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Das jüdische Echo · 1930-10-17 · 42 (17.10.1930) · p. Seite 588

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
42 (17.10.1930)
Date
1930-10-17
Page
Seite 588 (sequence 6)
Language
German
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58s Das Jüdische Echo Nr. 42 europäischen Sozialismus außergewöhnlich groß war. Die britische Labour-Party war durch eines ihrer wichtigsten und angesehensten Mitglieder vertreten und sandte außerdem ein Schreiben im Namen der Partei. Die französische sozialistische Partei war durch Jean Longuet und durch ein Schreiben Leon Blums vertreten, des Gründers des sozialistischen Komitees für das arbeitende Palästina. Die belgische sozialistische Partei entsandte zwei Vertreter, Louis Pierard und Camille Huysman, den früheren Sekretär der zweiten Internationale und alten Fürsprecher und Freund des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina. Ebenso war die deutsche Gewerkschafts- und Sozialistenbewegung durch eine Reihe von Persönlichkeiten vertreten, wie Toni Sender, Mathilde Wurm usw. In diesem Zusammenhänge verdient die Tatsache erwähnt zu werden, daß auch Österreich durch keinen Geringeren als Prof. Sigmund Freud und von der jüngeren sozialistischen Generation durch Julius Braunthal vertreten war. Größte Bedeutung hat auch der Kongreß und seine Beschlüsse für die innerzionistische Bewegung. Zum ersten Male wurde vor einem großen Forum die zionistische Idee nicht von Menschen vertreten, die bloß eine abstrakte und theoretische Beziehung zur Bewegung haben, sondern von Pionieren, die seit Jahrzehnten in der Front der tagtäglichen Aufbauarbeit in Erez-Israel stehen, von Menschen, die ihre Erfahrungen haben, die alle Schwierigkeiten kennen und die schon vor 25 Jahren den Weg zur Überwindung dieser Schwierigkeiten gewiesen haben. Die Frage der Verwirklichung des Zionismus bildete den Schwerpunkt des Kongresses. Diese hat auch dem Inhalt des Kongresses ihren Stempel aufgedrückt. Es ist klar und deutlich auf diesem Kongreß gesagt worden, daß der Zionismus der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina nichts zu tun habe mit der revisionistischen Phraseologie, die das Hauptgewicht auf politische Verhandlungen mit der Mandatarmacht legt; daß ihn nichts mit dem Brith Schalom verbinde, dem vor lauter Schwierigkeiten des Araberproblems der Horizont verdunkelt wird, der die vitalen Interessen und die Zukunft des jüdischen Volkes in Gefahr bringt. Es kam auf diesem Kongreß deutlich zum Ausdruck jener Zionismus, der aus den historischen Notwendigkeiten des jüdischen Volkes fließt, der sich auf die schöpferischen Kräfte des Volkes stützt, der aus dem zentralen Faktor der Verwirklichung des Zionismus den Willen der jüdischen Massen erblickt, dessen Avantgarde die jüdische Arbeiterschaft ist; jener Zionismus, der politischen Kampf und politische Aufklärung in England und in aller Welt, wie auch progressive Zusammenarbeit mit den arabischen Massen in Palästina wohl voraussetzt, der aber diese zwei Faktoren für sekundär hält und vielmehr die politische Einflußnahme auf England und die Möglichkeit einer friedlichen Zusammenarbeit im Lande selbst vor allem von der Stärkung der wirtschaftlichen Position im Lande abhängig sieht. Außer der demonstrativen und ideologischen Seite des Kongresses hat besondere Bedeutung der Beschluß über die Schaffung einer Weltliga für das arbeitende Palästina. Aufgabe dieser Weltliga wird es sein, alle Sympathien und Kräfte, welche in weiten Kreisen arbeitender Massen für den Aufbau eines arbeitenden Palästina vorhanden sind, zu kristallisieren und sie zu einer aktiven, organisierten Körperschaft zu machen, welche selbständige Energien für das Aufbauwerk in Palästina entfalten soll, so wie die Zusammenfassung politisch-gesellschaftlicher Kräfte, die sich an der Verwirklichung des zionistischen Werkes beteiligen wollen. Die Schaffung der Weltliga bedeutet keinesfalls ein Konkurrenzunternehmen für die zionistische Weltorganisation oder für die Jewish Agency. Die Histadruth, die palästinensische Arbeiterorganisation, die den Zentralpunkt der Ligaarbeit darstellen wird, ist formell nie an der zionistischen Organisation beteiligt gewesen und wird es auch weiter nicht sein. Es ist wohl bekannt, daß ein großer Teil der jüdischen Arbeiter Palästinas aktiv an der zionistischen Organisation und der Jewish Agency mitarbeitete und dies wird auch weiter der Fall sein. Gleichzeitig aber wollen die jüdischen Arbeiter Palästinas in größerem Maßstabe auch ihre selbständige Tätigkeit fortsetzen, die sie bis nun auf wirtschaftlich-kulturellem Gebiete in Palästina und auf politischem in der Arbeiterbewegung und auf erzieherischem Gebiete innerhalb des jüdischen Volkes, insbesondere innerhalb der Jugend, entfaltet hat. Es ist zu erwarten, daß die Liga durch die demokratisch-gesellschaftlichen Kräfte, die sie aus dem jüdischen und allgemeinen Arbeiterleben zieht, auch zur Demokratisierung der Jewish Agency führen und sie zu einem wirklichen Volksorgan für den Aufbau Palästinas machen wird. Auf dem Kongreß wurden zahlreiche Referate gehalten, von denen wir im folgenden die zwei bemerkenswertesten in gekürzter Wiedergabe bringen. Ing. S. Kaplansky führte in seinem Referat über die Aufnahmefähigkeit Palästinas aus, daß diese Frage, die lange Zeit Gegenstand einer innerjüdischen Diskussion gewesen ist, nunmehr vor dem Internationalen Forum erörtert wurde. Die Shaw-Kommission kam bekanntlich zu dem Schlüsse, daß Palästina hinreichend besetzt sei. Nur in einer Nebenbemerkung wurde darauf hingewiesen, daß ohne vollständige Umwälzung der dortigen Wirtschaft eine größere Aufnahmefähigkeit nicht erreicht werden könne. Nun ist aber gerade die Europäisierung der palästinensischen Wirtschaft eine unmittelbare Folge der jüdischen Einwanderung. Das Mandatsgebiet besteht aus dem von der Mandatsregierung direkt verwalteten Westpalästina und dem Ostjordanland, dessen Verwaltung durch einen besonderen Vertrag dem Emir Abdullah übertragen wurde. Doch sichert das Mandat den Juden auch in diesem Gebiet die Freiheit wirtschaftlicher und kolonisatorischer Betätigung. Von den in Westpalästina gegenwärtig vorhandenen 12/4 Millionen Dunam anbaufähigen Bodens sind 2/4 Millionen nicht bebaut, 9 Millionen in arabischen Händen, davon aber nur 6 Millionen bebaut, während 3 Millionen Brachland sind; eine Million ist in jüdischem Besitz, aber nur zur Hälfte besiedelt. West- und Ostpalästina zusammen haben eine nutzbare landwirtschaftliche Bodenfläche von 2 150 000 Hektar. Berechnet man die Aufnahmefähigkeit dieser Fläche für landwirtschaftliche Siedlung unter Zugrundelegung der „Arbeitsnorm“, d. h. jenes durchschnittliche Minimum von Boden, welches zur Erhaltung einer Bauernfamilie nötig ist, und gleichzeitig das Maximum dessen darstellt, was eine Bauernfamilie ohne Hilfskräfte zu bestellen vermag (nach Oppenheimer und gemäß praktischen Erfahrungen in Europa und Palästina etwa 5 Hektar), so kommen wir zu einer Ziffer von 437 000 Bauernfamilien oder 2 150 000 Seelen, das bedeutet eine Verdreifachung der heutigen landwirtschaft-

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