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Das jüdische Echo · 1930-10-31 · 44 (31.10.1930) · p. Seite 621

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
44 (31.10.1930)
Date
1930-10-31
Page
Seite 621 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 41 Das Jüdische Echo 621 Jahr oder ein Jahr, wie am bonnabend erörtert, die erwünschte und von allen Seiten gewollte Befriedigung der Gemeinde nicht zu bringen geeignet ist. s Wir legen den größten Wert darauf, zu erklären, -caß wir mit dieser Stellungnahme keineswegs eine weitere Diskussion von Verständigungsmöglichkeiten ablehnen. Auch bei uns ist.durchaus nach wie vor der Wille vorhanden, zur einer Befriedung der Gemeinde beizutragen. Wir bitten nochmals, baldmöglichst eine neue Konferenz zur Beratung anderer Verständigungsmöglichkeiten einzuberufen, gestatten uns im übrigen zu bemerken, daß,, wie wir hören, über das Ergebnis unserer Beratungen vom Sonnabend auch bereits morgen im Gemeindevorstand gesprochen werden wird.“ Diese Zuschrift ist von uns dem Vorsitzenden der Liberalen Fraktion rechtzeitig vor Abfassung der Erklärung des Liberalen Vereins mitgeteilt worden. Der Liberale Verein wußte also, daß die Jüdische Volkspartei durchaus zu weiteren Verhandlungen bereit ist und mit aller Kraft eine wirkliche Befriedung der Gemeinde herbeiführen will; trotzdem hat er seine irreführende Erklärung publiziert. Die Jüdische Volkspartei lehnt gerade im Interesse einer wahrhaften Befriedung den Vorschlag der Mandatsverlängerung auf ein Jahr ab, weil diese Mandatsverlängerung nicht eine Vermeidung des Wahlkampfes,, sondern in Wahrheit eine Verlängerung des Wahlkampfes um ein ganzes Jahr und der damit verbundenen Erregung der Gemeinde bedeutet. Übrigens geht aus der Veröffentlichung des Liberalen Vereins selbst hervor, daß die Schwierigkeiten, die einer wahrhaften Befriedung im Wege stehen, durch das Vorgehen der Liberalen geschaffen worden sind. Nicht die Volkspartei hat Forderungen aufgestellt,, deren Annahme vom Liberalen Verein verlangt worden ist, vielmehr verlangt umgekehrt der Liberale Verein von der Jüdischen Volkspartei die Entsagung von jeder positiven Arbeit und die Annahme liberaler Forderungen, die in ihrer Durchführung eine Aufhebung der bisherigen Aufbauleistungen bedeuten würden. Wir sehen von der Berichtigung der anderen, aus wahltaktischen Agitationsbedürfnis der Liberalen Partei entspringenden Entstellungen ab; wir bedauern aufrichtig, daß in einem Augenblick der Verhandlungen der Liberale Verein die unwahre und unerhörte Behauptung aufstellt, die Volkspartei habe bei der Anstellung von Gemeindebeamten nicht die fachliche Eignung, sondern das „Parteibuch“ als ausschlaggebend betrachtet. Die Volkspartei hält es unter ihrer Würde, eine derartige Behauptung zurückzuweisen; sie ist überzeugt, daß die jüdische Öffentlichkeit schon aus diesem offenbar wider besseres Wissen erhobenen Vorwurf ersehen wird, wer die wahren Friedensstörer sind. Der Liberale Verein wird aufgefordert, statt der allgemein gehaltenen Verdächtigung auch nur einen einzigen Fall anzuführen, in welchem der Parteizugehörigkeit die fachliche Eignung hintangesetzt wurde. Die Veröffentlichung des Liberalen Vereins beweist nur, daß die Liberalen die in allgemeinen Wahlkämpfen übliche Methode anzuwenden bemüht sind, anderen die Verantwortung für das offensichtlich von ihnen gewünschte Scheitern der Verhandlungen zuzuschieben. Für diese Absicht spricht auch,, daß der Liberale Verein seine Veröffentlichung vorgenommen hat, obwohl im Interesse einer Fortführung der Verhandlungen von allen Seiten, auch von den liberalen Teilnehmern an den Verhandlungen, absolute Vertraulichkeit gelobt und zugesichert war. Die Jüdische Volkspartei erklärt sich,, trotz dieses peinlichen Vorfalles und trotz der Gewißheit, daß der Kampf für sie günstige Resultate bringen würde, nach wie vor bereit, an wirklichen Befriedungsverhandlungen, d. h. an der Schaffung einer Einheitsliste, die der Gemeinde für die nächsten vier Jahre den Wahlkampf erspart, ihr eine verfassungsmäßige Vertretung gibt und die Demokratie sichert, gern mitzuarbeiten. Am 24. d. M. haben nun die Liberalen dem Wahlkommissar der Berliner Jüdischen Gemeinde ihre Kandidatenliste für die Repräsentantenwahlen am 30. November überreicht. (Spitzenkandidaten der Liberalen sind Direktor Wilhelm Kleemann und R.-A. Heinrich Stern). Damit scheint der Wahlkampf für die Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde eröffnet zu sein. Blumenfeld In Nürnberg Der Zionistischen Ortsgruppe war es gelungen, den Präsidenten der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Herrn Kurt Blumenfeld, zu einem Vortrag über das Thema: „Das Schicksal der deutschen Juden“ zu gewinnen. Herr Blumenfeld verstand es in seinem Vortrag,, der am 23. Oktober im Saale der Landesgewerbeanstalt. stattfand und. eine große Anzahl Besucher angezogen -hatte, dieses aktuelle Thema im Rahmen einer großangelegten soziologischen Studie über das deutsche Judentum, in eindrucksvollen Ausführungen und mit der gewohnten rhetorischen Meisterschaft dem Publikum nahe zu bringen. Die Judenfeindschaft, so führte Herr Blumenfeld aus, ist zwar so alt wie das jüdische Volk, aber es verlohnt sich doch, gerade diesen Augenblick einer Würdigung zu unterziehen, der nicht nur rein äußerlich durch das Anwachsen antisemitischer Parteien eine neue Situation herbeigeführt hat. Das grundsätzlich Neue der Situation in Deutschland liegt doch etwas tiefer. Die demokratisch liberale Ära. die Zeit des Freihandels und der individuellen Freiheit, die große Zeit des 19. Jahrhunderts ist endgültig vorbei, eine Zeit, die nicht nur rein wirtschaftlich gesehen für die Juden eine ungewöhnlich günstige Zeit gewesen ist; es war auch die Staatstheorie jener Zeit, die nur den Staat als Gesamtorganismus und daneben den einzelnen Bürger sah und die so zugleich auch politisch die Juden wieder emportrug: Sondergemeinschaften, Sonderorganisationen gab es in diesem Staatsbegriff nicht, der denn auch den Juden die Emanzipation nur dann vollständig geben konnte und wollte, wenn sie auf jede, auch die leiseste Form der Sonderorganisation Verzicht leisteten. Heute haben Organisationen innerhalb des Staates eine neue Bedeutung gewonnen; auf allen Gebieten der Gesellschaft und Gemeinschaft erfolgen Zusammenschlüsse, naturnotwendig begleitet vom Ausschluß anderer. Heute ringt eine neue Welt in schweren Geburtswehen. Neue Zusammenhänge werden sichtbar, die neue Orientierung nimmt keine Rücksicht auf den individualistisch gerichteten Sinn der Juden, der immer

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