Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 42 (17.10.1930)
- Date
- 1930-10-17
- Page
- Seite 587 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 Das Jüdische Echo 587 in punkto Antisemitismus nie verwöhnt waren, jezt Wochen, in denen sie ununterbrochen Gegenstand heftigster Angriffe sein werden. Es geht jetzt dem Juden im deutschen Sprachgebiet sehr schlecht. Diese Situation erhält dadurch eine groteske Note, daß die Juden gerade vor einigen Tagen in Prag Objekt wüster antisemitischer Exzesse waren, weil sie Träger der deutschen Kultur in der Hauptstadt der Tschechoslowakei sind. Planmäßige Demolierung jüdischer Geschäfte in Berlin Über 50 Hakenkreuzler festgenommen Berlin,. 13. Okt. (Eig. Drahtber.) Von der Menge von Nationalsozialisten, die sich vor dem Reichstag zu Demonstrationen versammelt hatten und dort von der Polizei vertrieben wurden, zog ein Teil nachmittags zwischen 4 und 5 Uhr in das Innere der Stadt. Es waren halbwüchsige Burschen, Anhänger des „Dritten Reiches“, die unter Rufen: Deutschland erwache! Juden heraus! und Juda verrecke! die Friedrich-Ebert-Straße heraufzogen und dort ihre Wut zunächst an den Scheiben des Cafe Dobrin ausließen. Von hier aus zogen sie über den Potsdamer Platz in die Leipziger Straße, wo sämtliche Schaufenster des Kaufhauses Wertheim, 36 an der Zahl, mit Steinen eingeworfen wurden. Auch in den übrigen großen Geschäften der Leipziger Straße, so im Kaufhaus Grünfeld, im Konfektionshaus Adam, im Damenmodehaus Emma Bette, im Seidenhaus Cords und sonstigen Lälden bis hinunter zum Dönhoffplatz wurden zahlreiche Scheiben eingeworfen. In der Kronenstraße richteten die Nazi ihren Angriff gegen die Filiale der Darmstädter- und Nationalbank. Auch hier wurde ein großes Schaufenster eingeworfen. Von den Haupttätern konnten etwa 50 von der Polizei festgenommen werden. Warenhaus Tietz um Mitternacht zerstört Berlin, 14. Oktober. Nachdem am Leipziger Platz in den späten Abendstunden Ruhe eingetreten war — kleine Ansammlungen wurden von der Polizei rasch zerstreut — sammelten sich gegen 12 Uhr am Dönhoffplatz halbwüchsige Burchen an und schlugen fünf Fensterscheiben des Warenhauses Tietz ein. Es gelang ihnen, zu entkommen, ehe die Polizei zur Stelle war. Gegen Mitternacht waren insgesamt 100 Personen in Berlin verhaftet worden. Milde Urteile Berlin, 14. Oktober. (Eig. Drahtber.) Wegen der Tumulte im Anschluß an die Reichstagseröffnung standen am Dienstag nachmittag 19 Nationalsozialisten vor dem Schnellrichter in Berlin- Moabit unter der Anklage des Widerstandes gegen die Staatsgewalt, der Mißhandlung von Polizeibeamten sowie wegen Bannmeilenverletzung und öffentlicher Zusammenrottung. Unter den Angeklagten befanden sich mehrere, die am Montag Fensterscheiben in der Leipziger Straße eingeworfen haben. Die 19 Angeklagten sind zum Teil bereits vorbestraft. Sämtliche sind Nationalsozialisten, geben aber bei ihrer Vernehmung zum großen Teil an. parteilos zu sein. Berlin, 15. Oktober. Erst nach 1 Uhr nachts wurde das Urteil gefällt. Das Verfahren gegen 2 jugendliche Angeklagte ist abgetrennt worden. Die Angeklagten Lohm, Huhn und Bräseke wurden freigesprochen und das Verfahren gegen Hünemundt eingestellt. Von den übrigen Angeklagten erhielten Trentz sechs Monate Gefängnis, Rirow sechs Monate Gefängnis, Bartell sechs Monate Gefängnis, Schober fünf Monate Gefängnis, Tetzlaff drei Monate zwei Wochen Gefängnis, Blitzner drei Monate zwei Wochen Gefängnis, Stellmacher drei Monate zwei Wochen Gefängnis, Droßbeck drei Monate Gefängnis, Wipperling drei Monate Gefängnis, Urban zwei Wochen Gefängnis, Wolfram zwei Wochen Gefängnis, v. Eisenach-Rothe 100 RM. Geldstrafe, zwei Wochen Gefängnis, v. Eisenhardt- Rothe 100 RM. Geldstrafe. Bedeutung und Ergebnisse des Weltkongresses für das arbeitende Palästina Der bekannte Führer der palästinensischen Arbeiterschaft, D. Bin Gurion, äußerte sich nach Beendigung des Kongresses in einem Interview über dessen besondere Bedeutung wie folgt: Was diesen Kongreß aus der Reihe aller anderen politischen Kongresse besonders hinaushob und seine Eigenheit ausmachte, war vor allem die Tatsache, daß er eine Vereinigung der ältesten heute noch lebenden Sozialisten, deren Repräsentant Eduard Bernstein ist, und die bis vor kurzem für die zionistische Bewegung nicht das geringste Interesse zeigten, und der jüngsten jüdischen sozialistischen Jugend aller Länder darstellte. In diesem Sinne der Vereinigung ältester und jüngster Kräfte innerhalb der sozialistischen Tradition stellte der Kongreß eine einzigartige Erscheinung unserer Zeit dar. Von größter Wichtigkeit war die weitere Tatsache, daß dieser Kongreß eine so ungeheuer große Zahl jüdischer Arbeiter vereinigen konnte. Es bestand wohl kein Plan eines ausschließlichen Arbeiterkongresses, da die Überzeugung vorherrschte, daß das Gelingen des Palästina-Werkes nicht von denen allein abhängt, die jetzt schon als Pioniere in der vordersten Front stehen, sondern von der tätigen Mithilfe aller Schichten des Volkes. Also hat sich dieser Kongreß nicht ausschließlich an die jüdische Arbeiterschaft gewandt, wenn auch der jüdische Arbeiter in Palästina den Kern des Aufbauwerkes bildet. Großes Gewicht hatte man auf die Gewinnung jener weit abseits stehenden Teile des jüdischen Volkes gelegt. Es ist in dieser Hinsicht mancher Erfolg erzielt worden, vor allem in Amerika. Dort haben sich die mächtigen jüdischen Gewerkschaften mit dem jüdischen Arbeiterwerk in Palästina solidarisch erklärt. Weniger Erfolg war uns in Polen beschieden: der „Bund“, der noch immer eine große Zahl von Anhängern in der jüdischen Gasse hat, verharrt nach wie vor im Dunkel der Vorurteile gegenüber dem Palästina-Aufbauwerk. Trotzdem war dieser Kongreß die größte und mächtigste jüdische Arbeiterkundgebung seit Bestehen der jüdischen Arbeiterbewegung. Was dem Kongreß den allweltlichen Charakter gab, war nicht bloß die formelle Vertretung aus 24 Ländern, darüber hinaus bewies er vielmehr, daß das Interesse und die Anteilnahme für das zionistische Aufbauwerk in Palästina über alle Grenzen hinweg eigentlich unbegrenzt sind. Männer aus Afrika und Amerika, aus Ost und West, aus der alten und der neuen Welt fanden sich hier zur gemeinsamen Arbeit, für ein gemeinsames Ziel. Das politisch vielleicht wichtigste und für die zionistische Bewegung bedeutungsvollste Moment des Kongresses war die große und starke Anteilnahme der nichtjüdischen sozialistischen Welt. Es war der erste jüdische Arbeiterkongreß, an dem die Beteiligung von Persönlichkeiten des west-