Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 44 (31.10.1930)
- Date
- 1930-10-31
- Page
- Seite 619 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 619 Das Jüdische Echo sondern auch im gesamten Judentum und darüber hinaus bei allen gerecht denkenden Menschen hervorgerufen wurden, entheben nicht der unabweislichen Pflicht, die neue Situation mit größter Besonnenheit zu untersuchen. Man darf sich bei dieser Sachlage keinen Illusionen hingeben. Die Erklärung der englischen Regierung bedeutet die Wiederaufnahme einer politischen Linie, wie sie schon im Jahre 1922 von Churchill eingeleitet wurde: England, in seiner Stellung in Indien und Ägypten bedroht, versucht, einen großen arabischen Block zu schaffen, um, sich auf ihn stützend, die verminderten Einflüsse im gesamten Orient verstärken zu können. Ob diese Rechnung richtig ist, bleibt dahingestellt. Dazu kommt das Verhalten der englischen Bureaukratie und der Dogmatiker im Colonial Office. Die Bureaukratie ist empört über die Anklagen, die gegen sie durch den Mund der zionistischen Anwälte vor der Shaw- Kommission erhoben wurden, sie ist bis ins tiefste verletzt gewesen durch die Feststellungen der Permanenten Mandatskommission des Völkerbundes. Als Henderson in Genf mit süß-saurer Miene den Bericht des finnischen Außenministers Procope, der sich in der Kritik der Verwaltungsmethoden in Palästina kein Blatt vor den Mund gelegt hatte, akzeptieren mußte, waren in den Zeitungen in der Schweiz Kommentare zu lesen, in denen es hieß, daß Henderson das gutmachen mußte, was hochnäsige und beschränkte Beamte des Colonial Office und der britischen Verwaltung in Palästina verbrochen haben. Derartige Tadelsworte, zum ersten Male seit Jahrhunderten vor einem Weltforum an die Adresse englischer Beamten gesprochen, sind in London nicht vergessen worden. Die Labourregierung ist im Amt aber nicht an der Macht. Was das bedeutet, kennen wir in Deutschland nur zu gut. Eine schwache Regierung, die sich auf keine geschlossene Mehrheit in den Parlamenten zu stützen vermag, ist Spielball ihrer Geheimräte. Ton und Inhalt der britischen Regierungserklärung sind ein Sieg des englischen Geheimrats, der es einmal seinen Kritikern gezeigt hat. Hierzu kommt, und das darf man nicht vergessen, als konstanter Faktor bei allen Angelegenheiten, die sich auf Juden beziehen, die Abneigung des Durchschnitts-Nichtjuden gegen Judentum, jüdische Art, jüdische Wünsche und jüdische Pläne. Diese Einstellung herrscht in Deutschland, sie herrscht in Amerika, sie herrscht auch in England. Zum Glück sind weder eine Regierung, noch der Wille und die Rachsucht einer Bürokratie auf die Dauer maßgebend. Das*wahre Interesse Englands — und das ist nicht nur unsere Meinung, sondern die erleuchteter Geister wie Lord Robert Cecils, um nur einen großen Engländer zu nennen — liegt in einer engen Zusammenarbeit mit der öffentlichen Meinung der Welt, die im Falle des jüdischen Palästinawerkes auf Seiten der Juden steht. Warum das ist, soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Es genüge der Hinweis, daß es in der ganzen Welt eine Judenfrage gibt und daß es in den Ländern, in denen das jüdische Problem für das gesamte Staatsleben brennend ist, keine Araber gibt. Dazu kommt, daß sich die britische Regierung im vorliegenden Falle allzu flagrant ins Unrecht gesetzt hat, als daß man außerhalb desbritischen Regierungslagers imstande sein könnte, die Vorgangsweise der englischen Regierung irgendwie zu billigen. In dem Streite, den wir jetzt mit aller Entschiedenheit vor dem Weltforum gegenüber England durchfechten müssen, befinden wir uns in der Position des Anklägers. Wohl fällt uns die Aufgabe zu, als Ankläger die Beweise zu führen, daß der Angeklagte gefehlt hat, aber wir sind in unserer Aktionsmöglichkeit freier und beweglicher als die auf der Anklagebank der öffentlichen Meinung sitzende englische Regierung. Ein Trost in diesem Unglück ist, daß wie noch niemals im gegenwärtigen Augenblick die Einheit und Geschlossenheit der jüdischen Weltmeinung zutage getreten sind. Wir sind, als Volk genommen, voller Widersprüche: äußerer Machtmittel beraubt und doch nicht machtlos; zerstreut und gespalten in Fällen positiver Aktionen: aber einig und unbesiegbar bei der Abwehr gegen drohendes oder erlittenes Unrecht. Die britische Regierungserklärung ist nicht das Brüllen des englischen Löwen gewesen, sondern das Krächzen der englischen Bürokratie. Nicht zuletzt wird der Appell gegen Unbesonnenheit der Bureaukratie bei der großen englischen Nation Eindruck üben. Moses Waldmann. Scharfe Erklärung Lloyd Georges gegen die neue Palästma~Politik London, 24. Oktober. (JTA.) Lloyd George hat heute nachmittag die folgende Erklärung der Öffentlichkeit übergeben: Die ohne vorherige Befragung der Vereinigten Staaten von Amerika, Frankreichs, Belgiens, Italiens und unserer eigenen Dominions abgegebene Erklärung der englischen Regierung über ihre künftige Palästinapolitik bedeutet den Widerruf eines großen Teils jenes feierlichen Versprechens, ein jüdisches Nationalheim in Palästina errichten zu helfen, das in einem feierlichen Augenblick gegeben wurde. Dieser Widerruf wird zur Folge haben, daß auf der ganzen Welt von einem „perfiden Albion“ gesprochen wird. Ich will ernstlich hoffen, daß die Regierung ihre Stellungnahme einer Revision unterziehen wird, da ich kaum glauben kann, daß bei der Abfassung der letzten Regierungserklärung allen Umständen voll Rechnung getragen ‘ worden ist. Ich setze mich restlos für eine gleichartige Behandlung der beiden Palästina bewohnenden Volksstämme; ein, bin aber der Meinung., daß die von den Alliierten in bezug auf Palästina eingeschlagene Politik keine Ungerechtigkeit gegen die Araber bedeutet. General Smuts fordert von MacDonald die Abgabe einer neuen Erklärung London, 24. Oktober. (JTA.) General Smuts, der frühere südafrikanische Premier, der dem Kriegskabinett Lloyd Georges angehörte, welches 1917 die Balfour-Deklaration betreffend die Errichtung eines jüdischen Nationalheims in Palästina verkündet hat, hat aus Kapstadt an den englischen Ministerpräsidenten Ramsay MacDonald das folgende Telegramm gerichtet: Als einer derjenigen, die für die Balfour-Deklaration verantwortlich sind, bin ich tief beunruhigt über die von der gegenwärtigen englischen Regierung eingeschlagene neue Palästinapolitik, welche einen Rückzug von jener wiederholt durch :Regierungserklärungen bekräftigten Palästinapolitik bedeutet, die der jüdischen Welt in dezidierter Form tatkräftige Unterstützung Englands beim Aufbau des Jüdischen Nationalheims versprochen hat. Ich fordere von der englischen Regierung nachdrücklichst die Abgabe einer Erklärung, daß sie die durch die Balfour- Dekjaration übernommene Verpflichtung treulich