Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 41 (10.10.1930)
- Date
- 1930-10-10
- Page
- Seite 573 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 Das Jüdische Echo 573 zen. Die Suspendierung der 2300 Arbeiterzertifikate ist deshalb so einschneidend, weil auf die Einwanderung nicht wenige Tausende, sondern Hunderttausende warten. Wir, die wir uns als Judenfreunde erklären, sind darum nicht Arabergegner, mögen auch die Araberfreunde in der Regel Judengegner sein. Die bisherige Arbeit der Histadruth erfüllt uns mit Befriedigung und wir hoffen, daß England, welches eine der besten Sozialgesetzgebungen der Welt hat, als Mandatarmacht dafür sorgen wird, daß auch in Palästina .eine solche Gesetzgebung getroffen wird. Möget Ihr, wenn Ihr von hier in Eure Heimat zurückkehrt, Euch der Sympathien nicht nur Eurer jüdischen Klassengenossen, sondern aller Sozialisten für den Palästina-Aufbau versichert haben. Bin-Gurion dankte Malone und erklärte, das Zutrauen der jüdischen Arbeiterschaft zur englischen und internationalen Arbeiterbewegung sei trotz der Fehler der englischen Arbeiterregierung nicht erschüttert. Darauf hielt Ing. S. Kaplansky ein Referat über die Aufnahmefähigkeit Palästinas; er glaubt, daß man mit einer Einwohnerzahl von 5—7 Millionen rechnen könne. Bin Gurion sprach über „Unsere Beziehungen zum arabischen Volk und zur Mandatarmacht.“ In der Generaldebatte am Dienstag Nachmittag sprachen u. a. Morris Myer-London, die Amerikaner Brown und Shlosberg und der Linke Poale Zionist Abramowitsch. Der Linken; die sich gegen jede Zusammenarbeit mit bürgerlichen Schichten der zionistischen Bewegung ausgesprochen hat, wurde vorgehalten, daß selbst in Sowjetrußland auf eine Interessengemeinschaft mit jüdischer Bourgeoisie (Joint) nicht verzichtet worden sei. Die amerikanischen Delegierten stimmten darin überein, daß eine Ausschaltung der Parteigegensätze Voraussetzung einer erfolgreichen Arbeit am Palästina- Aufbau sei. Während jedoch Brown der Hoffnung Ausdruck gab, daß der gegenwärtige Kongreß einen künftigen vorbereiten werde, dessen Aufgabe Zusammenfassung der jüdischen Arbeiterkräfte in aller Welt und Erörterung des Gesamtkomplexes der jüdischen Arbeiterfragen sein solle, wendete sich Shlosberg entschieden gegen eine solche Tendenz. Der Kongreß möge sich auf die Unterstützung der P a 1 ä s t i n a - B e w e g u n g beschränken und sich die Mithilfe der jüdischen Arbeiter in aller Welt für dieses Ziel sichern. Weitergehende Programme würden, besonders in der amerikanischen Arbeiterschaft, auf energischen Widerstand stoßen, da es nicht möglich sei, von einem Kongreß aus Ziel und Weg der Arbeiterbewegung in den verschiedenen Ländern zu bestimmen. In Amerika könne der Sozialismus vorläufig nur Leitgedanke eines kleineren Kreises sein; es sei dort schon eine revolutionäre Tat, die großen Massen der Arbeiterschaft für einen bloßen „Labourimus“ zu gewinnen. Wichtiger als das beste sozialistische Programm sei die Schaffung tatsächlicher Arbeitermacht durch Organisation. Die amerikanisch-jüdischen Gewerkschaften fühlen sich mit allen Arbeiterorganisationen verbunden, gleichgültig, welches ihre programmatische Grundlage ist. Man müsse es der Histadruth überlassen, sich ihre Ziele und ihr sozialistisches Programm zu wählen. — Abramowitsch (Linke Poa(le Zion) führte aus, auch die Arbeiterregierung, die ja keine Klassenregierung sei, repräsentiere den englischen Imperialismus, der sich schon seit langem auf die Seite der Araber gestellt hat. Der Arbeiterminister Lord Passfield werde heute in Palästina in einem Atem mit dem zaristischen Minister Plehve genannt. Proletarischer Zionismus bedeute nicht Burgfrieden, sondern Kampf gegen die zionistische Bourgeoisie. In der Nachtsitzung kamen noch Lev, Bendersky,, Jaari, Serubowel und Tiger zu Wort, worauf Tabenkin für die Histadrucht das Schlußwort hielt. Der Führer der Linken, Serubowel, gab seinem Erstaunen darüber Ausdruck, daß eines der wichtigsten Probleme, der Boykott des jüdischen Arbeiters in Palästina durch den jüdischen Kolonisten, auf dem Kongreß gar nicht zur Sprache gekommen sei. Bin Gurion habe sich gerühmt, daß seine Partei die Trägerin des Herzischen Gedankens sei. Die Linke beziehe sich nicht auf Herzl, sondern auf Borochow. Sie sei nie bloß auf Palästina eingestellt gewesen, sondern sie habe die jüdische Arbeiterbewegung in allen Ländern im Auge behalten. Die palästinensischen Arbeiter hätten infolge ihrer Herkunft vielfach eine bürgerliche Mentalität. Aus ihrem „Konstruktivismus“ unter bürgerlicher Patronanz stamme auch ihre Abneigung gegen die jiddische Sprache. Der Kampf in Palästina und für die Öffnung der Tore dieses Landes vor der jüdischen Einwanderung müsse gemeinsam mit der arabischen Arbeiterschaft geführt werden. Nachdem Tiger diesen Ausführungen scharf entgegengetreten war, stellt Tabenkin namens der Histadruth fest, daß die Linke Poale Zion sich stets darauf beschränkt habe, die die jüdische Arbeiterschaft betreffenden Ereignisse inner- und außerhalb Palästinas dialektisch zu kommentieren. Trotz kleinbürgerlicher Herkunft seien die meisten Arbeiter in Palästina mindestens sieben Jahre lang ununterbrochen in der Landwirtschaft, im Straßenbau, im Häuserbau tätig, während es viele Mitglieder der linken Poale Zion gebe, die seit mehr als sieben Jahren nicht mehr Arbeiter sind. Die palästinensische Arbeiterklasse zeige im Gegensatz zur jüdischen Arbeiterschaft der Galuthländer keine Fluktuation, sondern bleibe bei der Arbeit. Im Laufe der Nachtsitzung traf ein überaus herzliches Begrüßungsschreiben des Dichters Schalom Asch ein. Nach Schluß der Generaldebatte wurde eine Reihe von Resolutionen eingebracht, und zwar für die Histadruth von Rubaschow, für die Linke von Zerubowel, für Haschomer Hazair von Lurje. Während sich die Resolution der Histadruth nur mit der politischen Situation in Palästina, Araberfrage und Mandatarmacht befaßt, berührte die Resolution der Linken auch Fragen der Arbeiterpolitik in Polen und enthielt heftige Angriffe gegen die Rechte Poale Zion und die Histadruth. Der Kongreß einigte sich auf die Resolution der Histadruth, welche feststellt, daß England seine Aufgaben gegenüber dem jüdischen Volk und der Arbeiterbewegung in Palästina nicht erfüllt hat. Alle Versprechungen seien wertlos, solange nicht eine breite, zeitlich unbeschränkte Einwanderung zugelassen werde. Ein freies, autonomes Leben der beiden Völker Palästinas sei nur zu erreichen durch den gemeinsamen Kampf der arbeitenden Klassen beider Völker. Die Insinuationen des Berichtes der Shaw-Kommission seien aus drei judenfeindlichen Quellen geschöpft, nämlich den Informationen der britischen Kolonialbeamten, der arabischen feudalistischen Unterdrücker und der kommunistischen Feinde Zions. Die jüdische Einwanderung bewirke nicht Verdrängung der Araber, vielmehr können Millionen von Einwanderern ins Land kommen, ohne die wirtschaftlichen und sozialen Interessen der gegenwärtigen Bevölkerung zu beeinträchtigen. Rubaschow verlas ein Manifest an die jüdische Arbeiterschaft, die jüdische Jugend und die jüdi-