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Das jüdische Echo · 1930-10-10 · 41 (10.10.1930) · p. Seite 571

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
41 (10.10.1930)
Date
1930-10-10
Page
Seite 571 (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 41 10. Oktober 17. Jahrgang Jtbwehrfragen Verpaßte Gelegenheiten hat es im Daseinskampf der deutschen Judenheit in den letzten Jahren, im Kampf gegen die antisemitische Bewegung sicherlich oft genug gegeben. Einige davon wurden in den Ausführungen über „Neuorganisation der Abwehr“ inunseren letzten Nummern aufgezählt. Und doch wird jeder nicht geradezu verbohrte Betrachter nach der Wahl vom 14, September zugeben müssen, daß auch unter Einsatz weit größerer Mittel, auch bei einer völlig anderen Organisation der Abwehr dem Antisemitismus in nennenswertem Maße nicht Abbruch hätte getan werden können. Der Antisemitismus ist nämlich als Phänomen vom Verhalten und von der Betätigung der Juden völlig unabhängig; antijüdische Gefühle und Empfindungen, wie immer sie sich äußern mögen, werden eben schon durch die bloße Existenz der Juden hervorgerufen; alles was an Gründen und Argumenten gegen die Juden vorgebracht wird, ist — vielfach unbewußt — einfach ersonnen um die Berechtigung der bereits vorhandenen antijüdischen Empfindungen nachzuweisen. Das ist auch der Grund, warum es antisemitischen Menschen niemals an „Material“ fehlen wird und warum „aufklären“ wollen im allgemeinen heißt Wasser in ein Faß ohne Boden schöpfen. Die psychische Disposition der großen Maße ist unter gewissen Umständen so, daß der Unsinn antisemitischer Theorien besonders leicht Eingang findet; geglaubt werden diese aber nur, weil schon vorher die seelische Bereitschaft dazu vorhanden ist — wenn es nicht so wäre, müßte der nun über 35 Jahre geführte Abwehrfeldzug des Centralvereins doch wenigstens den Erfolg gehabt haben, daß die gröbsten Verdächtigungen keinen Glauben mehr finden, wenn man schon nicht sagen will, daß dieser Feldzug dem Antisemitismus den Garaus gemacht haben müßte. Solche Erfolge sind aber keineswegs zu konstatieren; trotz eifrigster Bemühungen und trotzdem gerade vor dem letzten Wahlkampf wirklich mit aller Hingabe gearbeitet worden ist, konnte das Anwachsen der antisemitischen Front nicht gehindert werden, so daß unzweifelhaft die Situation der deutschen Juden heute weit schlimmer ist als zur Zeit der Gründung des Centralvereins. Freilich wäre es ungerecht, diesen etwa für die seelische Disposition der Völker, unter denen wir leben und die eben die einzig wahre Ursache des Antisemitismus ist, für die naturgegebene Tatsache der menschlichen Eigenschaften, aus denen er letztlich zu erklären ist, verantwortlich zu machen oder gar für die Hilflosigkeit gegenüber den besonderen Umständen wie einem verlorenen Krieg, einer Depossedierung ohnegleichen,, unter denen die seelische Disposition der Masse zu antisemitischen Ausbrüchen neigt. Der Antisemitismus ist der Schatten unserer Existenz — man muß sich endlich einmal überall unter den Juden jene Erklärung von der Entstehung des Antisemitismus, zu eigen machen, die Weizmann in einem großartigen Bilde gegeben hat, daß nämlich die jüdische Minoritätsgruppe sei wie ein Fremdkörper im Auge, oft nur klein aber immer äußerst störend, wenn der Betroffene sein Auge reibe, werde manchmal der Fremdkörper herausgerieben, manchmal entzünde sich das Auge und meist geschehe beides. Diese sozusagen mechanische naturgesetzliche Auffassung, die sich nicht nur auf die Erlebnisse unserer Tage stützt, sondern sich an den Tatsachen der jüdischen Geschichte erhärten läßt, erklärt zur Genüge, warum der Abwehrkampf, von dem die Mehrzahl der deutschen Juden sich eine endliche Lösung aller Schwierigkeiten erhoffte, wirkungslos bleiben mußte; sie sollte aber auch bewirken, daß man sich in Zukunft resolut von dem vom C.V. in seiner langjährigen Tätigkeit entwickelten Abwehrsystem und seinen Methoden abwendet. Das ist gewiß nicht leicht, obwohl die Erkenntnis, daß diese Methoden Schiffbruch gelitten haben, allgemein ist, oder es wenigstens sein müßte, wo man sich vor den Tatsachen die Augen nicht verklebt. Wie schwer es ist, beweist ja wohl auch das Verhalten der. Zionisten, die, trotzdem sie sicher von der Unwirksamkeit der Anstrengungen von vornherein überzeugt waren, aus dem Gefühl heraus, daß man etwas tun müsse, daß man nicht untätig zusehen könne und daß man weiteste Kreise hinter die Arbeit stellen müsse, wenn sie schon getan würde, sich an dem gemeinsamen Wahlkampfausschuß mit dem C.V. loyal beteiligten; vielleicht erhofften sie doch auch gegen bessere Einsicht Erfolge — heute gilt es, ohne alle Illusionen aus den Erfahrungen das Fazit zu ziehen. Mit dem kritischen Teil der in unseren letzten Nummern enthaltenen Ausführungen zur Neuorganisation der Abwehr könnte man dabei weitgehend einverstanden sein, ganz und gar nicht jedoch mit der geistigen Haltung, aus der sie hervorgegangen sind und nur sehr wenig mit den positiv vorgeschlagenen Maßnahmen. Mit einer Ausnahme. Während im allgemeinen die dort vorgebrachten Forderungen nur eine Verstärkung und Intensivierung des C.-V.-Systems bedeuten, aber nach menschlichem Ermessen auch nicht mehr Erfolg, als dessen Tätigkeit aufzuweisen haben würden, nämlich keinen, trotz ungleich höherer Ausgaben, steht es nicht ganz so mit der nach Übernahme des Abwehrkampfes durch die offiziellen gesamt-jüdischen Organisationen, die Gemeinden und die Gemeindeverbände. Eine gewisse Abwehrarbeit muß nämlich selbstverständlich immer geführt werden. Vor allem in verfassungsrechtlichen, wirtschaftsrechtlichen und besonders auch in religiösen Angelegenheiten. Diese Arbeit kann in weitaus bescheidenerem Maße mit wesentlich geringeren Geldausgaben, als die des Centralvereins geführt werden und sie muß von Organisationen geführt werden, die im Namen des Judentums für alle Juden sprechen können. Darum darf dieser Kampf nicht mehr von einer Organisation geführt werden, die selbst eine Gesinnungsorganisation ist und in den innerjüdischen Kampf eingreift. Einer solchen Organisation fehlt das

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