Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 45 (7.11.1930)
- Date
- 1930-11-07
- Page
- Seite 636 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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636 Das Jüdische Echo Nr. 45 Jahre 1922 ausgesprochenen Grundsatz soll jüdische Einwanderung beschränkt werden, nicht weil sie Arbeitslosigkeit verursachen mag, sondern wenn immer Arbeitslosigkeit unter den Arabern besteht. Diese subtile Änderung bedeutet mehr als die Auferlegung neuer und ungerechtfertigter Beschränkungen für den Zustrom von jüdischen Immigranten. Jüdisches Kapital wird nach Palästina importiert in erster Linie, um jüdische Immigranten zu beschäftigen; es wird nicht nach Palästina gehen, um arbeitslose Araber mit Beschäftigung zu versorgen. Sie John Hope Simpson hat diese Zusammenhänge verstanden und ebenso ihre Wirkung auf arabische Arbeitslosigkeit, während sich im Weißbuch keine Erwähnung nachstehenden, von Hope Simpson gemachten Vorbehaltes findet: Es ist offenbar von keinem Vorteil für den arbeitslosen Araber, daß jüdisches Kapital von dem Zustrom in das Land abgehalten werden sollte. Der arbeitslose Araber befindet sich in keiner schlechteren Lage durch den Import von jüdischen Arbeitern, zur Ausführung von Arbeiten in Palästina, für die infolge des gleichzeitigen Zuflusses von jüdischem Kapital die finanziellen Mittel vorhanden sind. In Wahrheit befindet sich der Araber sogar in einer besseren Position, weil die Verausgabung dieses Kapitals für Löhne, die jüdischen Arbeitern gezahlt werden, letzten Endes zu einer Nachfrage nach Dienstleistungen eines Teiles der arabischen Arbeitslosen führen wird. Sir Jolrn Hope Simpson äußert fernerhin eine Warnung gegen die Möglichkeit, daß arabische Arbeitslosigkeit als ein „politischer Schachzug“ gebraucht wird: Arabische Politiker sind schlau genug, um sofort zu begreifen, daß sich ihnen eine leichte Methode bietet, um die ihnen radikal verhaßte Einwanderung zu blockieren, und es werden wahrscheinlich Versuche gemacht werden, um die Liste arabischer Arbeitsloser mit Namen künstlich aufzufüllen, die sich auf der Liste nicht befinden sollten. Aber das Weißbuch überhebt solche Politiker der Mühe, die Ziffern künstlich zu inflationieren. Um „eine Verbesserung in den gegenseitigen Beziehungen der beiden Nationen“ herbeizuführen, soll jüdische Immigration jetzt eingeschränkt werden, solange (wie es tatsächlich der Fall ist) unter der arabischen Bevölkerung der Verdacht weit verbreitet ist, daß die ökonomische Depression, unter der sie gegenwärtig zweifellos leidet, in hohem Maße eine Folge exzessiver jüdischer Immigration ist, und solange einige Gründe gegeben sind, die in plausibler Weise herangezogen werden können, um diesen Verdacht als wohl begründet erscheinen zu lassen. Auf diese Weise sollen also jüdische Rechte vor arabischen Annahmen zurücktreten, wenn diese nur „plausibel dargestellt“ werden können. Daß die gegenwärtige wirtschaftliche Depression ein Ergebnis übermäßiger jüdischer Einwanderung ist, scheint das Weißbuch selbst implicite anzunehmen, da es immer wieder auf die Immigration als den entscheidend bestimmenden Faktor für den palästinensischen Arbeitsmarkt zurückkommt, dabei aber andere Faktoren völlig außer acht läßt. Sir John Hope Simpsons Darlegung, nach welcher „die Entwicklung, die der jüdischen Immigration während der letzten neun Jahre folgte, zusätzliche Arbeitsgelegenheiten für arabische Arbeiter geschaffen hat“, und daß es „nur angemessen ist zu folgern, daß die durch die neu hinzugekommenen jüdischen Arbeiter verursachte Konkurrenz durch diese vermehrten Arbeitsgelegenheiten aufgewogen wird“, wird nicht wiedergegeben. Keine Erwähnung wird getan des katastrophalen in der ganzen Welt verbreiteten Falles in dem Preis landwirtschaftlicher Produkte. Kein Wort wird gesagt über den arabischen Boykott in Palästina und die Boykottpropaganda in den benachbarten Ländern und über ihre Wirkung auf den palästinensischen Handel und die Beschäftigungslage. Ebenso bleiben zahlreiche andere von Sir John Hope Simpson ausdrücklich erwähnte Faktoren außer acht (die Befreiung der Bevölkerung von der Dienstpflicht in der türkischen Armee, die Ersetzung primitiver durch moderne Transportmittel usw.). Ich schließe diesen Abschnitt mit einem Wort über die Art, wie die Regierung „zeitweise“ Beschäftigung in ihrer Beziehung zur jüdischen Einwanderung behandelt. Bei der organischen Entwicklung irgendeines Landes bildet eine kontinuierliche Aufeinanderfolge zeitweiliger Arbeiten (wie z. B. Häuserbau, Trockenlegung von Sümpfen, Aufforstung usw.) eine dauernde Quelle der Arbeit. Das Weißbuch warnt dagegen davor, daß bei Abschätzung der Aufnahmefähigkeit Palästinas für solche Bedürfnisse Spielraum gelassen wird. Wieviel Chancen bleiben da noch für jüdische Einwanderung übrig, wenn Erwägungen dieser Art bestimmend sein sollen, ganz besonders wenn sie kombiniert sind mit einer neuen Bodenpolitik, die ebenfalls beherrscht wird durch eine ähnliche Tendenz, jüdischen Unternehmungen und jüdischem Fortschritt Halt zu gebieten? Das Weißbuch akzeptiert vorbehaltlos die Schätzungen von Sir John Hope Simpson, die gegenüber früheren offiziellen Schätzungen die bebaubare Fläche Palästinas um mehr als ein Drittel reduzieren, und die ihn zu der Schlußfolgerung führen, daß unter den gegenwärtigen Umständen für jüdische Ansiedlung kein Überschußland verfügbar ist. Ich erkenne die Richtigkeit dieser Behauptung nicht an, selbst in der Form nicht, in welcher sie in dem Bericht erscheinen, obschon sie dort von gewichtigen, erläuternden Vorbehalten begleitet sind. Artikel 6 des Mandats gibt Juden unter gewissen Bedingungen ein Prioritätsrecht auf dichte Ansiedlung auf Staatsböden, die für öffentliche Zwecke nicht benötigt sind. Dieses Recht ist in dem folgenden Abschnitt des Weißbuches, in welchem ich die wichtigen Worte unterstreiche, beiseite geschwemmt worden: Selbst wenn die Eigentumsansprüche der Regierung auf diese Ländereien bestätigt würden, und sie sind in manchen Fällen bestritten, so wäre es doch nicht möglich, diese Flächen für jüdische Ansiedlung zur Verfügung zu stellen, angesichts der Tatsache nämlich, daß sie tatsächlich von arabischen Anbauern besetzt sind, und angesichts des Umstandes, daß es wichtig ist, zusätzliches Land zu beschaffen, auf welchem die jetzt landlosen arabischen Anbauer angesiedelt werden können. Es wird hier ausgesprochen, daß alle verfügbaren Staatsländereien nicht, wie es die Vorschrift des Mandates ist, für jüdische Ansiedlung nutzbar gemacht werden, sondern daß sie für landlose arabische Anbauer reserviert werden. Das ist aber noch nicht alles. In logischer Konsequenz wird so das allgemeine Prinzip aufgestellt, das auf alle Arten von Böden anwendbar ist, wonach jeder