Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 44 (31.10.1930)
- Date
- 1930-10-31
- Page
- Seite 623 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 44 Das Jüdische Echo 623 Friedhof Schändung in Leoben Wien, 27. Oktober. (JTA.) Wie die Chewra Kadischa aus Leoben berichtet, ist diese als ein Zentrum der Heimwehrbewegung bekannte obersteiristhe Industriestadt seit einigen Tagen der Schauplatz wüster Hakenkreuzexzesse. Nun haben die Exzesse in einer Friedhofsschändung ihre würdige Fortsetzung bekommen. In der Nacht vom 20. auf den 21. des Monats wurden die auf der Vorderseite der im Jahre 1929 eingeweihten neuen Zeremonienhalle in einer Höhe von vier Metern angebrachten hebräischen Metallhuchstaben entwendet. Die Leitung der Chevra Kadischa hat die Anzeige an die Polizei erstattet, die die notwendigen Erhebungen in die Wege geleitet hat. Mathieu Dreyfus gestorben P a r i s , 23. Oktober. (JTA.) Im Alter von 73 Jahren verstarb in Paris Mathieu Dreyfus, der Bruder des Obersten Alfred Dreyfus. In der Bewegung für die Rehabilitierung des wegen Landesverrats unschuldig verurteilten und nach der Teufelsinsel verbannten seinerzeitigen Hauptmanns Alfred Dreyfus war Mathieu Dreytus die zentrale Kraft. Er war es, der zuerst auf den Major Esterhazy als den wirklichen Verfasser des fälschlich Dreyfus zugeschriebenen „bordereau“, des eigentlichen corpus delicti gegen Dreyfus, hingewiesen hat. Er war es auch, der Persönlichkeiten wie Senator Scheurer-Kestner, Oberst Picquard, Emile Zola von der Unschuld seines Bruders überzeugt und so die Bewegung für die Rehabilitierung Dreyfus’ eingeleitet hat. Das Zionistische Aktions-Komitee tritt am 4. November in London zusammen London, 24. Oktober. (JTA.) Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, hat die Zionistische Exekutive nach einer Beratung mit Herrn Leo Motzkin, dem Präsidenten des zionistischen Aktions- Komitees, der eigens zu diesem Zwecke nach London berufen worden war, den Beschluß gefaßt, eine Sitzung des Aktions-Komitees für den 4. November nach London einzuberufen. Es besteht die Möglichkeit, daß im Falle einer starken Beschickung der Aktions-Komilee-Sitzung der für Februar einberufene Kongreß auf einen späteren Termin verlegt werden wird; dies im Hinblick auf den Widerstand, der sich in manchen Kreisen gegen die durch die Abhaltung eines Kongresses im Februar, in der Zeit der Winterkampagne des Keren Hajessod, geltend macht. Weder Agudah noch Brith Schalom nehmen am Legislative Council teil Jerusalem, 24. Oktober. (JTA.) Der Führer der Agudas Jisroel Rabbi Blau erklärte, die Agudah werde die jüdische Einheitsfront nicht sprengen und sich, entgegen ihrer ursprünglichen Absicht, an den Wahlen zum Legislative Council nicht beteiligen. Der Brith Schalom hat dem Waad Leumi formell bekanntgegeben, daß seine Mitglieder sich weder an der Wahl zum Legislative Council beteiligen, noch einer Berufung in diese Körperschaft Folge leisten werden. Feuilleton Die Lästerung Von Josef Roth Im Gustav-Kiepenheuer-Verlag, Berlin, erschien soeben „H i o b“, der Roman eines einfachen Mannes von Joseph Roth, in dem ein alter jüdischer Stoff eine meisterliche moderne Darstellung gefunden hat. Mit Erlaubnis des Verlags geben wir ein ergreifendes Kapitel aus dem bedeutsamen Roman wieder, das, Mendel Singer, den Hiob von heute, im tiefsten Unglück zeigt. Sie verließen ihn. Mendel trat ans Fenster und sah zu, wie sie in den Wagen stiegen. Es schien ihm, daß er sie segnen müsse, wie Kinder, die einen sehr schweren oder einen sehr glücklichen Weg antreten. Ich werde sie nie mehr sehen — dachte er dann — ich werde sie auch nicht segnen. Mein Segen könnte ihnen zum Fluch werden, ihre Begegnung mit mir ein Nachteil. Er fühlte sich leicht, ja leichter als jemals in all seinen Jahren. Es fiel ihm ein, daß er schon seit Jahren einsam war. Einsam war er seit dem Augenblick gewesen, an dem die Lust zwischen seinem Weib und ihm aufgehört hatte. Allein war er, allein. Frau und Kinder waren um ihn gewesen und hatten ihn verhindert, seinen Schmerz zu tragen. Wie unnütze Pflaster, die nicht heilen, waren sie auf seinen Wunden gelegen und hatten sie nur verdeckt. Jetzt endlich genoß er sein Weh mit Triumph. Es galt nur noch eine Beziehung zu kündigen. Er machte sich an die Arbeit. Er ging in die Küche, raffte Zeitungspapier und Kienspäne zusammen und machte ein Feuer auf der offenen Herdplatte. Als das Feuer eine ansehnliche Höhe und Weite erreichte, ging Mendel mit starken Schritten zum Schrank und entnahm ihm das rotsamtene Säckchen, in dem seine Gebetriemen lagen, sein Gebetmantel und seine Gebetbücher. Er stellte sich vor, wie diese Gegenstände brennen würden. Die Flammen werden den gelblich getönten Stoff des Mantels aus reiner Schafwolle ergreifen und mit spitzen, bläulichen, gefräßigen Zungen vernichten. Der glitzernde Rand aus silbernen Fäden wird langsam verkohlen, in kleinen rotglühenden Spiralen. Das Feuer wird die Blätter der Bücher sachte zusammenrollen, in silbergraue Asche verwandeln, und die schwarzen Buchstaben für ein paar Augenblicke blutig färben. Die ledernen Ecken der Einbände werden emporgerollt, stellen sich auf, wie seltsame Ohren, mit denen die Bücher zuhören, was ihnen Mendel in den heißen Tod nachruft. Ein schreckliches Lied ruft er ihnen nach. „Aus, aus, aus ist es mit Mendel Singer!“ — ruft er und mit den Stiefeln stampft er den Takt dazu, daß die Dielenbretter dröhnen und die Töpfe an der Wand zu klappern beginnen. „Er hat keinen Sohn, er hat keine Tochter, er hat kein Weib, er hat keine Heimat, er hat kein Geld. Gott sagt: ich habe Mendel Singer gestraft; wofür straft er, Gott? Warum nicht Lemmel, den Fleischer? Warum straft er nicht Skowronnek? Warum straft er nicht Menkes? Nur Mendel straft er! Mendel hat den Tod, Mendel hat den Wahnsinn, Mendel hat den Hunger, alle Gaben Gottes hat Mendel. Aus, aus, aus ist es mit Mendel Singer.“ So stand Mendel vor dem offenen Feuer und stampfte mit den Füßen. Er hielt das rotsamtene Säckchen in den Armen, aber er warf es nicht hinein. Ein paarmal hob er es in die Höhe, aber seine Arme ließen es wieder sinken. Sein Herz war böse auf Gott, aber in seinen Muskeln wohnte noch die Furcht vor Gott. Fünfzig Jahr, Tag für 9999999999991