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Das jüdische Echo · 1930-10-31 · 44 (31.10.1930) · p. Seite 622

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
44 (31.10.1930)
Date
1930-10-31
Page
Seite 622 (sequence 10)
Language
German
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622 Das Jüdische Echo Nr. 44 noch orientiert ist an jener Zeit, in der allgemein wirtschaftliches und jüdisches Interesse zusammenfielen; heute kreuzen sie sich. Bei dem Prozeß der Neugestaltung wurden die Juden ausgeschaltet. Und die Versuche der Wiedereinschaltung — etwa bei der jüdischen Hochfinanz mit Rechtsorientierung und Paktieren mit Hitler ■— müssen scheitern. Auch in diesen Kreisen schreitet, wie die Statistik beweist, die Ausschaltungstendenz fort. Alle Parteien distanzieren sich heute von den Juden, mögen sie sich auch früher um sie bemüht haben, heute scheut mau sich und fühlt sich blamiert, wenn man öffentlich miteinander gesehen wird. Nun ist die Frage: können die Juden dieser neuen Situation Rechnung tragen? Man versteht ganz gut, daß eine solche Neuorientierung, wie die Zionisten sie immer gepredigt haben, nicht leicht ist. Die Antwort kann keine vollbefriedigende sein. Sie könnte es nur dann, wenn der. Organisationen der Nichtjuden Organisationen der Juden gleicher Art gegenüber zu stellen wären. Das ist unmöglich, heute noch mehr als früher, wo den Juden noch viel mehr die Möglichkeit genommen ist, den anderen als autonomes Gebilde mit normaler Schlichtung gegenüber zu treten. Auch die Parole der Berufsumschichtung ist — für Deutschland — verfehlt, in einem Augenblick, in dem die Juden aus allen Berufen hinausgedrängt werden und wo die Ausschaltungstendenzen in allen Berufen so groß sind. So bleibt den Juden nichts anderes übrig, als sich selbst zu solidarisieren, sich auch ihrerseits zu organisieren. In der Tat eine Reaktion* die ganz von selbst begonnen hat. Was 1880 noch als unerhört galt, — daß ein besserer Jude Mitglied eines jüdischen Vereins wurde — findet man heute selbstverständlich. Die Juden sind, heute zeigt sich das deutlich, eine Schicksalsgemeinschaft, es wird das evident, was wir schon immer die objektive Judenfrage genannt haben. Alle Juden, gleichgültig immer,, was sie über ihr Judentum denken, selbst die Getauften, sitzen vereint in einer jüdischen Welt, sind gezwungen die gleiche Luft zu atmen. Was ist gegenüber der Zwangsläufigkeit dieser Entwicklung zu tun? Man muß zur Selbsthilfe kommen, zu Mitteln greifen, wie Kreditkassen, Stellenvermittlung, Rechtsschutz und internationale jüdische Solidarität beweisen. Aber ein Radikalmittel gibt es nicht. All dies sind lediglich Palliativmittel, die auf die Dauer nicht befriedigen können,, die nur dann einen Sinn haben, wenn man auf eine bessere Zeit hoffen könnte. Die Entwicklung in der ganzen Welt, gerade auch in Amerika, zeigt, wie trügerisch diese Hoffnung ist. So kann man sich damit nicht abfinden, kann sich vor allem ein Volk nicht abfinden; ein Volk sucht nach einem Ausweg, nach einer Antwort. Diese Antwort ist Palästina. Es, ist geradezu ein Beispiel jener Hegelschen List der Idee, daß in einer Zeit der Aussichtslosigkeit diese einzige Möglichkeit einer Lösung der objektiven Judenfrage für das jüdische Volk gegeben ist. Denn, dieses Werk existiert nach einem dunkel und trostlosen Beginn, über Glücks- und Unglücksfälle politischer und wirtschaftlicher Art hinweg, und steht heute so fest, daß es ohne großen Schaden auch die Unruhen vom August 1929 ebenso wie die von 1920/21 überwinden konnte und daß es auch den schweren politischen Stoß der englischen Regierung überstehen wird. Und nur die Hoffnung auf dieses jüdische Palästina und die Mitarbeit an seinem Aufbau gibt der sonst so trostlosen jüdischen Gegenwart ihren Sinn. Das jüdische Palästina hat all das erlitten, was allem echten Leben passiert. Die Juden freilich, haben sich das Jüdische immer als etwas Künstliches vorgestellt, etwas rein Ideales,, so rein wie nur eine Sache sein kann, die man nie benützt. Nun, der Zionismus lebt und Palästina hat in den letzten zehn Jahren über 100 000 Juden aufgenommen, es ist heute ein Land der Früchte, der beginnenden Industrie, ein Land mit eigener Sprache und eigener Kultur. Was uns heute trifft, geschieht in einem anderen Palästina als dem von 1920. Auch das neue englische Weißbuch, es ist nicht mehr als eine Episode. Dieser politische Schlag, der zuletzt zurückzuführen ist auf die Revanche einer Verwaltung, die, ungewohnt mit den Schwierigkeiten einer besonderen Situation in Palästina zu rechnen,' dagegen revoltierte und die Zensur der Mandatskommission nicht ertragen konnte. Dieser politische Schlag trifft uns zunächst nicht im entscheidenden Punkt. Wir haben für die nächsten Jahre Boden genug, um 6 bis 7000 Familien ansiedeln zu können und haben selbst nach dem Simpson-Bericht die Möglichkeit der Einwanderung von 20 000 Familien. So hängt auch heute und heute erst recht, alles von unserer materiellen Kraft ab, so gilt es heute erst recht zu zeigen, wozu wir im Stande sind. Und so kann unsere Antwort nur lauten: „Aufruf zum Zionismus!“ H. W.-V. Aus der jüdischen Welt Eröffnung eines Mittelstandheimes des Jüdischen Frauenbundes in Berlin Berlin, 27. Oktober. (JTA.) Am Sonntag, den 26. Oktober, wurde in Berlin-Grunewald das Olga- Stern-Haus des Jüdischen Frauenbundes, welches dank einer großzügigen Stiftung des Herrn Direktor J. Stern zum Andenken an seine verstorbene Gattin errichtet werden konnte, seiner Bestimmung übergeben. Die Eröffnungsfeier fand vor einer großen Zahl geladener Gäste statt und wurde von einer Ansprache des Herrn Direktor J. Stern eingeleitet, der nach einer kurzen Würdigung des Wirkens seiner verstorbenen Gattin den Mitgliedern des Jüdischen Frauenbundes für ihre hingebungsvolle Arbeit bei der Einrichtung des neuen Heims dankte. An die Feier, welche von musikalischen Darbietungen eingerahmt war, schloß sich ein Rundgang durch das von Herrn Architekten Heinrich Borchard mit außerordentlichem Geschick aus einer ehemaligen Privatvilla umgestaltete Haus. 30 Einzelzimmer, viele mit Balkons und Veranden, große Wohndiele, Speise- und Gesellschaftszimmer, alles ist hell, heiter und behaglich ausgestattet, die Wirtschaftsanlagen bis ins Kleinste praktisch durchdacht. Die Schönheit und Zweckmäßigkeit des Werkes erweckte allseitige Bewunderung. Dr. Johannes Stanjek gestorben Berlin, 27. Oktober. (JTA.) Dr. Johannes Stanjek, der langjährige Redakteur der „Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus“, ist in diesen Tagen im Alter von 67 Jahren verstorben. Stanjek, der ursprünglich katholische Theologie studiert hatte, wandte sich später der Journalistik zu, war. bei der „Berliner Volkszeitung“ tätig und kam dann als schriftstellerischer Leiter in den Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Er galt als hervorragender Kenner der Geschichte und der Psyche der führenden Persönlichkeiten des Antisemitismus, er war es auch, der die berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ als plumpen Schwindel entlarvt hatte.

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