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Das jüdische Echo · 1930-09-26 · 39 (26.9.1930) · p. Seite 549

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
39 (26.9.1930)
Date
1930-09-26
Page
Seite 549 (sequence 12)
Language
German
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Nr. 39 Das Jüdische Echo 549 geben von den Heerscharen seiner Engel, und eines der riesigen Bücher nach dem andern mit unseren schlechten und guten Taten wurde ihm vorgelegt. Jeder Jude, ob Kind oder Erwachsener, hatte seine besondere Seite. Die aufgeschlagenen Bücher vor Augen, entschied Gott, wer das kommende Jahr überleben sollte und wer sterben mußte, wer unter den Lebenden erkranken und wer gesund bleiben sollte. Bei den Gebeten, die darauf eingingen, erzitterte meine Seele. So wurden für uns die Tage der heiligen Scheu Tage der Furcht. Wir waren zu jung für so starke Gemütserregungen. Die erste Taschlichzeremonie, da wir zum erstenmal zum Fluß hinuntergingen, um unsere Sünden abzuschütteln, ist mir deutlich in Erinnerung geblieben. Wir wählten dazu die Stelle, wo die Swisla in die Beresina mündet. Die übliche Zeremonie bestand darin, daß man seine Kleider über dem Wasser ausschüttelte. In einem Übermaß von Frömmigkeit kehrten viele von uns dabei auch ihre Taschen nach außen. Ich weiß nicht, welche und wieviele Sünden ich damals auf dem Gewissen hatte, aber ich schüttelte meine Röckschöße und meine Taschen gewaltig. Und als ich den Flußrand mit meinem Vater verließ, fühlte ich mich wesentlich erleichtert. Der Vorabend von Yom Kippur war der Feiertag der Yischuwniks, unserer Hinterwälder. Am Neujahrstag und noch mehr am Yom Kippurtag, waren wir alle vom Beten in Anspruch genommen. Aber der Vorabend von Yom Kippur war unbesetzt und dann fanden die Yischuwniks ein wenig Trost für die einsamen Jahre, die sie in fremder Umgebung verbrachten, weit abseits von ihrem eigenen Stamm. Wenig ist in der jüdischen Literatur über das Leben und die seelische Tragödie der Yischuwniks geschrieben worden. Und dies wenige hat den Yischuwnik zur Zielscheibe des Spottes gemacht. Dann abgesprengt von der jüdischen Welt, wie er zu leben gezwungen ist, wurde er plump wie die Bauern, und seine Kinder wuchsen als eine Mischung zwischen Juden und Bauern auf, jedoch ohne die Bildung der einen und ohne das glückliche Gemüt der anderen. Sie waren die Zweige, die von einem Baum abgeschnitten worden waren. Diejenigen, die es irgendwie erschwingen konnten, hielten sich einen Rebbe im Haus, zwackten es sich ab an Nahrung und Kleidung, damit die Kinder dem Judentum nicht ganz entfremdet würden. Die Türe unseres Hauses ^tand nicht still am Vorabend des Yom Kippur. Es gab kaum einen Yischuwnik in der Stadt, der nicht kam, um uns seine Aufwartung zu machen. Viele von ihnen brachten Kuchen und Süßigkeiten mit, um sie in der Synagoge zu verteilen. Ein merkwürdiger Glaube knüpfte sich an die Verteilung dieser Kuchen. Es konnte sein, daß Gott einen im kommenden Jahr zum Bettler bestimmt hatte. Vielleicht konnte man durch die Entgegennahme eines Kuchens, den ein Fremder bot, diesen Teil des auferlegten Geschicks vollenden und dann davon verschont bleiben. Aus diesem Grund wies niemand ein Stück Kuchen zurück, das ein Yischuwnik anbot. Nachdem wir am Vorabend des Yom Kippur gegessen hatten, erklärte uns unsere Mutter, daß dies der Tag der Versöhnung sei. Es wäre unsere Pflicht, jene unserer Spielgefährten, mit denen wir uns entzweit hätten, aufzusuchen und sie um Verzeihung zu bitten. Ebenso müßten wir ihnen alle ihre Vergehen uns gegenüber vergeben. Ich begann sofort meine Rechnungen zu machen und fand, daß ich mit den meisten meiner Spielkameraden auf quitt stand. Aber wo es zweifelhaft war, suchte ich meine Freunde auf und bat sie um Verzeihung. Ich liebte diese Zeremonie. Ich kam mir erhoben und wichtig dabei vor. Während der Nachmittagsgebete in der Schule setzte mich eine andere Zeremonie in Erstaunen. Ich sah erwachsene Juden sich auf dem Fußboden ausstrecken, während Lazar, der Psalmrezitator, sich über sie stellte und sie unbarmherzig mit Lederriemen schlug. Ich wußte natürlich, daß dies die Malkothzeremonie war, die Zeremonie der Streiche, aber sie erinnerte allzusehr an den Cheder. Das Peitschen wurde ganz systematisch durchgeführt: ein Strich auf den Körperteil, den wir im Cheder dem Riemen hinzuhalten hatten und zwei weiter oben auf dem Rücken. So einmal, zweimal, dreimal bis zu fünfzehn Mal. Noch verblüffter aber war ich, wenn ich das Opfer sich von der Züchtigung erheben und einige Münzen in den Teller werfen sah, den Lazar hinhielt. Es war doch eine erstaunliche Sache, noch dafür zu zahlen, daß man Hiebe bekam. Sofort nach dem Festschmaus legte mein Vater ein weißes Kleid an und darüber das Tallis. Auch meine Mutter kleidete sich weiß. Dann wurden wir Kinder eines nach dem andern vor sie geführt. Mein Vater legte seine Hände auf uns und gab uns den Segen. Dann gingen wir alle nach dem Hause meines Großvaters. Dort war die ganze Familie, vier Generationen, versammelt, und die Zeremonie des Segnens wurde wiederholt. Der Fußboden der Synagoge war dicht mit Heu bestreut. Auf allen Fensterbänken und auf besonderen Tischen standen Wachskerzen — die Seelenlichter — die vierundzwanzig Stunden hindurch zum Gedächtnis der Verstorbenen brennen sollten. Sobald die Gebete vorüber waren, gingen die meisten von uns nach Hause. Aber es gab welche, die in ihrer Frömmigkeit die ganze Nacht im Gebet verbrachten. Unter ihnen waren einige heroische Seelen, die das Gelübde getan hatten, die ganze Nacht und den darauffolgenden Tag in der Synagoge zu stehen — und sie führten dies Gelöbnis bis zum letzten durch. Es gab sogar Frauen von so großer Frömmigkeit. Und während der ganzen Nacht brannten die Wachskerzen in der Schule unten, und durch die geöffneten Fenster der Galerie sahen die weißen Gesichter der Frauen in den Saal hinab. Die späteren Morgengebete am Yom Kippur liebten wir Kinder besonders, weil sie den mystischen Neigungen unserer Seele Nahrung gaben. Die jüdische Synagoge steht in bezug auf ihr mystisches Zeremoniell der protestantischen Kirche näher als der katholischen oder der griechischen. Die Synagoge ist nüchtern, formalistisch und zu werktäglich. Jedoch der Yom Kippur bildet eine Ausnahme. Da sind zunächst die weißen Kleider der Andächtigen und die eigenartigen Melodien des Tages. Und weiter das seltsame Kniebeugen, das kein einfaches Niederkien, sondern ein sich der Länge nach auf den Boden werfen ist. Erwachsene Männer, die sich im Staube demütigen, geben irgendwie ihr Innerstes preis: ein Schauer durchrann mich, wenn ich ihnen zusah. Nach dem einfachen Abendgebet des langen Tages zerstreute sich die Gemeinde. Die Frauen gingen sofort nach Hause, die Männer blieben noch, um den Neumond im Gebet zu begrüßen, bevor sie heimgingen und ihr Fasten beendeten. Vor vielen Jahren las ich im Haschachar. jener Zeitschrift von Perez Smolensky, die die Sturm¬ und Drangperiode unserer jüngsten Geschichte eröffnete, ein Gedicht von Salman Luria: „Der Neu-

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