Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 43 (24.10.1930)
- Date
- 1930-10-24
- Page
- Seite 600 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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600 Das Jüdische Echo Nr. 43 Juden gegen die neue Palästinapolitik der englischen Regierung zum Ausdruck kommen soll. Den Vorsitz in dieser Versammlung wird Nahum Sokolow, Vorsitzender der Zionistischen Exekutive und Ehrenvizepräsident der Jewish Agency, führen. Als Redner werden Professor Chaim Weizmann und d’Avigdor Goldsmid auftreten. * Wie die „Frankfurter Zeitung“ erfahren haben will, wird in Dr. Weizmann nahestehenden Kreisen erwogen, die Jewish Agency, falls die englische Regierung an ihrer Politik festhalte — was ganz sicher ist — nach Amerika zu verlegen, wohin sich dann auch der Mittelpunkt der ganzen zionistischen Weltbewegung verschieben würde. Brief Dr. Weizmanns an Lord Paßfield Sehr geehrter Lord Paßfield. Ich habe den Bericht von Sir John Hope Simpson und die Erklärung über die Politik der britischen Regierung gelesen und erwogen. Die von diesen Dokumenten betroffenen Probleme sind von solcher Bedeutung und die angekündigten Entscheidungen treffen die Rechte und Interessen des jüdischen Volkes in so vitalem Maße, daß es meine Pflicht ist, Ihnen ohne Verzug meine Stellungnahme in aller Klarheit darzulegen. Die Erklärung der britischen Regierung gibt sich als eine Neudarlegung der im Weißbuch von 1922 ausgesprochenen Politik und als eine Befolgung der Vorschläge des Berichts von Sir John Simpsons. Meines Erachtens jedoch bedeutet diese Erklärung eine grundlegende Abänderung der im Jahre 1922 niedergelegten Politik, wie sie sich in der Praxis von acht Jahren gestaltet hat. In einigen wesentlichen Punkten entfernt sie sich von dem Bericht von Sir John Hope Simpson. Obzwar die Jewish Agency viele von den Ergebnissen, zu denen dieser Bericht gelangt ist, kaum akzeptieren und zugeben könnte, daß der Bericht die Frucht einer vollen Würdigung aller einschlägigen Tatsachen und Probleme darstellt, so wäre sie nichtsdestoweniger, wie ich mit Sicherheit annehme, bereit gewesen, in dem Bericht eine gemeinsame Grundlage zu suchen, auf welcher eine Zusammenarbeit mit der britischen Regierung möglich gewesen wäre. Die Regierungserklärung, in welcher Meinungen sich bereits zu Entscheidungen verhärtet haben, enthält keine Einladung zu solcher Bemühung. In weitgehendem Maße leugnet sie die Rechte und steiilisiert die Hoffnungen des jüdischen Volkes bezüglich der Nationalen Heimstätte in Palästina, soweit es in der Macht der britischen Regierung steht, dies zu tun. Der Rat des Völkerbundes warnte bei seiner letzten Sitzung die Mandatarmacht im voraus gegen eine Politik, d i e „d arauf abziele, die Entwicklung der jüdischen Nationalen Heimstätte in ihrem gegenwärtigen Entwidküungsstadium zu kristaGlilsie1r e n“. Die Auffassung des Rates wurde vom britischen Vertreter vorbehaltlos akzeptiert, die jetzt von der Regierung angekündigten Maßnahmen werden jedoch gerade dieses Resultat herbeiführen. Seit zwölf Jahren stehe ich an der Spitze der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency. Während dieser ganzen Zeit habe ich mich bemüht, im engsten Einvernehmen mit der britischen Regierung zu arbeiten und meine Tätigkeit auf der Grundlage enger Zusammenarbeit mit ihr aufzubauen. Niemand könnte ängstlicher bemüht sein als ich, einer Aufforderung zu weiterer Zusammenarbeit Folge zu leisten, wenn hierfür eine Grundlage vorhanden wäre. Ich kann eine solche jetzt nicht sehen, nachdem die britische Regierung einen Tadel über unsere Arbeit ausgesprochen und Entscheidungen gefällt hat, die der Fortsetzung unseres Werkes in der Zukunft sehr ernste Hindernisse in den Weg legen. Unter diesen Umständen habe ich beschlossen, mein Amt als Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency niederzulegen und so schnell als möglich den Kongreß und den Rat dieser Körperschaften einzuberufen, damit sie die Maßnahmen ergreifen, die die' Lage erfordert. Ich werde diesen Brief der Presse übermitteln, damit er womöglich gleichzeitig mit den beiden offiziellen Dokumenten erscheine. Ihr sehr ergebener Chaim Weizmann. Die Aufnahme in England Die „Frankfurter Zeitung“ berichtet aus London: Die Erklärungen der britischen Regierung über ihre neue Politik in Palästina finden durchaus nicht den ungeteilten Beifall der öffentlichen Meinung in England. Einmal wird in allen Lagern auf das lebhafteste bedauert, daß Dr. Weizmann von seinen Ämtern als Leiter der Jewish Agency und der Zionistischen Organisation zurückgetreten sei, da er nicht nur ein Freund Englands, gewesen sei, sondern auch staatsmännische Gaben besessen habe, die es der englischen Regierung überhaupt zu einem erheblichen Teil ermöglicht hätten, ihren Mandatsauftrag durchzuführen. Aber auch die einzelnen Punkte der neuen Politik werden durchgängig kritisiert. Eigentlich ist nur die „Times“ ndt der Erklärung der Regierung in großen Zügen einverstanden. Ein Blatt, wie der „Daily Telegraph“ erklärt, daß die neue Politik ein schwerer Schlag für den Gedanken des jüdischen Nationalheims sei und daß die geplante Land- und Einwanderungspolitik, also vor allem die vorläufige Sperrung der Einwanderung zugunsten der Wirtschaftslage des arabischen Volksteils, diesen Gedanken sogar strikt widerspreche, wenigstens wenn er ernst aufgefaßt würde. Da der Bericht Sir Hope Simpsons über Einwanderung und Siedlung gleichzeitig mit dem Weißbuch der Regierung veröffentlicht wird, so findet diese Seite der Frage heute eine besondere Beachtung, und das mit Recht, denn die britische Haltung gegenüber weiterer jüdischer Einwanderung ist der Kern des Konflikts und führt ohne weiteres auf den sowohl weltanschaulichen wie politischen Unterschied zwischen der Auffassung Dr. Weizmanns und der Arbeiterregierung. Es wird allgemein anerkannt, daß dieser Unterschied nunmehr klar hervortrete und daß die englische Regierung eine endgültige Wahl zugunsten einer Auffassung getroffen habe, die Palästina als den gemeinsamen Heimatboden für die nun einmal dort lebenden jüdischen und arabischen Elemente auffasse. Der „Manchester Guardian“ formuliert die Dinge scharf, wenn er sagt, daß nach Auffassung der englischen Regierung eine weitere Entwicklung