren Kampfwillen befestigt und ihre Bereitschaft, die Führung im jüdischen Leben anzustreben, erhöht. Die Organisation der Jüdischen Volkspartei hat in den letzten drei Jahren außerordentliche Fortschritte gemacht. Die jüdische Sportbewegung. die viele Tausende junger Juden umfaßt, ist ein Werk der Zionisten. Zahlreiche Jugendbünde, bedeutsam an Geschlossenheit und Mitgliedern, stehen unter zionistischer Führung. Der große Kreis der bisherigen zionistischen Mandatare in der Gemeindevertretung und in zahlreichen Gemeindekommissionen hat im Laufe der Jahre große Sympathien und in den weitesten Schichten der Bevölkerung Einfluß gewonnen. Die Leistungen der unter Führung der Jüdischen Volkspartei stehenden Berliner Jüdischen Gemeinde in den letzten drei Jahren sind ein Segen für die Berliner jüdische Bevölkerung gewesen und haben das jüdische Bewußtsein der Gemeinde gestärkt. All diese Faktoren ergeben Voraussetzungen, die dafür sprechen, daß in den kommenden Wahlen zur Berliner Jüdischen Gemeinde der Erfolg der Jüdischen Volkspartei viel größer sein wird, als es selbst die Optimisten dieser Partei annehmen, s. u. Aus der jüdischen Welt Die Berliner Jüdischen Gemeinde- und Verbandswahlen Berlin, 4. November. (JTA.) Herr Rabbiner Dr. Baeck hat gestern einen letzten Appell an die Führer der Parteien in der Jüdischen Gemeinde Berlin gerichtet, sich darauf zu einigen, daß die Wahlperioden für die Gemeinderepräsentanz und den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden bis Ende 1932 verlängert werden, um Wahlen in dieser ernsten Zeit zu vermeiden. Wie die JTA. erfährt, haben die» Führer der Jüdischen Volkspartei, der Religiösen Mittelpartei und der Konservativen in ihrer Antwort an Dr. Baeck sich mit einer Verlängerung der Wahlperiode einverstanden