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Das jüdische Echo · 1930-10-10 · 41 (10.10.1930) · p. Seite 572

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
41 (10.10.1930)
Date
1930-10-10
Page
Seite 572 (sequence 4)
Language
German
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572 Das Jüdische Echo Nr. 4t Recht, im Namen ailler Juden sprechen zu können und gerade darauf kommt es an. Wenn also die Forderung nach Übernahme der Abwehrarbeit damit begründet wird, daß die Gemeinden aus Steuermitteln weit größere Beträge für Abwehrzwecke verfügbar machen können,, muß sie entschieden abgelehnt werden. In derselben Zeit, in der viele jüdische Existenzen zu Grunde gehen, weil die Sozialetats der Gemeinden überlastet sind, weil es keine Darlehenskassen gibt, diedem kleinen jüdischen Mann helfen können, weil die Arbeitsnachweise nicht genügend ausgebaut werden, darf man Mitteil für die ihrer Natur nach fast immer erfolglose Abwehrarbeit nicht weiter verwenden. Denn, um der antisemitischen Front — die vielleicht bald eine staatliche Front sein wird, und dann ist jeder Erfolg auf diesem Wege ausgeschlossen — auch nur einigermaßen Abbruch zu tun, wären Summen erforderlich, die weit über die Steuerkraft der Juden hinausgingen, trotzdem aber würde doch die seelische Disposition zum Antisemitismus immer weiter fortbestehen. Sie entsteht ja mit jedem Menschen neu, da sie auf einer Differenzierung beruht, die, ob man sie nun national oder rassisch, oder wie immer nennen mag, jedenfalls empfunden wird, wo es eine jüdische Gemeinschaft gibt und die weder fortzudisputieren noch fortzukaufen ist. Aber soweit eine Abwehrarbeit überhaupt zu führen ist, soll sie in Zukunft von den Gemeinden geführt werden aus einer anderen geistigen Einstellung heraus, wie wir das oben angedeutet haben. Man soll sich von dieser Forderung auch davon nicht abbringen lassen,, daß vorgebracht wird, den Gemeinden als öffentlichen Körperschaften seien gewisse Betätigungen wegen ihrer mangelnden Bewegungsfreiheit, ihrer Verantwortung für öffentliche Gelder nicht zugänglich. Die Notwendigkeit gerade dieser Betätigungen darf heute ruhig bestritten werden. Es würde uns nichts nützen, selbst wenn man sie noch viel intensiver durchführen wollte, als dies bisher geschehen ist. Wir können unsere allgemeinen Lebensumstände und die Situation des deutschen Volkes nicht ändern; darum müssen wir den Antisemitismus, wie er nun einmal ist, hinnehmen; wir haben eben nicht die Macht, das zu verhindern, was in den nächsten Wochen eventuell über uns hereinbricht. Es braucht nicht einmal schlimm zu werden, da ja mittlerweile sogar Herr Hitler im Verkehr mit dem Ausland entdeckt hat, daß es nicht darauf ankommt, was man wolle, sondern darauf, was man könne und man tut daher gut, die Entwicklung der Dinge in aller Ruhe abzuwarten. Eines aber können wir tun; wir können dafür sorgen, daß unsere Gemeinschaft und geradq auch in dieser Zeit an ihrer inneren Festigung arbeitet. Erhaltung des jüdischen Lebenswillens und der jüdischen Lebenskraft durch Besinnung auf jüdische Werte, durch Pflege jüdischer Kultur, durch wirtschaftliche Sicherung der wegen ihres Judentums im Existenzkampf Benachteiligten, durch jüdische Bevölkerungspolitik, durch eine, unseren Umständen entsprechende Neuorganisation des deutschen Judentums, aber auch durch Verbindung mit allen Teilen des. jüdischen Klal, durch Festigung des Bandes mit dem jüdischen Aufbauwerk in Palästina — das ist Sicherung der jüdischen Zukunft. Und das allein gibt auch die Gelassenheit und innere Sicherheit1, die Zeit zu ertragen und über sie hinwegzukommen. (Über praktische Forderungen, die sich aus diesen Grundsätzen ergeben, wird in einem weiteren Artikel gesprochen werden.) I. E. * * * Der Weltkongreß für das arbeitende Palästina In der Sitzung vom Sonntag, dem 28. September, vormittags, hielt Arthur Ruppin ein bedeutsames Referat über die soziale Struktur des jüdischen Volkes; ferner wurden von Camille Huysmans und Louis Picard, Führern des belgischen Sozialismus, Begrüßungsansprachen erstattet. In der Mittagspause konnte der Konflikt mit den Linken beigelegt werden. Nachmittags sprach M. Erem über das jüdische Wanderungsproblem. In der Sitzung vom Montag Vormittag erstattete Salman Rubaschow ein Referat über die jüdische Arbeiterbewegung, Berl Katzenelson eines über das jüdische Arbeiterwerk. Über zionistische Bewegung und jüdische Arbeiterschaft sprach am Nachmittag Joseph Sprinzak. Die Beteiligung der jüdischen Arbeiterschaft an der zionistischen Organisation sei nicht eine Koalition mit der Bourgeoisie, sondern eine Verbindung mit dem gesamten jüdischen Volk. Diese Verbindung sei nicht auf Gefühlsmomente zurückzuführen, sondern auf gegenseitiges Interesse. Die Arbeiterschaft als Trägerin der Kolonisation werde die nächste Generation des jüdischen Volkes in sich aufnehmen. Der Erfolg der letzten zwanzig Jahre sei auf die treibende Kraft der Arbeiterschaft zurückzuführen, welche sich im Bewußtsein dessen, daß Palästina ein arbeitendes Palästina werden muß, mit dem gesamten jüdischen Volk verbunden hat. Auf einen Zwischenruf von den Bänken der Linken Poale Zion, dies sei nicht Wahrung von Arbeiterinteressen, sondern Verrat, entgegnete Sprinzak, wenn der Aufbau von Daganiah und Nahalal und den übrigen jüdischen Positionen im Lande Verrat bedeute, dann rufe er den gesamten Kongreß dazu auf, an diesem Verrat teilzunehmen. Stürmisch begrüßt ergriff sodann Colonel Cecil Malone, xMitglied des englischen Unterhauses, das Wort; Ich begrüße, sagte er, den Kongreß im Namen der englischen Arbeiterschaft. Die Jugend, welche im Saal so zahlreich vertreten ist, bietet die Gewähr für das Gelingen Eures Werkes. Die Arbeiter aller Länder hoffen, daß Ihr einen Arbeiterstaat bauen werdet. Der Aufbau Palästinas ist eine gemeinsame Aufgabe Englands und der Juden. Wir Engländer sind für die Durchführung des Mandates verantwortlich bis zu dem Zeitpunkt, in dem die beiden Völker eine gemeinsame Selbstverwaltung im Lande errichten werden. Die Bourgeoisie weist mitunter auf das Interesse hin, das England an Palästina wegen dessen strategischer Bedeutung als Luftflottenstützpunkt und Schutzwali des Suezkanals haben müsse. Wir englischen Sozialisten interessieren uns für Palästina nicht aus diesem Grunde, sondern weil wir in der Errichtung eines Jüdischen Nationalheims die Verwirklichung eines Menschheitsideals sehen. Das jüdische Volk hat Anspruch auf nationale Befreiung, denn ohne diese gibt es keine wirtschaftliche Befreiung. Die bedauerlichen Ereignisse vom August 1929 haben das öffentliche Gewissen aufgerüttelt. Ich teile vollkommen die Ansichten, welche Harry Snell in seinen Bemerkungen zum Shaw-Bericht ausgesprochen hat, ebenso bin ich mit der Kritik der Mandatskommission des Völkerbundes an der palästinensischen Verwaltung einverstanden. Die arabischen Führer sind zweifellos im Shaw-Bericht zu glimpflich behandelt worden. Regierung und Administration müssen den Palästina-Aufbau aktiv unterstüt-

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