Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 43 (24.10.1930)
- Date
- 1930-10-24
- Page
- Seite 608 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9241524--11248-9223307- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
608 Das Jüdische Echo Nr. 43 Monaten wegen Besitzes verbotener kommunistischer Literatur gefällte Todesurteil wurde vom Appellationsgericht aufgehoben. Naphtali Propper wurde freigesprochen, die Strafe gegen Samuel Jugend auf ein Jahr und die gegen Israel Hirsch auf 18 Monate Gefängnis festgesetzt. Programmatische Erklärung Mironescus zur Judenfrage Bukarest, 17. Oktober. (JTA.) Ministerpräsident Mironescu gab einen Pressetee, an dem alle in- und ausländischen Pressevertreter teilnahmen, und hielt bei dieser Gelegenheit die erste Rede als Regierungschef. Er erklärte, die neue Regierung sei keine provisorische Regierung, wie einzelne Blätter behauptet haben; sein Kabinett genieße das volle Vertrauen des Königs und des Parlaments. Mironescu entwickelte das Programm der neuen Regierung und führte mit Bezug auf die Juden aus; Die jüdische Minderheit ist die älteste Minderheit in Rumänien, wir haben daher ein besonderes Interesse daran, daß sich die Juden in unserem Lande wohl fühlen. Wir werden alles tun, um die Rechte der Juden zu verteidigen und sie gegen Agitation und Ausschreitungen zu schützen. Wir werden die stengsten Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung treffen und mit aller Schärfe gegen antisemitische Ruhestörer Vorgehen. Wir betrachten die Minderheiten nicht als Feinde, sondern als Bürger, denen wir das Wohnen in Rumänien so angenehm als möglich machen müssen. Das offizielle vatikanische Organ gegen Hitler Rom, 16. Oktober. (JTA.) „Osservatore Romano“, das offizielle Organ des Vatikans, schreibt über die Verordnung des Bischofs von Mainz gegen den Nationalsozialismus: Das Verbot stützt sich darauf, daß das Programm der Nationalsozialisten Grundsätze enthält, die mit den Lehren und mit den Grundsätzen der katholischen Kirche unvereinbar sind. Auch ist es bekannt, daß die nationalsozialistischen Redner in öffentlichen Versammlungen verkünden, daß ihre Politik „gegen Juda und Rom“ gerichtet ist. „Was uns am meisten wundert — schließt „OsServatore Romano“ — ist, wie die Verbreiter des Wotankultes verlangen können, daß sich um ihre Standarte mit dem Sonnenrad und dem Hakenkreuz gerade die Anhänger des Kreuzes und Christi scharen, der die Götter aus dem heidnischen Olymp verjagt hat.“ Neuerliche antisemitische Ausschreitungen in Paris Paris, 16. Oktober. (JTA.) Zum zweitenmal im Verlauf von wenigen Wochen wurde von Gruppen französischer Royalisten, sogenannten „Camelots du Roi“ der Versuch gemacht, antisemitische Unruhen im jüdischen Viertel von Paris hervorzurufen. Als am 11. Oktober eine Gruppe jüdischer Kriegsteilnehmer vor der am Rathaus angebrachten Gedenktafel für Kriegsgefallene einen Kranz niederlegen wollte, wurde sie von einer Rotte Camelots mit Stöcken überfallen. Die Royalisten versuchten auch, die Fahne der Vereinigung ehemaliger jüdischer Frontsoldaten zu zerreißen. Die jüdischen Soldaten setzten sich zur Wehr, wobei zahlreiche Passanten für die Juden und gegen die Royalisten Stellung nahmen. Die Rowdies erhielten eine ausgiebige Tracht Prügel und wurden schließlich von der Polizei verhaftet. Auf die Bitte der Vereinigung ehemaliger jüdischer Soldaten wurden sie aber bald darauf wieder freigelassen. Lord Melchett krank London, 17. Oktober. (JTA.) Lord Melchett, der Vorsitzende des Council der Jewish Agency, ist nach seiner Rückkehr aus Kanada erkrankt. Er hat sich darum genötigt gesehen, zunächst für drei Wochen jeder öffentlichen Tätigkeit zu entsagen. Er leidet an einer Venenentzündung. Endgültiger Freispruch der Demonstranten gegen Shiels Tel-Awiw, 20. Oktober. (JTA.) Am 18. August fand die zweite Verhandlung gegen die wegen der Demonstrationen gegen Unterstaatssekretär Dr. Drummond Shiels angeklagten Juden statt. Nach einem Verhör, das den ganzen Tag gedauert hatte, fällte der Richter Harkavy einen Freispruch, durch den diese Komödie der Irrungen von Frei lassung und Wiederverhaftung endgültig abgeschlossen erscheint. Feuilleton Lion Feuehtwangers „Erfolg“* Jede menschliche Rede sollte in erster Linie nach ihrer Form beurteilt werden. Lion Feuchtwanger ist hierin offenbar anderer Meinung. Unter seinen bayerischen Beamtentypen befindet sich ein stark an Ludwig Thoma’s Bindinger erinnernder Gymnasiallehrer namens Feichtinger. Da dieser als Geschworener von' den Vorgängen im Gerichtssaal wenig begreift, kaut er rni den Nägeln und „korrigiert manchmal mechanisch eine Satzkonstruktion.“ Unserem Verfasser ist philologische Pedanterie dieser Art unsympathisch. Seine eigenen Satzkonstruktionen haben viel Sonderbares. Er schreibt nicht: „Johanna wäre um ein Haar losgefahren.“ Er schreibt: „Johanna, um ein Haar, wäre losgefahren.“ Er ist kein Freund altbayerischer Überlieferung. Aber die nach dem Muster: „an einem schönen Abend, sich ausgeregnet habend“ gebildeten Partizipialkonstruktionen Ludwig I. haben es ihm angetan. Er ahmt sie nach. Herrn „Hessreiter, in die Briennerstraße eingebogen, der Galerie Novodny zu“ ■— würde indessen Ludwig I., da er auf geradlinige * Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin. Straßenzüge hielt, beanstandet haben. Selbst einen englischen oder französischen Feichtinger müßte dieser eingebogene Herr zu leidenschaftlichem Nägelkauen veranlassen. Er geht einem auch sonst auf die Nelrven. „Hm!“ sagte Herr Hessreiter. „Danke“ sagte Herr Hessreiter dann, verabschiedete sich umständlich, entfernte sich. Kehrte nach fünf Minuten zurück. Sagte in einer gezwungen beiläufigen Art: „Ich kaufe das Bild!“ Diese Stakkatomanier mag bei Herrn Hessreiter selbst noch einigermaßen situationsgemäß sein, obwohl er sich umständlich verabschiedet. Aber warum bedient sich unser Verfasser selbst so häufig dieses unschönen Telegrammstils, da ihm doch der Verlag Kiepenheuer tausend Druckseiten für seinen „Erfolg“ zur Verfügung gestellt hat? Überhaupt wäre ihm ein Weniger von der „gezwungen beiläufigen Art des Herrn Hessreiter und ein Mehr von der bornierten Logik zu wünschen, die er an den melancholischen Leistungen altbayerischer Volkskomiker auszustellen hat. Der ägyptische Ernährungsminister Josef hat bei ihm „lange“ Augen,