Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1930-09-26 · 39 (26.9.1930) · p. Seite 544

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
39 (26.9.1930)
Date
1930-09-26
Page
Seite 544 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103085-9239746--11172-9223235
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

544 Das Jüdische Echo Nr. 39 zwecke nötige Geheimfonds verfügt, die es nach Gutdünken verwenden kann, ohne jemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Wie die Erhebung dieser Kriegssteuer praktisch im einzelnen durchgeführt werden soll, mögen Finanzsachverständige entscheiden; wenn man nur will, lassen sich alle Schwierigkeiten leicht beseitigen. Die Beteiligung und Mitwirkung der offiziellen Stellen würde sich aber noch in anderer Richtung günstig auswirken. Wenn vom Rabbinait. oder der Vorstandschaft einer großen Kultusgemeinde, von einer Landes- oder Reichsrabbinerkonferenz, vom bayerischen oder preußischen Gemeindeverband Entgegnungen auf die Anwürfe unserer Feinde, Beschwerden und Klagen gegen ihre haßerfüllten Anschuldigungen erfolgen, so wird ihnen, als von offizieller Seite ausgehend, überall, auch bei unseren Feinden, immerhin eine etwas andere Bedeutung und Beachtung zuteil werden, als wenn private Vereine, wie der „C.V.“ und der „Abwehrverein“, dazu Stellung nehmen. Man komme nicht mit der leider immer noch so verbreiteten Leise»treterei, mit den üblen Eigenhemmungen und der verklausulierten Entschuldigung, daß wir überhaupt auf der Welt sind, und erhebe nicht den Einwand, daß offizielle Persönlichkeiten und Körperschaften sich von Politik fernzuhalten haben. Gewiß, in der innerjüdischen Politik sollen Rabbiner und Gemeindevertretung genau so neutral sein wie Staatsoberhaupt und Regierung in Fragen der staatlichen Innenpolitik; aber im Kampf nach außen haben sie nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, für die Gesamtheit, die sie vertreten, sich einzusetzen, und so wenig man jemals dem Reichspräsidenten und der Reichsregierung verwehren wird, gegenüber Deutschlands Feinden Deutschlands Rechte zu wahren, unbeschadet ihrer Neutralität in der Innenpolitik, ebensowenig kann man etwas daran finden, wird es vielmehr als Recht und Pflicht ansehen, wenn Rabbiner und Gemeindevertretung für jüdische Interessen gegenüber unseren Feinden eintreten, gleichviel wie sie sich zu Orthodoxie, Liberalismus, Zionismus usw. stellen. Das hat nichts mit Parteilichkeit, mit Innenpolitik zu tun; im Kampf nach außen, im Krieg gegen unsere gemeinsamen äußeren Feinde gehören die offiziellen Führer in offizieller Eigenschaft an die Spitze unserer Einheitsfront, nicht Privatvereine mit noch so guten Absichten. Bei den christlichen Bekenntnissen ist dies schon immer der Fall; wenn Angriffe gegen Katholiken oder Protestanten als solche stattfinden, dann erfolgt die Zurückweisung durch kirchliche Behörden und amtliche Vertretungen, nicht oder mindestens nicht ausschließlich durch Vereine. Warum nicht auch bei uns Juden? In der hiesigen Gemeindeverwaltung stand diese Frage kürzlich zur Diskussion; aus Gründen, die in der Öffentlichkeit nicht näher bekannt geworden sind, wurde sie abgelehnt. Man scheint wieder einmal, wie des öfteren schon in der Geschichte der hiesigen Kultusgemeinde — siehe Zionismus, Orthodoxie, Logengründung, Schule —, das Gebot der Stunde nicht erkannt zu haben und will lieber zuwarten, bis die Forderungen des Tags, allen Widerständen zum Trotz, sich von selbst durchsetzen. In Berlin ist man hellhöriger, da beteiligt sich, wie schon kurz erwähnt, die Gemeindevertretung an der gemeinsamen Abwehr-Aktion der jüdischen Organisationen. Das Aufgeben der bisherigen veralteten Kampfmethoden und ihr Ersatz durch neue, der veränderten Kriegslage angepaßte Mittel und Wege, verlangt aber auch, daß die früher bewährte, nunmehr überalterte Führung durch frische Kräfte abgelöst wird. Nicht die vielen Kommerzien- Justiz-, Sanitäts- und andere Räte, nicht lauter Frauen in reifen, in überreifen Lebensjahren* nicht in allen Organisationen und Vereinen diegleichen Männer und Frauen, gehören an die Spitze, sondern vor allem die Jugend, die bisher fast ganz fehlt und deren Einfluß, wie leider in so vielen jüdischen Angelegenheiten, bisher gleich null ist. Da können, wir von unseren Feinden lernen; die Stoßkraft ihrer Organisationen beruht nicht zum wenigsten darauf, daß sie die Jugend mitzureißen und zu begeistern verstehen, daß sie der Jugend auch führende Stellungen einräumen, selbst auf die Gefahr hin, vielleicht sogar mit dem Wunsch, daß die Jugend in überschäumendem Betätigungsdrang gelegentlich über das Ziel hinausschießt. Wo sind unsere jüdischen Studenten, deren Zukunft doch ein gut Teil des Abwehrkampfes gilt? Besteht ihre Aufgabe wirklich nur darin, darauf bedacht zu sein, daß die jüdischen Verbindungen bei festlichen Anlässen mitchargieren dürfen oder beim Kampf um den Asta mehr oder weniger aktiv sich zu beteiligen? Da sollen sie sich an ihren christlichen Kommilitonen ein Beispiel nehmen, die im politischen Leben, nach alter Tradition, stets in vorderster Linie stehen. Wo sind unsere jüdischen Turnvereine, die in der körperlichen Betätigung so Hervorragendes leisten? Bei vollster Wahrung ihrer Neutralität in innerpolitischen jüdischen Fragen müssen sie sich im Krieg gegen den gemeinsamen äußeren Feind jüdischer Interessen annehmen; haben doch bekanntlich gerade Turnvereine, ähnlich wie Schützen- und Gesangvereine, in sturmbewegten Zeiten stets eine große Rolle gespielt. Wo bleiben unsere jüdischen Frontsoldaten, die nicht immer nur als Paradestücke vorgeführt werden sollten, sondern in allererster Linie berufen wären, gleich dem Stahlhelm u. ä., die Führung zu haben? Sowohl in jüdischen Organisationen, als auch in jeder Kommunal-, Land- oder Reichskörperschaft, wo es möglich ist, Juden durchzubringen, müßten vor allem ehemalige Frontkämpfer als Kandidaten aufgestellt werden, schon damit sie als lebender Gegenbeweis gegen die bekannten Anwürfe unserer Feinde auftreten könnten; und im; Abwehrkampf wäre dies taktisch viel wichtiger und richtiger, als in der Hauptsache immer auf Großkaufleute und Bankdirektoren, Rechtsanwälte und andere Akademiker zurückzugreifen, deren Judentum und Interesse für jüdische Angelegenheiten mitunter recht fadenscheiniger Natur ist. Man höre endlich einmal auf, immer nur die reife Lebenserfahrung und zugleich damit die „höhere Bildung“ und die gehobene soziale Stellung als Voraussetzung für die Vertretung jüdischer Interessen anzusehen, man lasse vielmehr auch die Jugend und den einfachen Mann aus dem Volk zum Wort und zu einer führenden Stellung kommen, wie es unsere Feinde in geradezu vorbildlicher Weise zu tun verstehen, u. a. beispielsweise im deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandr eine ähnliche jüdische Organisation mit gleich einflußreicher Machtstellung in der jüdischen Innenpolitik ist unter den derzeitigen jüdischen Verhältnissen und Anschauungen undenkbar. Mehr Demokratie, wie wir Juden sie in der allgemeinen Politik so sehr verlangen, müßte auch in der inneren jüdischen Politik herrschen, nicht die übliche Oligarchie, die nur willige Getreue aus Freundes¬ und Familenkreis aufkommen läßt, nicht der so weit verbreitete Nepotismus, der häufig ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.