Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 45 (7.11.1930)
- Date
- 1930-11-07
- Page
- Seite 633 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 Das Jüdische Echo 633 Gründung des Fonds proklamiert worden war, wurde die neue Institution noch von verschiedenen Seiten angegriffen, sowohl von den Anhängern der Idee der nationalen Anleihe, als auch von den Anhängern der Privatinitiative. In Amerika, das damals maßgebend war, konnte man erst nach dem Rücktritt der Leitung Brandeis-Mack im Jahre 1921 mit Geldsammlungen beginnen. Aber trotz der isolierten Stellung, in der wir uns befanden, trotz der großen Schwierigkeiten, auf die wir stießen, haben wir unsere Idee nicht aufgegeben und sind nicht zurückgewichen. Wir waren tief überzeugt, daß dies der einzige Weg war, um sofort mit dem Aufbau beginnen zu können. Nur auf dem Wege der Volksspende (ich nannte sie „V o 1 k s s t e u e r“, Herr Zlatopolski nannte sie „M a a s s e r“) konnte man an die riesenhafte Arbeit herangehen, die vor uns stand, die allein einmal unsere Sehnsucht und unsere Träume verwirklichen wird. Und bei dieser Gelegenheit muß Argentinien gerühmt werden, das erste Land, das noch vor der Londoner Konferenz, ja unmittelbar nachdem unsere ersten Artikel über den neuen Fonds erschienen waren, im Mai 1920 einen Betrag von 20 000 £ für diesen Fonds eingesandt hat. Diese Leistung hat uns beim Beginn unserer Arbeit einen Ansporn gegeben und war uns Zeichen und Bürgschaft, daß unser Appell beim Volke Widerhall finden wird. Mögen mir die Leser diese kleine Vorrede verzeihen, „das bischen Geschichte“, das in dieser Jubiläumsstunde sein Recht verlangt und das ich aufs Papier bringen wollte, bevor ich zum eigentlichen Zweck meines Artikels komme, über die Prinzipien des Keren Hajessod zu sprechen. Was sind diese Prinzipien? a) Selbsthilfe. Man kann und soll von den Regierungen verlangen, daß sie unsere Idee unterstützen; wir müssen uns aber immer darüber klar sein, daß der verantwortliche Faktor für die Realisierung des Aufbauwerkes das jüdische Volk selbst ist. Und wenn das Volk wirklich den Aufbau seines Landes will, dann muß es sich an dem Aufbauwerk tatkräftig beteiligen; dann reichen keine zufälligen Spenden aus, sondern das Volk muß regelmäßig einen Teil * seiner Einnahmen dafür hingeben, so wie jedes Volk Steuern für sein Land entrichtet. b) Ein einheitliches Budget. An Stelle der vielen zersplitterten Geldsammlungen, für jeden einzelnen Zweck gesondert, muß eine einheitliche Kasse des jüdischen Volkes geschaffen werden, die die Steuern sammelt und sie je nach den Bedürfnissen der Kolonisation, Erziehung, Gesundheit und all unserer Versuche in Erez Israel verteilt. Mit diesem Prinzip ist die Idee eines öffentlichen Budgets verbunden, das alle Aufgaben einschließt, die nicht durch Privatinitiative oder Aktiengesellschaften durchgeführt werden können. Diese „Staatskasse“ muß auch die Mittel beistellen, die für die Ausführung von verschiedenen Experimenten notwendig sind, für die wegen des damit verbundenen Risikos keine Privatkapitalien aufgebracht werden können. c) Das Volkskapital gilt als Pionier für das Privatkapital. Der Keren Hajessod will den Bedarf an Privatkapital nicht verringern oder die Bedeutung des Privatkapitals beeinträchtigen. Der Keren Hajessod will als Wegweiser für das Privatkapital dienen, er will zeigen und offenbaren, was in Erez Israel sowohl auf dem Gebiete der Kolonisation als auch in anderen Wirtschaftszweigen geleistet werden kann. Der Keren Hajessod hatte immer als wichtigstes Ziel den Aufbau von Erez Israel für die jüdischen Volksmassen vor Augen. Und. jede Tätigkeit, die uns diesem Ziel näherbringen kann, wird von unserem Volksfonds gefördert. Jedes neue Unternehmen, das mit Privatkapitalien errichtet wird, soll vom Keren Hajessod gefördert werden, falls es von Bedeutung für die Allgemeinheit ist. Als vornehmstes Beispiel kann der Elektrifizierungsplan von Ruthenberg dienen. Die Leiter des Keren Hajessod haben nie geglaubt, daß man dieses große Unternehmen nur mit Hilfe dieses Fonds wird errichten können. Es ist aber Tatsache, daß der Keren Hajessod es war, der die erste Summe hergegeben hat und damit die Einleitung dieser Arbeit ermöglichte. d) Vertrauen in das Volk und seine Kräfte. Schon im Jahre 1920 wurde uns die Frage gestellt; Wer spielt die entscheidende Rolle bei der Hergabe der Mittel — die Reichen des Volkes oder seine Massen? Man wird sich noch an die Anregung erinnern, die damals auftauchte und nicht akzeptiert wurde, daß nämlich durch eine Delegierung sehr bemittelter Personen in die Leitung die erforderlichen Summen aufgebracht werden können. Grundlage des Keren Hajessod war die Idee, daß das Volk, das den wahren Träger der zionistischen Idee darstellt und in erster Linie an ihrer Verwirklichung interessiert ist, uns helfen wird, die erforderlichen Summen 'aufzubringen, daß es vor allem bei der Verteilung der Gelder zu entscheiden haben wird. „Geht ins Volk! Das ist der einzige Weg, der uns ziemt. Nicht einzelne, sondern das Volk kann und wird mit seinen Kräften seine Sehnsucht verwirklichen“, mit diesen Worten habe ich mein Referat über den Keren Hajessod auf der Londoner Konferenz geschlossen. e) Heranziehung von nichtzionistischen Kräften für die Aufbauarbeit. Da wir die zionistische Idee in ihrem ganzen Umfang aufs Panier gehoben haben, war es uns schwer, neue Menschen für unsere Arbeit zu gewinnen. Unsere Idee erlebte von den Tagen der Balfourdeklaration bis zur Bestätigung des Vertrages von San Remo eine Kette von Erfolgen, aber die Zahl der neuen Menschen, die sich unserer Bewegung anschlossen, war gering. Der Zionismus, der vor allem auf der Idee eines einheitlichen jüdischen Volkes in allen Ländern der Welt begründet ist, konnte keine Anhänger unter denjenigen Schichten finden, die die Existenz eines jüdischen Volkes leugnen. Durch die breite und intensive Propaganda, die der Keren Hajessod schriftlich und mündlich betrieben hat, durch seine besonderen Delegierten, die er in alle Länder der Welt gesandt hat, hat er viel zur Verbreitung der Palästinaidee unter allen Schichten unseres Volkes beigetragen. Zehn Jahre sind seit der Gründung des Fonds verstrichen. Hat er sein Aufgabe erfüllt? Sind seine Prinzipien gewahrt worden? Wir müssen zugeben, daß wir hinsichtlich der Hauptfrage, die wir dem Keren Hajessod gestellt haben, nämlich 25 Millionen Pfund in fünf Jahren aufzubringen, keinen Erfolg hatten. Seit Einleitung der Sammlungen sind schon neun Jahre verstrichen, und es ist uns erst gelungen, ein Fünftel der damals festgesetzten Summe aufzubringen. Als Hauptgrund hierfür ist die Zerstörung des russischen Judentums zu betrachten. Die Verarmung der Volksmassen in Polen und Osteuropa überhaupt war ein weiteres Hindernis für die Durchführung von großen Geld-