Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 39 (26.9.1930)
- Date
- 1930-09-26
- Page
- Seite 546 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9239746--11174-9223237- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
546 Das Jüdische Echo Nr. 39 und zwar unsere Führer einzeln abzuschießen. Wenn auch nur ein einziger Führer fällt, werden wir mit einem Pogrom antworten. Die Richtigkeit dieses Berichtes ist bisher von nationalsozialistischer Seite nicht angezweifelt worden; die den Nationalsozialisten nahestehende Deutsche Zeitung“ gibt ebenfalls den Bericht wieder. Hakenkreuzterror im Autobus Berlin, 16. September. (JTA.) „Vorwärts“ berichtet: Tatenlustige Hakenkreuzler, die am Montag morgen gegen 2 Uhr mit dem Autobus der Linie 5 von ihrer Siegesfeier aus dem Sportpalast kamen, leisteten sich beim Umsteigen in den Autobus der Linie 4 an der Haltestelle Leipziger Straße einen unerhörten Eingriff in d<e persönliche Freiheit: sie bemerkten beim Einsteigen in den Autobus 4 einen jüdisch aussehenden Herrn und erklärten sofort, daß sie „nicht gemeinsam mit einem Juden im Autobus fahren“ würden. Sie vollführten einen wüsten Spektakel. Der Autobusführer zeigte sich Hakenkreuzlern leider willfährig, erklärte, nicht weiterfahren zu können und veranlasste den Angegriffenen, den Autobus zu verlassen. Erst nachdem er dieser Aufforderung nachgekommen war, fuhr der Autobus weiter. Der skandalöse und empörende Vorfall spielte sich vor einer großen Menschenmenge ab. ,,Es ist unbegreiflich“, schreibt ,Vorwärts4 weiter, „wie der Schaffner dem Terror der Hakenkreuzler Vorschub leisten konnte. Anstatt sein Hausrecht eventuell unter Schutz der Polizei zu wahren und die siegestrunkenen Goebbelsleute zurechtzuweisen, hat er einem Wehrlosen das Recht genommen, ein öffentliches Verkehrsmittel zu benutzen. Es wird Sache aller anständig denkenden Menschen sein, solche Angriffe auf die persönliche Freiheit gemeinsam zurückzuweisen, da noch immer die gewaltige Mehrheit der Berliner Einwohner die öffentlichen Verkehrmittel benutzen muß —■ sie können sich nicht wie Herr Goebbels, einen schweren und großen Mercedeswagen leisten.“ Nationalsozialisten in einer Synagoge Frankfurt a. M., 21. September. (JTA.) In eine kleine Frankfurter Synagoge war während des Gottesdienstes eine Gruppe Nationalsozialisten eingedrungen, die „Heil Hitler“-Rufe ausstießen. Die Rowdies konnten von der herbeigerufenen Polizei nicht mehr erwischt werden. Dreieinhalb Monate Gefängnis für nationalsozialistische Rohlinge Berlin, 21. September. (JTA.) Das Lübecker Schöffengericht hat zwei Nationalsozialisten, einen zwanzigjährigen Bäcker und einen neunundzwanzigjährigen Schlosser, zu je drei Monaten und zwei Wochen Gefängnis wegen schwerer Mißhandlung verurteilt. Beide hatten einen jüdischen Oberprimaner, der in Begleitung seiner Kusine auf dem Heimweg war, beschimpft und mißhandelt. Aus der jüdischen Weift Einweihung der neuen liberalen Synagoge in der Prinzregenten-Straße Berlin, 16. September. (JTA.) Am 16. September fand in Berlin die Einweihung der neuen nach den Plänen von Regierungsbaumeister Beer erbauten Synagoge in der Prinzregentenstraße statt. Zu der eindrucksvollen Feier waren weit über 2000 Personen erschienen, von denen ein Teil keinen Einlaß mehr finden konnte. Ansprachen hielten der Schöpfer des Neubaus, Regierungsbaumeister Beer, Direktor Georg Kareski, Direktor Wilhelm Kleemann, Kammergerichtsrat Leo Wolff, Rabbiner Dr. Bergmann, die Festpredigt Rabbiner Dr. Baeck. Das neue jüdische Gotteshaus, das zweitgrößte Berlins, ist nach der Meinung aller Sachverständigen mit seinen edlen Proportionen ein Meisterwerk moderner Sjmagogenbaukunst. Die klar und übersichtlich gegliederte Fassade, überwiegend in Backsteinhau ausgeführt, wird von einem mächtigen Mittelrisalit zwischen zwei zurücktretenden Seitenflügeln beherrscht, welcher die durch drei Stockwerke reichende, gegen die Straße durch drei schlanke Rundbogenöffnungen abschließende Vorhalle birgt. Eia auf diesen Mittelbau gesetzter etwas verschmälerter Aufbau trägt eine große Fensterrosette, die von Maßwerk unter Zugrundelegung des Magendavidmotivs, ausgefüllt ist und die dahinter liegende zweite Empore erhellt. Der Innenraum, welcher 2000 feste Plätze auf weist und die Aufstellung von weiteren 300 Notsitzen ermöglicht, hat kreisrunden Grundriß. Hohe Pfeiler, zwischen denen durch langgestreckte Fenster aus buntem Kunstglas das Tageslicht gedämpft einfällt, tragen einen rund umlaufenden Architrav, Basis einer gewaltigen Kuppel von 30 Meter Spannweite, der größten Berlins. Die Empore, in ihren Seitenteilen als Frauenabteilung, im mittleren Teil als Abteilung für Frauen und Männer gedacht, ragt frei in den Raum. Kanzel, Thoralade und das. aus frei angeordneten klingenden Stimmen gebildete Orgelwerk sind in ein architektonisches Ganzes zusammengefaßt, das sich durch dunkelgraule Marmorverkleidung und sonstige reichere kunstgewerbliche Ausstattung von dem übrigen Raum abhebt. Der Raum macht mit seinem hellockerfarbenen Verputz, der nur gegen die Kuppel zu durch pastellblau und grau gehaltene Ornamente belebt wird, einen schlichten und würdigen Eindruck. Die Tagesbeleuchtung durch die Seitenfenster wird unterstützt durch eine Reihe von kleinen Rundbogenfenstern in der Kuppel selbst, die ornamental eingefaßt sind, und durch eine große verglaste Lichtöffnung an ihrem Scheitel. Die Nische, welche die Thoralade1 aufnimmt, ist gegen den Versammlungsraum durch einen im Boden versenkbaren eisernen Vorhang abschließbar, wodurch die Benützung der Synagoge als Versammlungsort der Gemeinde auch außerhalb des Gottesdienstes ermöglicht wird. Die Kandelaber aus massiver Bronze, die die Thoralade flankieren, wurden von Professor Rämisch entworfen, die Thoravorhänge nach Entwürfen von Regierungsbaumeister Beer in den Kunstgewerbesluben Bleichrode und Franz Lehmann hergestellt. Aus dem Vorsaal gelangt man rechts durch einen kleinen Vorraum in die Wochentagssynagoge, links in den Trauungssaal, der durchwegs in Mattsilber und fraise gehalten, einen ungemein freundlichen Eindruck macht. Der Bau, der im Sommer 1928 begonnen wurde, hat einen Kostenaufwand von 1 200000 RM. erfordert. Feierliche Grundsteinlegung für die konservative Gemeinde-Synagoge in der Agricolastraße Berlin, 17. September. (JTA.) Die Jüdische Gemeinde Berlin legte heute im Tiergartenviertel in der Agricolastraße den Grundstein zu einer neuen konservativen Synagoge. Zu der Feier hatten sich die Berliner Gemeinderabbiner, die Herren der Verwaltung und eine außerordentlich große Zahl von Bewohnern des Berliner Nordwestens versammelt. Die Weiherede hielt Rabbiner Dr. Freimann, der besonders warme und herzliche Töne fand. Für den Gemeindevorsland sprach dessen Vorsitzender Direktor Georg Kareski.