Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 39 (26.9.1930)
- Date
- 1930-09-26
- Page
- Seite 548 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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548 Das Jüdische Echo Nr. 39 Atrozitälen teilgenommen. Sie war zugegen, als ihr Mann und mehrere antisemitische Führer Hersch Jude Stein verschleppten und zwangen, von dem zwei Meter hohen lTfer in den Vizofluß zu springen. Ironisch wurde dieser Vorgang als „Taufe“ bezeichnet. Auch war sie zugegen gewesen, als die Jüdinnen Helene Jekl und Lenke Hantz nachts hei den Haaren aus ihren Betten geschleppt wurden und man sie zwingen wollte, sofort nach Palästina auszuwandern. Die Anklage des Aufruhrs wird gegen 59 Bauern erhoben, die unter Einwirkung der Hetzreden Damilas sich der Gendarmerie widersetzlen. Die Hauptverhandlung beginnt noch in diesem Monat vor dem Gericht in Marmaros-Sziget. Die Verteidiger der Angeklagten haben die Einvernahme von über 300 Zeugen beantragt. Unter der jüdischen Bevölkerung von Sziget herrscht Beunruhigung, da schon jetzt zahlreiche Mitglieder der „Eisernen Garde“ in die Stadt gekommen sind, um dem Prozesse beizuwohnen. Die Behörden haben umfassende Maßnahmen getroffen, um Ruhestörungen während des Prozesses zu verhindern. Die jüdischen Zeitungen äußern Empörung darüber, daß die Gerichtsbehörden auf die Angaben Damilas und seiner Ge< nossen hin die Anklage auf 17 friedliebende jüdische Bürger ausgedehnt haben. Präsident Hoovers Rosch-Haschanah-Botschaft an die amerikanische Judenheit Washington, 19. September. (JTA.) Anläßlich des bevorstehenden Roscli-Haschanahfestes hat Präsident Hoover durch die JTA. nachstehende Botschaft an die amerikanische Judenheit erlassen: Ich sende der loyalen und dem Staate ergebenen jüdischen Bevölkerung, die in den nächsten Tagen das Roseh-Haschanahfest feiern wird, meine herzlichen Glückwünsche. Das jüdische Volk hat durch zahllose unschätzbare Werke zum menschlichen Fortschritt beigetragen, unter diesen Werken ist ihr Beitrag zum geistigen Leben der Menschheit der bedeutendste. Alle Mitbürger ohne Unterschied von Stammes- und Glaubenszugehörigkeit vereinigen sich, um den Juden anläßlich des jüdischen Neujahrsfestes ihre freundschaftliche Gesinnung und ihre Glückwünsche zum Ausdruck zu bringen. Ruhe in Vadi Havarith Der Natinalfonds gibt den arabischen Siedlern Ersatzboden Jerusalem, 17. September. (JTA.) Wie das Hauptbüro des Nationalfonds mitteilt, ist die Ruhe in Vadi Havarith wieder vollkommen hergestellt. Die arabischen Okkupanten haben das Gebiet geräumt. Sie werden auf einem in der Nähe gelegenen 7000 Dunani großen Bodenkomplex vom Jüdischen Nalionalfonds als Pächter angesiedelt. Die jüdischen Siedler haben bereits mit der Arbeit in Vadi Havarith begonnen. Auf der im vorigen Monat stattgefundenen Tagung des Administrative Committee der Jewish Agency hat das Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, Dr. Maurice B. Hexter, einen Plan zur Ansiedlung von 1000 jüdischen Familien als Kleinbauern in dem Plantagengebiet der Küslenebene, vermutlich auf dem Boden von Vadi Havarith, vorgelegt. Die Kosten der Ansiedlung wurden mit 435 000 Pfund veranschlagt. Zu dieser Summe wird der Palestine Emergency Fund 59 000 Pfund beisteuern. 1.JI1L!_U_ | | | | Feuilleton | 11 j.LIIIJ 1 Till 11! im ii Die hohen Feiertage in Swislowitz *) (Aus dem ersten Band der Autobiographie von Schmarjahu Lewin: Kindheit im Galuth) Ohne zu begreifen, warum es so war, war ich als Kind sehr entrüstet darüber, daß nichts von der Erde den Juden gehörte, daß Gott die Wälder den Adeligen und die Felder den Bauern gegeben hatte. Oft erörterte ich diese Frage mit meiner Mutter, aber sie hatte eine Antwort, die aus der Ewigkeit geholt war: „Warte mein Kind. Der Messias wird kommen und wir werden sowohl Felder als Wälder haben.“ Meine Mutter glaubte fest daran. Ihr tiefer Glaube übertrug sich allmählich auf uns Kinder. Unser Glaube an den Messias entsprang unserem Glauben an unsere Mutter. In der Woche vor Neujahr sägte man uns, wir sollten nicht erschrecken, wenn wir mitten in der Nacht ein Pochen an der Türe hören würden. Das wäre der Weckruf zu den Nachtgebeten, mit denen man das neue Jahr begrüßte. Diese Nachtgebete waren nur für die Älteren, wir Kinder durften weiterschlafen, es ei denn, wir fühlten ein beson-' deres Verlangen, teilzunehmen. Natürlich sagte ich, daß ich mitkommen wollte. Ich hatte niemals einem Gottesdienst beigewohnt, der so zeitig am Morgen stattfand. In jener Nacht schloß ich kaum die Augen, aus Angst, den Weckruf zu verschlafen. Als ich ihn hörte, schlüpfte ich in meine Kleider und ging mit meinem Vater, meiner Mutter und meinem älteren Bruder zur Synagoge. Die Slichoth oder Gebete um Verzeihung machten einen viel tieferen Eindruck auf mich als die Klagegebete * Verlag: Harcourt, Brace and Co., New York, 1929. vom 9. Ab. Ich sah in der totenstillen Nacht die Synagoge vollgedrängt von den Juden der Stadt. Kein Nebukadnezar wurde in dieser Nacht erwähnt, kein ruchloser Titus. Nur Gott thronte über den Sternen, und zu ihm strömten unsere Gebete um Vergebung. Und alle Mystik, die in mir lebte, wurde wach und fand ihr Echo in diesen mitternächtlichen Gebeten. Zu Rosch Haschanah, dem Neujahrstag, kamen die Yischuwniks in die Stadt. So nannte man bei uns die Juden, die abgesprengt mitten in einem Dorfe oder einer Bauernsiedlung leben, fremdartige Gestalten in einer Welt, die nicht die ihre ist. Monate können vergehen, bevor sie das Gesicht eines anderen Juden erblicken. Nur zu den großen Feiertagen lassen sie ihre Arbeit ruhen und kommen in Scharen zu dem nächstgelegenen jüdischen Mittelpunkt. Bei diesem Anlaß wurden die Yischuwniks, die zu den Verwandten oder Freunden heimkehrten, in unserer Stadt mit echtester Gastfreundschaft aufgenommen. Wir taten unser Bestes, damit sie sich alle zu Hause fühlen sollten. In der Synagoge wurden ihnen die Ehrenplätze an der Ostwand angewiesen. Auch wir Kinder empfingen die Jüngsten aus den Wäldern voller Freundlichkeit. Wir gaben ihnen einige von unseren Spielsachen und lehrten sie unsere Spiele ... Und so wäre Neujahr ein sehr vergnügter Festtag gewesen, wenn man uns nicht vom Gerichtstag erzählt hätte. Dies war ja der Tag, an dem Gericht gehalten wurde. Gott saß auf seinem Thron, um-