Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 40 (3.10.1930)
- Date
- 1930-10-03
- Page
- Seite 560 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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56!) Das Jüdische Echo Nr. 40 wohl auch nicht von allen verstanden — weniger Protest auslösen werde, als die hebräische des Vorsitzenden. Er schätze sich glücklich, den brüderlichen Gruß der französisch-sozialistischen Partei dem Kongreß überbringen zu dürfen. Der Aufbau eines arbeitenden Palästinas sei einer der bedeutendsten sozialistischen Versuche. Der Sekretär des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, Alexander Knoll, legte dar, daß dieser Bund, der mit seinen fünf Millionen Mitgliedern der stärkste Gewerkschaftsverband der Welt sei. lebhaftes Interesse für die sozialistischen und gewerkschaftlichen Anfänge in Palästina bekunde. Als letzter Redner sprach der Führer der amerikanischen Arbeiterdelegation, der ehemalige Abgeordnete des Neuyorker Parlaments und Leiter der jüdischen Gewerkschaftskampaign für Palästina, Abraham Shipliakoff, über das Thema „Die jüdische Arbeiterschaft und Palästina“. Er gab eine ausführliche Schilderung der Eindrücke, welche die amerikanische Arbeiterdelegation auf ihrer Palästinareise vom dortigen Aufbauwerk empfangen hat, und hob gegenüber der an Umfang viel größeren amerikanischen Arbeiterbewegung die Planmäßigkeit und Systematik in dem Werke der palästinensischen Arbeiterschaft, den organischen Zusammenhang aller von ihr geschaffenen Einrichtungen hervor. Durch Zwischenrufe von der linken Seite schon zu Beginn seiner Rede wiederholt unterbrochen und irritiert, ließ sich Shipliakoff zu einigen heftigen Ausfällen gegen die Linke Poale Zion und deren Führer Serubowel hinreißen. Hatte schon seine Bemerkung, er habe in den palästinensischen Siedlungen Menschen verschiedenster Parteistellung, aber keine „Linken“ gefunden, stürmischen Protest ausgelöst, so steigerte sich der Widerspruch der Linken Poale Zion zu einem wilden Tumult, als er diese als „unsere Araber“ apostrophierte. Erst als Shipliakoff seine Äußerung zurückgezogen hatte, konnte er seine Rede unter stürmischem Beifall beenden, worauf die Sitzung, welche trotz der geschilderten Zwischenfälle einen ungemein eindrucksvollen Verlauf genommen hatte, unter dem Absingen der Internationale in jiddischer und hebräischer Sprache geschlossen wurde. Berlin, 29. September. (JTA.) Am Vormittag des 28. September wurden die Beratungen des Kongresses im großen Saale des Berliner Logenhauses bei stärkster Teilnahme von Delegierten und Gästen fortgesetzt. Es fiel auf, daß die Fraktion der Linken Poale Zion fehlte. Die Delegierten dieser Fraktion waren durch eine Verfügung des durch die Leitung der Histadruth repräsentierten provisorischen Kongreßpräsidiums bis auf weiteres von der Teilnahme am Kongreß ausgeschlossen. Das Kongreßpräsidium hatte als Bedingung für deren weitere Teilnahme von der Fraktion eine schriftliche Erklärung verlangt, daß sie fernerhin auf jede Obstruktion verzichten werde. Die Abgabe dieser Erklärung war aber verweigert worden. <#> Sommerschule des Jüdischen Frauenbundes Der Jüdische Frauenbund hatte seine Mitglieder vom 7. bis 9. September zu einer Sommerschule nach Bad Dürkheim in der Pfalz geladen. Das Thema „Lebensgestaltung der Frau“ sollte in einem möglichst nicht zu großen Kreise interessierter Frauen von den verschiedensten Gesichtspunkten her dargestellt und zur Aussprache gebracht werden. Die Veranstaltungen, zu denen sich erfreulich viele Teilnehmerinnen eingefunden hatten, nahmen in jeder Hinsicht einen sehr befriedigenden Verlauf. Die Aussprachen legten Zeugnis davon ab, daß man Fragen ausgewählt hatte, zu denen jede Frau eine innerliche Stellungnahme sucht. Eine Stellungnahme kann bei einem so großen, von den Frauen der verschiedensten Richtungen und Meinungen gebildeten Bunde, keine einheitliche sein, aber auch die auseinanderstrebendsteu Ansichten begegneten sich in dem Bewußtsein der Verantwortlichkeit, der doppelten Verantwortung als Frau und Jüdin. Am Eröffnungsabend, den der Verband der Pfälzer jüdischen Frauenvereine besonders festlich gestaltet hatte, hielt — nach verschiedenen Begrüßungsansprachen — Herr Rabb. Dr. Dienemann (Offenbach) den Einleitungsvortrag. Er legte dar, was die jüdische Religion zu den Fragen der „Lebensgestaltung der Frau“ —wie: religiöse Fragen, Berufsu. Ehefragen, Fragen der unverheirateten Frau — zu sagen hat; welche religiösen Motive zur Beleuchtung dieser Probleme heranzuziehen sind. Es sei Aufgabe der Frau, am Religiösen weiterzubauen und in einer Zeit, da Gemeinschaft alles gedeutet, das Individuum zu retten. Am nächsten Tage gab Frau D r. E ding er,. Frankfurt a. M„ eine historische Fundierung durch Aufzeigen der Entwicklüngslinien, die vom Zeitalter des Matriachats bis zur modernen Frauenbewegung führen. Diese sei entstanden in einer Zeit, da ein Rechtszustand in der Auflösung begriffen ist, und es falle ihr daher in besonderem Maße zu, Aufbauarbeit zu leisten. — Nach Frau Dr. Edinger behandelte Frau Margarete Susmann, Frankfurt a. M., das Thema: „Berufsproblematik der heutigen Frau“ aus einer Perspektive, die die Aufgabe Frau zu sein — und in der heutigen Zeit diese Aufgabe in ihrer ganzen Bedeutung zu fühlen und zu erfüllen — offenbar werden ließ. An die Aussprache, die diesen Referaten folgte, scholß sich eine Fahrt durch das in dieser Zeit der Weinreife besonders anmutige Pfälzer Land bis nach Neustadt, wohin der dortige Frauenverein die Sommerschule geladen hatte. Die Verhandlungen des nächsten Tages betrafen die staatlichen Gesetze, die die „Lebensgestaltung der Frau“ berühren und führten vor allem zu einer lebhaften Aussprache über den § 218 des Strafgesetzbuches (Verbot der Abtreibung).. Einleitende Referate hielten: Rechtsanwalt Dr. Margarete B e r e n t, Berlin, und Dr. med. Rahel Straus, München. Aus der Diskussion müssen die Worte von Fräulein Papp en heim und Herrn Dr. Dienemann ganz besonders hervorgehoben werden. Einig waren alle, die zu diesem Thema sprachen, darin, daß die Frau das Leben zu erhalten und zu verteidigen hat, und daß auch im besonderen die jüdische Religion auf diesem Grundsatz der Heiligkeit und Unantastbarkeit allen Lebens beruht. Auseinander gingen die Ansichten darin, ob der § 218 — zumal in seiner heutigen Form — diesem Schutz des Lebens dient, ja ob überhaupt das Strafgesetz in dieses ganz persönliche Gebiet hineinzureden hat. (Dr. Berent.) Während aus den Ausführungen von Frau Dr. Straus der reiche und schwere Erfahrungsschatz der Ärztin sprach, wurde aus den Worten' von Fräulein Pappenheim und Dr. Dienemann deutlich, daß es hier um Fragen geht, die nicht vom Augenblick her und in ihren: Einzelhandlungen und Nöten beurteilt und gelöst werden dürfen. Es geht um ein Grundgefühl, um eine Urkraft, die größer, weittragender und geheimnisvoller ist als die gegenwärtigen sichtbaren Schwierigkeiten. — Einen