Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 42 (17.10.1930)
- Date
- 1930-10-17
- Page
- Seite 586 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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586 Das Jüdische Echo Nr. 42 fr sein, daß auch bei ernstester Überlegung sich ein Kompromiß als notwendig erweisen wird. Aber auch für diesen Fall müssen mindestens Sicherungen getroffen werden, damit nicht die Maßnahmen unterlassen werden können, deren Notwendigkeit heute klarer als je und auch in weiteren Kreisen als je eingesehen worden sein dürfte. Zunächst handelt es sich dabei um einen Ausbau der jüdischen Erziehungsinstitutionen, insbesondere der jüdischen Volksschule. Kann man es denn heute noch verantworten, jüdische Eltern zu zwingen, ihre Kinder in Schulen zu schicken, in denen sie tagtäglich wegen ihres Judeseins Angriffen ausgesetzt sein können, in denen sie ihr Judesein meist auf eine Art und Weise erleben, an der sie ein ganzes Leben lang zu tragen haben; kann man es heute verantworten, nicht wenigstens die Möglichkeiten für jüdische Eltern geschaffen zu haben, ihre Kinder diesem Leid zu entziehen? Anstrengungen von privater jüdischer Seite genügen nicht mehr; es muß klar erkannt werden, daß es eine öffentliche jüdische Angelegenheit ist, Vorsorge für dieses elementarste Bedürfnis jüdischer Erziehung zu treffen. Ebenso muß vor einem Kompromiß restlos Klarheit darüber geschaffen werden, daß an einen Abbau der sozialen Tätigkeit der jüdischen Gemeinde, wie er von liberaler Seite immer wieder gefordert wird, nicht zu denken ist, daß im Gegenteil nach vielen Richtungen hin, über die noch zu sprechen sein wird, ihre Intensivierung ins Auge zu fassen ist. Sicherungen müssen ferner gegeben sein, daß die Gemeinden als die jüdischen Körperschaften des öffentlichen Rechts, die alle Juden ohne Ausnahmen umfassen, es in dieser Situation als ihre naturgegebene Aufgabe anerkennen, für die Rechte und den Schutz aller Juden zu sorgen. Weiterhin muß jetzt — wenn nicht jetzt, wann dann! — ein Fortschritt in der Organisation der deutschen Juden erzielt und der Reichsverband der deutschen Juden unter allen Umständen zustande gebracht werden; ja dies ist vielleicht die vordringlichste Aufgabe überhaupt. Das sind die Forderungen der Stunde. Kann ihre Erfüllung durch ein Kompromiß gesichert und damit die richtige Antwort auf die Situation gegeben werden, dann wird man sich schließlich auch mit einem Kompromiß abfinden, obwohl man weiß und wissen muß, daß es Gefahren in sich birgt; ist es unmöglich, die notwendigen Mindestsicherungen zu erreichen, dann soll man auch eine Wahlauseinandersetzung nicht scheuen. Wer nicht versteht, daß es sich bei einem solchen Kampf nicht um persönliche Gehässigkeiten und auch nicht um ein Vergnügen Händelsüchtiger handelt, sondern um Prinzipien und Überzeugungen, dem ist nicht zu helfen; wer nur seine Ruhe haben möchte und von jüdischen Dingen nichts hören will, dem werden die Ohren wohl noch gellen; wer aber die jüdische Situation wahrhaft kennt, der weiß, daß innerjüdischer Friede ein erstrebenswertes Ziel ist, er weiß aber auch, daß man nicht unter allen Umständen dem Judentum mit dem Ruf darnach am besten dient, wenigstens nicht mit dem Ruf nach Frieden um jeden Preis. I. E. Bemerkungen In einer „Wochenschau“ schreibt die „Jüdische Rundschau“ u a.: Die junge Ehe zwischen deutschdemokratischer Partei und dem Jungdo, die überraschend vor den Reichstagswahlen geschlossen wurde, ist in die Brüche gegangen. Die Jungdo-Leute sind offenbar durch den großen Erfolg der Nationalszialisten, den diese nicht zuletzt ihrer antisemitischen Parole zu verdanken hatten, ihrer neuen judenversippten Verwandtschaft in der demokratischen Partei überdrüssig geworden. Sie suchten nach Vorwänden, die Messalliance zu lösen. Der staatsparteiliche Landtagsabgeordnete in Braunschweig, ein Jungdomann, ermöglichte durch Stimmenthaltung eine nationalsozialistische Regierung, die Berliner Jungdoleute veranstalteten eine Versammlung, in der sie gegen neugewählte Abgeordnete der Staatspartei, Demokraten, schwerste Vorwürfe erhoben und einer der bekanntesten Jungdoführer, Reichstagsabgeordneter Abel, propagierte im „Jungdeutschen“ den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund, d. h. das Verlassen der von Stresemann jahrelang geführten Verständigungspolitik. Unter solchen Umständen! überraschte es nicht, daß Mahraun und die Seinen wieder zu ihren Jugendansichten eines romantischen asemitischen Nationalismus zurückgefunden haben und die ramponierte deutschdemokratische Partei verlassen, die, aus der rein nichtjüdischen Verwandtschaft ohne Abfindung hinausdrängt, ihren Schadenbejammert. * * * Anläßlich der Feiertage sah sich der Vorstand der Frankfurter Israelitischen Gemeinde veranlaßt, die Gemeindemitglieder im Zusammenhang mit den letzten Vorgängen (gemeint sind die Reichstagswahlen) „zur Besinnung“ zu mahnen. Der Aufruf des Gemeindevorstandes verlangte, daß man in der Kleidung alles Auffällige vermeide (wie uns berichtet wird, war darunter auch das Tragen der festlichen Zylinderhüte zu verstehen), vor den Synagogen Ansammlungen unterlasse und sich jedes Prunkes enthalte. Wir wollen nicht darauf eingehen, ob dieser Aufruf ein Zeichen1 von besonderem Selbstbewußtsein und von natürlichem Gefühl für Selbstachtung und Würde ist. Es genüge die Feststellung, daß in einer der demokratischsten Städte in Deutschland, die Sitz des ersten deutschen Parlamentes war, es im Jahre 1930als notwendig angesehen wird, derartige Aufrufe zu erlassen. Dies fast ein Jahrhundert nach Emanzipation der Juden in Deutschland. ❖ * Si: In Österreich ist die Regierung Schober zurückgetreten und im neuen Kabinett sitzen zwei waschechte Nationalsozialisten, die ihre Weisungen direkt von Hitler beziehen. Wie diese Weisungen aussehen, kann man sich leicht vorstellen. Zwar versucht Hitler, besonders im Auslande, den Eindruck zu erwecken, daß er sich nur legaler Methoden auf dem Wege zur Machtergreifung bedienen wolle. In einem Punkte will er jedoch nicht die geringsten Konzessionen machen, nämlich auf dem Gebiete der Judenfeindschaft. Im „Völkischen Beobachter“ reagierte Hitler auf die Mahnungen seiner ausländischen Gönner aus England, die ihm rieten, den radikalen Antisemitismus aufzugeben, in der Weise, daß er Sondernummern der judenfeindlichen Verhetzung erscheinen läßt. Demgemäß instruierte er auch seine Gesinnungsgenossen im österrichischen Kabinett, daß diese bei den kommenden österreichischen Neuwahlen, in denen lauter antisemtische Parteien der Sozialdemokratie gegenüberstehen, wodurch sich die Juden in einer unangenehmen Zwangslage befinden, selbständig Vorgehen, um, durch keine Bindungen gehemmt, rücksichtslos das nationalsozialistische Programm, d. h. auch hundertprozentigen Rassenantisemitismus propagieren zu können. Somit kommen auch für die Juden im gemütlichen Österreich, die ja