Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 41 (10.10.1930)
- Date
- 1930-10-10
- Page
- Seite 574 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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574 Das Jüdische Echo Nr. 41 sehen Volksmassen. Über Vorschlag von Eliezer Kaplan wurde ein Rat der Liga geschaffen, der 25 Mitglieder zählen soll. 13 davon wurden vom Kongreß gewählt, die restlichen 12 werden von den einzelnen Ländern entsandt werden. Der Rat, welcher mindestens einmal im Jahre zusammentreten soll, wird sich eine beständige Exekutive wählen und deren Sitz bestimmen. Unter den gewählten Mitgliedern des Rates befinden sich Bin Gurion, Sprnizak, Neustadt, Locker, Dobkin, Silberscheid, Naphtali, Dr. Hellmann (Riga), Shipliakoff, Finestone, Jaari; den Linken Poale Zion wurde ein Sitz reserviert. Nach einer Schlußansprache Bin Gurions, in der er die vom Kongreß geleistete Arbeit und die erzielten Resultate würdigte, wurde der Kongreß am Mittwoch, dem 1. Oktober, 10 Uhr vormittags, geschlossen. Der Kongreß stimmte in das Schwuohlied ein, während die Linke die Internationale sang. Unter Absingen des Bialikschen Liedes „Techesaknah“ gingen die Teilnehmer am Kongreß auseinander. Keine Gefahr antisemitischer Gewalttätigkeit in Deutschland Äußerungen des Reichsinnenministers Dr. Wirth Neuyork, 3. Oktober. (JTA.) Die amerikanische Presse veröffentlicht ein Interview, das der Reichsminister des Innern, Dr. Wirth, dem Chefredakteur der Jewish Telegraphie in Neuyork, Herrn Jacob Landau, auf dessen Bitte gewährt hat. Zu Eingang der Unterredung führte der JTA.-Vertreter aus, daß das Resultat der Wahlen zum Deutschen Reichstag die ganze jüdische Welt in Unruhe versetzt habe; man befürchte, daß infolge des überraschenden Anwachsens der nationalsozialistischen Stimmen eine antisemitische Welle Deutschland überfluten könne. Es wäre bedeutungsvoll zu erfahren, wie die Reichsregierung sich zu dem Problem stellt. Der Herr Reichsminister erwiderte, daß ein Grund zur Beunruhigung nicht vorhanden wäre, da die Reichsregierung von ihrer bisherigen Haltung nicht abweichen und sich in keinem Falle in ein antisemitisches Fahrwasser treiben lassen werde. Auf die Frage, wie ein so erstaunlicher Stimmungsumschwung zu erklären sei, wies der Herr Reichsminister auf die große wirtschaftliche Not hin; der Zuwachs der nationalsozialistischen Stimmen bedeute einen gewaltigen Protest gegen diese Not. Er glaube durchaus nicht, daß alle diejenigen, die ihre Stimmen für die Nationalsozialisten abgegeben haben, damit sich als enragierte Judenfeinde haben dokumentieren wollen. Eine aggressive antisemitische Stimmung, die etwa zu Ungerechtigkeiten oder gar Gewalttätigkeiten führen könnte, sei nicht vorhanden. Die Regierung könne für die Ruhe im Lande bürgen. Es war stets ihr entschlossenes Bestreben, den deutschen Staatsbürger ohne Rücksicht auf sein Glaubensbekenntnis zu schützen. Darin sieht die deutsche Republik ihre Ehre engagiert, und zu diesem Schutze aller Staatsbürger sind wir nicht nur willens, sondern auch fähig. Hitler und Rothermere München, 3. Oktober. (JTA.) Lofd Rothermere, der dem Faschismus huldigende englische Zeitungsmagnat, der bekanntlich vor kurzem in einem im „Völkischen Beobachter“ und in der „Daily Mail“ gleichzeitig veröffentlichten Aufsatz den Sieg Hitlers als Beginn der Erneuerung des deutschen Volkes feierte und eine Hitlerregierung empfahl, rät in einem in der „Daily Mail“ veröffentlichten Artikel Hitler, sich Mussolini zum Vorbild zu machen und den Antisemitismus aus deinem Programm zu streichen. Hitler aber scheint diesen Rat nicht befolgen zu wollen. In einem vom „Völkischen Beobachter“ gebrachten Artikel heißt es; „In jedem Fall wird es Aufgabe der Partei sein, durch organisatorische und was noch wichtiger ist, SA-mäßige Erfassung der vielen Neugewonnenen bewußte entschlossene Jugenfeindschaft auch da zu schaffen, wo sie bisher nur in Ansätzen bestand. Dieser Aufgabe wird sich der starke Organisationsapparat mit allem Nachdruck unterziehen.“ (Rothermere ist übrigens kein Jude, wenn auch merkwürdigerweise gerade die „Münchener Post“ dies nicht wahr haben will.) Verurteilung wegen Aufreizung zum Klassenhaß Berlin, 5. Oktober. (JTA.) Unter dem Titel „Die geplante Ausplünderung des deutschen Volkes durch den Youngplan“ war im „Verlag für Volkseinheit“ eine Broschüre erschienen, in der dem Judentum die Schuld an Deutschlands Unglück gegeben wurde und das Volk wiederholt vor den Machenschaften des jüdischen Geheimbundes gewarnt wurde. Als Geschäftsführer dieses Verlages hatte sich der Major a. D. Ahlemann, der Reichstagsabgeordneter und Mitglied der deutsch-völkischen Freiheitsbewegung war, vor dem Schöffengericht Schöneberg wegen Aufreizung zum Klassenhaß und Pressevergehens zu verantworten, neben ihm der Verfasser-des Vorworts der Broschüre, F. Schmidt. Der Staatsanwalt beantragte 100 Mark Geldstrafe, das Gericht erkannte auf je 500 Mark. Es rechnete den Angeklagten als strafmildernd an, daß sie subjektiv aus lauteren Motiven gehandelt hätten, w-enn auch ihr Vorgehen in solch politisch bewegter Zeit äußerst gefährlich sei. Philipp Halsmann begnadigt und ausgewiesen Wien, 1. Oktober. (JTA.) Der Bundespräsident Österreichs, Professor Miklas, hat den Begnadigungsakt für Philipp Halsmann unterzeichnet; der Akt wird heute anläßlich des Jom-Kippur-Feiertages amtlich publiziert. Die Begnadigung Halsmanns war der letzte Akt des zurückgetretenen Kabinetts Schober. Mit der Begnadigung und Freilassung Philipp Halsmanns hat die „österreichische Dreyfus-Affaire“ eine menschlich befriedigende Lösung gefunden, indem wenigstens die körperlichen Qualen eines jahrelang unschuldig schwere Kerkerstrafe Erduldenden beendet sind. Die rechtliche Seite des Falles harrt noch der Lösung und allgemein wird gehofft, daß es den Freunden Philipp Halsmanns und den Freunden des Rechtes doch noch gelingen wird, eine endgültige Rehabilitierung Halsmanns, an dessen Unschuld kein Vorurteilsfreier mehr zweifelt, zu erreichen. Philipp Halsmann, ein aus Riga stammender Hörer der Technischen Hochschule in Dresden, wurde vor etwa zwei Jahren von einem Schwurgericht in Innsbruck wegen angeblicher Ermordung seines Vaters, des Rigaer Zahnarztes Mordechai Halsmann, zu lebenslänglichem Kerker verurteilt. Schon damals erregte dieses Urteil Aufsehen, weil es auf Grund ganz lückenhafter und miteinander in keiner Weise übereinstimmender Indizien gefällt worden war. Philipp Halsmann befand sich mit seinem Vater auf einer Sommerwanderung in den Tiroler Bergen. Er schritt voraus, der Vater ging weit hinterher nach. Plötzlich hörte Philipp einen Schrei und glaubte, als er sich umwandte, zu sehen, wie sein Vater vom schmalen Gratweg abstürzt. Er lief