Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 39 (26.9.1930)
- Date
- 1930-09-26
- Page
- Seite 547 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 Das Jüdische Echo 547 Die neue Synagoge, deren Eröffnung spätestens im Frühjahr stattfinden soll, ist für etwa 800 Personen gedacht und soll einem dringenden Bedürfnis der konservativen Bevölkerung des Nordwestens von Berlin entgegenkommen. Die neue Habimah-Premiere ein starker Erfolg Berlin, 16. September. (JTA.) Das hebräische Theater Habimah gab am 15. September abends im Theater am Nollendorfplatz zu Berlin die erste öffentliche Vorstellung von Shakespeares „Was Ihr wollt“ in der hebräischen Bearbeitung von S. Tschernichowsky und unter der Regie von Michael Tschechow. Das Spiel des berühmten Ensembles riß die Zuhörer zu Ausbrüchen der Begeisterung hin, es gab wiederholt spontanen Beifall auf offener Szene. Zum Schluß wurden die Mitglieder des Ensembles (S. Finkei, J. Rubinstein, Ch. Händler, A. Meskin, A. Baratz, B. Tschemerinski, R. Klatzkin, N. Benjamini, N. Viniar, T. Robbins-Harari), der Regisseur und der musikalische Bearbeiter (Ernst Toch) unzählige Male vor die Rampe gerufen. Die Kritiker stellen in ihren ersten Besprechungen in den Morgenausgaben der Zeitungen fest, daß das Habimah- Ensemble in diesem Shakespeare-Stiick, von dem Glanzaufführungen Berliner Bühnen noch in aller Erinnerung sind, einen Gipfel heiterer Darstellungskunst erreicht und alles bisher Gesehene überschattet hat. Fritz Engel schreibt im „Berliner Tageblatt“: „Ein Abend voll strömender Heiterkeit. Was Shakespeare hingezaubert, ein Fastnachtsspiel, wird ganz in naive, reiche Lustigkeit umgesetzt. Der Beifall war ganz groß.“ Monty Jacobs schreibt in der „Vossischen Zeitung“: „Ein glücklich gelungener Ausbruch der hebräischen Gruppe aus dem dunklen Ghetto, hinein in Shakespeares hellste Komödie ,Was ihr wollt4. Musik von Ernst Toch, Übermut, Tanzspiei aus eigener Kraft, Beifall der Berliner gewaltig.“ Maccabi gewinnt den Box-Pokai Berlin, 18. September. (JTA.) Im Saalbau Friedrichshain errang gestern der jüdische Boxklub Makkabi im Endkampf um den Box-Pokal, wie in Sportkreisen mit Sicherheit erwartet, den Sieg über den Sportklub Westen, den^Sieger von 1928. Auf der Seite des Makkabi zeichneten sich Meergrün, Ball, Batist und Veyner aus. Selstmord Hans Herzls Paris, 17. September. (JTA.) Hans Herzl, der einzige Sohn des Begründers der modernen zionistischen Bewegung Dr. Theodor Herzl, hat heute in Bordeaux, wo er zur Teilnahme an der Begräbnisfeier für seine vor einigen Tagen in einem dortigen Sanatorium verstorbene Schwester Pauline Hift-Herzl eingetroffen war, Selbstmord begangen. Kurz bevor die Begräbnisfeier hätte stattfinden sollen, hat sich Hans Herzl in seinem Hotelzimmer durch einen Revolverschuß entleibt. Über das unmittelbare Motiv zu diesem letzten Verzweiflungsschritt Hans Herzls ist bisher nichts bekannt geworden. Mit dem Freitod Hans Herzls endete ein an geistigen Verirrungen wie an tiefer menschlicher Tragik, aber auch an Begabung reiches Leben. Er war der Liebling seines Vaters Theodor Herzl, der ihm einige seiner feinsinnigsten und von tiefer Beobachtung der Kinderpsyche zeugenden Feuilletons gewidmet hat. Als Theodor Herzl starb, stand Hans noch im Knabenalter. Führende zionistische Persönlichkeiten übernahmen die Sorge für seine weitere Erziehung und brachten ihn in ein bekanntes Erziehungsinstitut nach England. Er hing anfangs durchaus den Ideen seines Vaters an und trug sich mit dem Gedanken, nach Palästina zu gehen und sich dem zionistischen Aufbau zu widmen. Allmählich erlag Hans Herzl einerseits gewissen antizionistischen Einflüssen seitens Familienangehöriger, anderseits Bekehrungseinflüssen katholischer Geistlicher. Eines Tages wurde die jüdische Welt durch die Meldung überrascht, daß Hans Herzl zum Katholizismus übergetreten sei. Aus Erklärungen, die er damals der Öffentlichkeit übergab, konnte man schließen, daß die katholische Missionsbewegung große Dinge mit ihm vorhatte; man wollte ihn zum Führer jener Bewegung des Neo-Katholizismus machen, die — um ihre Judenbekehrungsversuche aussichtsreicher zu gestalten — die Existenz des jüdischen Volkes, ja sogar eines national jüdischen Palästina, bejaht, aber eines jüdischen Volkes katholischer Konfession. Es scheint aber, daß diese Einflüsse nicht nachhaltig genug auf Hans Herzl wirkten, denn nach verhältnismäßig kurzer Zeit hörte man, daß er den evangelischen Glauben angenommen hat. Einige Monate später erklärte Hans Herzl, er sei aus der christlichen Kirche ausgetreten, bereue seine religiösen Irrungen, er fühle sich weiter als Jude. Seither lebte er in strenger Zurückgezogenheit, zeigte sich aber für jüdische und zionistische Dinge interessiert. Ein wirkliches Lebensziel scheint der einst vielversprechende, später aber in die Irre gegangene Mann nicht mehr gefunden zu haben. Paris, 21. September. (JTA.) Hans Herzl wurde am 19. September mit seiner verstorbenen Schwester Pauline in einem gemeinsamen Grabe auf dem jüdischen Friedhof von Bordeaux bestattet. Gemäß seinem letzten Wunsche wurden am Grabe keine Gebete gesprochen oder religiöse Zeremonien verrichtet. Das Prager Oberrabbinat provisorisch besetzt Prag, 19. September. (JTA.) Wie die JTA. erfährt, wurde das durch den Abgang Dr. Heinrich Brodys seit 1. September freigewordene Oberrabbinat Prags durch die Bestellung Dr. Aladar Deutschs zum Leiter der Agenda des Oberrabbinates provisorisch besetzt. Die Schwierigkeiten, einen Nachfolger für Dr. Heinrich Brody zu finden, lagen besonders in der sprachlichen Seite der Prager OK-rrabbinatsfrage. Für den Prager Oberrabbiner werden von der tschechischen Öffentlichkeit die Kenntnisse der Staatssprache gefordert. Dr. Aladar Deutsch, der im 62. Lebensjahr steht, ist in Miskolcz in Ungarn geboren, studierte an ungarischen Talmudhochschulen und kam im Jahre 1900 nach Prag, wo er Rabbiner am Jerusalem-Tempel wurde. Zur Entscheidung über religiöse Fragen und zur Aufsicht über die rituellen Institutionen Prags wird ein Dajan bestellt werden. Die antisemitischen Unruhen in Borscha vor Gericht M a r m a r o s - S z i g e t, 17. September. (JTA.) Der Generalstaatsanwalt von Marmaros-Sziget, Vasile Chindris, hat die Untersuchung über die antisemitischen Ausschreitungen in Borscha und in Sziget abgeschlossen und die Anklageschrift fertiggestellt. Diese umfaßt 62 maschinengeschriebene Seiten. Es wird gegen 86 Personen die Anklage erhoben. Unerwarteter Weise befinden sich unter den Angeklagten auch 17 Juden, gegen die wegen Gewalttätigkeit die Anklage erhoben wird, obwohl sich die Juden in einem Verteidigungszustand befunden haben. Hauptangeklagte sind Damila, die Priester Berinde und Dumitrescu, die Frau Berindes. Letztere wird beschuldigt, hinter den Kulissen die Ausschreitungen geleitet zu haben. Ihr wird auch der sogenannte Blutverlrag zwischen Antisemiten und Bauern zugeschrieben. Auch liahe sie persönlich an