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Das jüdische Echo · 1930-10-24 · 43 (24.10.1930) · p. Seite 609

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
43 (24.10.1930)
Date
1930-10-24
Page
Seite 609 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 43 609 Das Jüdische Echo der bayerische Kultusminister Dr Flaucher einen „dumpfen“ Schädel. Es gibt da eine Liebenswürdigkeit, die „schleierig“ und einen Humor, der „eckig“ ist und ähnlicher Anomalien viele. Dabei sind die regelmäßig zur Charakterisierung von Personen und Dingen verwendeten Attribute von einschläfernder Eintönigkeit und nicht zu überbietender Gewöhnlichkeit. Feuchtwangers Kenntnis des bayerischen Folklore ist so dürftig, daß die ungeheuere Mehrzahl der von ihm gebrauchten Eigenschafts¬ und Schimpfwörter Komposita von „Sau“ sind: „saukalt“, „saublöd“, „saudumm“. ..saumäßig“;! „Saukerl“, „Saujud“ usw. Es bedeutet eine förmliche Oase in dieser Wüste, wenn einmal der „Mann Krüger“ mit herzerfrischender Deutlichkeit erklärt, die „bayerische Regierung könne ihm den Arsch lecken.“ Man denkt unwillkürlich an Ludwig Thoma. Diesem wahrhaften Dichter, den er mit wenig Witz und viel Behagen verspottet, hat Feuchtwanger für seinen „Erfolg“ mehr zu danken, als ihm offenbar selbst bewußt ist. Was aber bei Thoma ungezwungen herauskommt, wirkt bei ihm gezwungen. Keiner hat die Schwächen des altbayerischen Volkes besser gekannt und geschildert als Thoma. Aber sein Stil, auch sein Schimpfstil, war niemals manieriert, und wo die vermeintliche Ungerechtigkeit anfing, hörte bei ihm der Spaß, in dem er ein Meister war, auf. Lion Feuchtwangers bayerische Menschen, von den „Großkopfigen“ angefangen und selbst die fremdblütigen „Schlawiner“ nicht ausgenommen, reden und denkep ausnahmslos im Stil der Frau Wurzel vom Münchener Viktualienmarkt. Es ist, als ob sämtliche Dämonen eines Berliner „Alpenballs“ in den Mann Feuchtwanger gefahren wären. II. Der Form entspricht der Inhalt. Was wird mit diesem ebenso ausführlichen, wie ausfälligen „Erfolg“ eigentlich bezweckt? „Gerechtigkeit“ antwortet uns der Verfasser mit der steinernen Miene einer Pythia. Was aber ist „Gerechtigkeit?“ — „Erfolg“ gibt uns der Verfasser mit der steinernen Miene einer Sphinx zurück. Von den beiden in der Münchener Feldherrnhalle verewigten bayerischen Feldherrn sagt der Volkswitz: der eine sei kein Bayer, der andere kein Feldherr gewesen. Mit unserem Schlüsselroman hat es eine ähnliche Bewandtnis. Bald fehlt es an dem Roman, bald fehlt es an dem Schlüssel, bald fehlt dem Erfolg die Gerechtigkeit, bald der Gerechtigkeit der Erfolg. Nirgends wird klar, was Feuchtwanger unter „Erfolg“ versteht. Das einemal verwendet er das Wort in eudämonistischem Sinn So, wenn er (I, 64) durch den „Mann Krüger“ gelegentlich eine siebensprossige „Stufenleiter der Werte dieses Daseins“ aufstellen läßt, wobei von dem an vierter Stelle — hinter „Frauen und anderen Dingen verfeinerter Lust“ — rangierenden „Erfolg“ gesagt wird: „Nochmals eine Stufe höher stand Erfolg. Ja, Erfolg war gut, Erfolg schmeckte gut.“ Dann wiederum verwendet er das Wort in pragmatischem Sinn. So, wenn er (I, 169) dem sensitiv und intuitiv begabten Mädchen Johanna Krain durch den rational und zynisch veranlagten Jaques Tüverl'in auseinan(dersefzein läßt: „Gerechtigkeit sei eine Folgeerscheinung von Erfolg. Immer sei die gerechte Sache identisch mit der erfolgreichen.“ Wieder an anderer Stelle (II, 373) legt Tiiverlin aber selbst Berufung gegen dieses Urteil ein, das die biblische Lehre auf den Kopf stellt. Er erklärt jetzt, der Begriff Gerechtigkeit sei unsicher geworden, ja sogar „schäbig“. Man wisse zu viel von der menschlichen Seele, um die alten Begriffe von Gut und Böse noch gelten zu lassen, zu wenig, um neue an ihre Stelle zu setzen. Diese müde Skepsis durchzieht den ganzen Roman. Am Anfang steht ein allegorisches Bild: „Josef und seine Brüder“, durch welches der Verfasser die landläufigen Begriffe von „Gerechtigkeit“ in Frage zieht, am Schlüsse (II, 368) steht eine Selbstanalyse des Schriftstellers Jaques Tüverlin, mit welcher der Verfasser dem eigenen Ich skeptisch gegenübertritt. „Er sah, was er gemacht hatte: es stand da in harter Klarheit, es war gut. Es war miserabel. Es war Erkenntnis, es war immer noch der Essai. Erkenntnis allein genügte nicht: Kunst wird nur, wenn Erkenntnis mit Liebe oder Haß zusammenschmilzt.“ Bei aller Unerbittlichkeit dieser Selbstkritik ist sie immer noch nicht unerbittlich genug. Denn daß sein Werk von „harter Klarheit“ sei, wird außer dem Verfasser selbst nicht leicht ein anderer finden. III. Kunst ist erhöhtes Lebensgefühl gepart mit Gestaltungskraft. Noch so tiefe Erkenntnis und noch so großes Ressentiment bringen für sich allein niemals ein Kunstwerk hervor. Aus bloßer Erkenntnis wird Wissenschaft, meist unvollkommene, aus bloßem Ressentiment wird Politik, meistens schlechte, Erkenntnis mit Ressentiment verschmolzen wird eine Streitschrift. Erst wenn schöpferische Gestaltungskraft hinzutritt, kann auch Haß Kunst erzeugen. Aber dies geschieht nur in seltenen Ausnahmefällen. Weitaus die meisten Haßgesänge sind schwülstig, roh, — mittelmäßige Literatur. Die Ilias beginnt zwar mit dem griechischen Wort für Zorn. Aber schon der Klang dieses Wortes in der griechischen Sprache deutet auf seinen unheilvollen Charakter. Daß das Ressentiment die gefährlichste Regung der menschlichen Seele ist, ob es nun in der Brust eines Achill oder eines Thersites nistet, war schon dem alten Homer bekannt. Der Haß verleitet zur Maßlosigkeit und verdirbt dem Denker wie dem Dichter das Handwerk. Jenem trübt er die klare Erkenntnis, diesem verzerrt er jede Gestaltung. Haß verleitet ferner zu ungleichem Maß. Darum verdirbt er auch jede sachliche Kritik. Dieselben „Münchener Neueste Nachrichten“, die noch jüngst im Hinblick auf den Schlüsselroman eines ihrer Mitarbeiter diese Kunstform verteidigten, lehnen sie im Hinblick auf den Schlüsselroman von Lion Feuchtwanger mit auffallender Schärfe ab. Gewiß ist Lion Feuchtwangers „Erfolg“ ein Buch des Hasses. Er ist es aber nicht in höherem Maße, als viele andere Bücher, die Sensationserfolge erzielen, wenn sie Massengefühle ansprechen. Auch beruht vieles von dem; was Feuchtwanger unzulänglich schildert, auf noch unzulänglicheren Taten. Diese muß Jeder hassen, für den Gerechtigkeit mehr bedeutet, als eine dekorative Steinfigur. Man sieht darum keinen rechten Grund, warum der Kritiker der „Münchener Neuesten Nachrichten“, Herr Tim Klein, selbst vor diesem Teil des Feuchtwangerschen Werkes gar so ostentativ den Hut auf dem Kopfe behält. Er meint zwar: „Der mit bösem Gift getränkte Pfeil wird auf ihn und Unschuldige notwendig zurückprallen. Um die Ehr-

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