Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 43 (24.10.1930)
- Date
- 1930-10-24
- Page
- Seite 602 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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602 Das Jüdische Echo * Nr. 43 längst erst die englische Palästinapolitik einer recht kritischen Betrachtung unterzogen hat, gegen die neue Politik der englischen Regierung mobilisiert werden kann, steht dahin. Nach der letzten Erklärung des Völkerbundsrats, in der die Mandatarmacht vor einer Politik gewarnt wurde, die darauf hinzielt, „die Entwicklung des jüdischen Nationalheims auf dem gegenwärtigen Stadium der Entwicklung zu kristalliseren“, möchte man es nicht für unmöglich halten. Der unerhörte Betrug am jüdischen Volk, dessen sich die englische Regierung jetzt schuldig macht, sollte das Gewissen der Welt aufrütteln; und nicht zum mindesten auch die vielberufene englische Loyalität auf den Phn rufen, der ein solches Verhalten bisher nicht zazutrauen war. Die Schwäche der englischen Regierung kann nicht als Entschuldigung für Handlungen dienen, die gegen die einfachsten Grundsätze von Treu und Glauben verstoßen. Eines kann indessen heute schon mit aller Deutlichkeit gesagt werden: Die Zionisten — und wenn sie die Bedeutung dieses Augenblicks für die jüdische Zukunft nicht verkennen, alle Juden — werden diese Kampfonsage der englischen Regierung nicht schweigend hinnehmen. Sie haben in den letzten Jahren manchen Groll in sich hineingebissen und Vieles geschluckt, im Interesse einer freundlichen Zusammenarbeit und einer friedlichen Entwicklung Palästinas; sie haben geduldet, daß die englische Regierung, deren mangelhafte Sorge für den Schutz und die Sicherheit Palästinas, deren unerträgliche und unmögliche Zusammensetzung des palästinensischen Beamtenapparats einzig und allein den Ausbruch der Unruhen im Jahre 1929 verschuldete, Versuche unternommen hat. sie auch noch mit dem Odium der Friedensstörer zu belasten; sie werden es nicht mehr hinnehmen, daß die englische Regierung sie heute beschuldigt, durch den Anspruch auf das, was nur ihr Recht ist, die Wiederkehr befriedeter Verhältnisse in Palästina zu verhindern. In der Haltung der Zionisten gegenüber England wird von nun ab eine grundsätzliche Wandlung eintreten; es wird Aufgabe des für den Februar einberufenen 18. Zionistenkongresses sein, diese neue Periode der zionistischen Arbeit kraftvoll und würdig einzuleiten und die Krise, in die der Schlag der englischen Regierung den Zionismus versetzt, mit neuer politischer und kolonisatorischer Aktivität zu überwinden. Empörung, die sich in konstruktiven Taten ausdrückt, das ist die einzige politische Richtlinie, die sich heute geben läßt. Denn die politische Idee des; Zionismus, die Idee der Selbsthilfe des jüdischen Volkes, die Idee, die Juden wieder zum Subjekt ihrer Geschichte zu machen, kann auch durch einen Mißerfolg wie den vorliegenden, in ihrer Richtigkeit nicht erschüttert werden, ebenso wenig, wie die in hingebungsvoller Arbeit gelegten Grundlagen des Palästinawerks zu erschüttern sind. Und darum muß die zionistische Arbeit weiter gehen. Der bekannte französische Staatsmann Thiers hat ojnmal gesagt: „In der Politik soll man nichts tragisch, aber alles ernst nehmen.“ Man könnte versucht sein, trotz dieser schönen politischen Einsicht die rigorose Erklärung der englischen Regierung als ein Ereignis zu deuten, das tragische Konsequenzen nach sich ziehen muß; aber auch sie ist als eine politische Maßnahme zeitbedingt, nicht in allen politischen Konstellationen richtig, nur für den Augenblick bindend und in ihren praktischen Vorschlägen nicht durchführbar, wenn Tatsachen zu schaffen sind, an denen sie scheitern muß. Eine günstigere Konstellation mit aller Energie anzustreben, ist die Aufgabe der zionistischen Bewegung, eine Aufgabe, die deshalb nicht unmöglich ist, weil noch ein jüdisches Volk von 15 Millionen existiert, das seine Kräfte sammeln, solidarisch handeln kann und für die Zeiten, mit denen menschliche Politik rechnet, über ein großes unausgeschöpftes Kräftereservoir verfügt. I. E. Blumenfeld spricht über die Situation des Judentums Am Montag begann die Münchener zionistische Ortsgruppe ihre Wintertätigkeit mit einem Vortrag Kurt Blumenfelds über das Thema „Weltjudentum und Zionismus“. Welche Anziehungskraft der Name Blumenfeld über den zionistischen Kreis hinaus besitzt, zeigte sich auch dieses Mal in dem starken Besuch der Versammlung: der Saal des „Rheinischen Hofs“ war gefüllt. Der Redner ging aus von einer Darlegung und Deutung der umwälzenden Veränderungen in der Situation des heutigen Judentums. Das 19. Jahrhundert war für die deutschen Juden eine Zeit des Glückes und Aufstiegs. Man glaubte an den Fortschritt, der die vollkommene Anerkennung von Gleichberechtigung und Gleichartigkeit der Juden mit sich bringen würde, und wandte sich daher mit Begeisterung und Ausdauer den fortschrittlichen Parteien zu: Der Jude war selbstverständlich Liberaler, Demokrat. Auch wirtschaftlich standen scheinbar — und damals auch tatsächlich — den Juden unbegrenzte Aufstiegsmöglichkeiten offen. Durch ihre besonderen Fähigkeiten verstanden sie es, eine Reihe von mittelständischen Berufen (vor allem die kaufmännisch vermittelnden) nahezu zu ihrem Monopol zu machen. Die politische wie auch die wirtschaftliche Entwicklung hat in der letzten Zeit ihre Richtung in einer für die Juden verhängnisvollen Weise verändert. Die liberalen Parteien haben ihre Bedeutung vollkommen verloren, die Zahl der Parteien, die offen für die jüdischen Rechte eintreten, ist damit minimal geworden. Neue Organisationsformen der Wirtschaft, gekennzeichnet durcn das Eingreifen des Staates, durch Vertrustung und Vergenossenschaftlichung, machen die vornehmlich von Juden besetzten vermittelnden Berufe in steigendem Maße überflüssig. Diese Entwicklung, die im Osten (Polen) schon Hunderttausende von Juden ihrer Existenz beraubt hat, beginnt auch in Deutschland und neuerdings sogar in Amerika sich in stärkster Weise auszuwirken. Der Zusammenschluß in vielen Wirtschaftszweigen bedeutet für die Juden Ausschluß, ihre Tüchtigkeit, die sie gerade auf solchen Gebieten (Bankgewerbe, Getreide-, Textil-, Metallgroßhandel usw.) im Zeitalter des wirtschaftlichen Individualismus zu großen Erfolgen geführt hatte, hat innerhalb der neuen Wirtschaftsformen ihre Bedeutung verloren. Der heute noch vielfach verbreitete Glaube an die Unentbehrlichkeit der jüdischen Fähigkeiten für Aufstieg und Wirtschaft der Nation, hatte seine begrenzte Berechtigung nur bis etwa 1880, wo der Höhepunkt der Sättigung erreicht war. Gegenüber dieser neuen Lage ergreifen die Juden in der ganzen Welt instinktiv das einzige Mittel zur Selbsthilfe, das ihnen noch bleibt: sie schließen sich zusammen. Galt es früher als erstrebenswertes Ziel, sich als Einzelner möglichst vollkommen der nichtjüdischen Umwelt einzufügen und in ihr eine geachtete Stellung zu erobern,