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Das jüdische Echo · 1930-09-26 · 39 (26.9.1930) · p. Seite 543

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
39 (26.9.1930)
Date
1930-09-26
Page
Seite 543 (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 39 26. September 17. Jahrgang Neuorganisation der Hbwehr Aus Nürnberger nichtzionistischen Kreisen gehen uns die folgenden Ausführungen zu, die wir als Eröffnung einer Aussprache über dieses heute besonders aktuelle Thema betrachten und deshalb veröffentlichen, ohne vollständig mit ihnen einverstanden zu sein. Zu ihren Grundgedanken werden wir uns selbst noch äußern. Die Red. Vor Jahresfrist erschien im „Hamburger Familienblatt“ (1929, Nr. 31) ein Aufsatz von Leo Kreindler, der sich eingehend mit dem aktuellen Thema beschäftigte, ob die bisherigen Methoden des Abwehrkampfes gegen den Antisemitismus richtig sind und ob nicht neue Wege eingeschlagen werden müssen. Kreindlers Ausführungen haben viel Zustimmung gefunden, eine große Anzahl gleichgesinnter weiterer Veröffentlichungen haben sich angeschlossen, deren Verfasser unzufrieden mit den bisherigen Methoden und unbefriedigt von den bisherigen Erfolgen — besser: Mißerfolgen — alle die Notwendigkeit einschneidender Veränderungen betonen. Sehr tief blicken läßt, daß sogar in der „C.-V.-Zeitung“ gelegentlich ähnliche Stimmen, wenn auch etwas schüchtern, sich vernehmen lassen, besonders aber, daß man in Berlin ein Zusammengehen von Zionisten, Nicht- Zionisten, Gemeinde- und Logenvertretern zur gemeinsamen Abwehrarbeit anstrebt. Der Abwehrkampf interessiert und bewegt uns bayerische Juden vielleicht noch viel mehr als die in anderen Gegenden Deutschlands; denn gerade bei uns hat sich ja leider so vieles von Grund aus gegen früher geändert. Zur Zeit unseres „guten, alten Risches“ erfreuten wir uns unter einer Regierung, die ohne weitere Bindungen stark klerikal-partikularistisch eingestellt war, mancher wohlwollenden Sympathie bis in die höchsten Kreise hinauf und hatten im großen und ganzen wenig Anlaß zu Klagen; das ist jetzt anders geworden und wo man sich einstens über die harmlose Preußen- und Judenfresserei des Siglschen „Vaterlandes“ amüsierte, haust heute der zügelloseste, wütendste Antisemitismus, der sich besonders in der Hitlerstadt München und in der Hakenkreuzlermetropole Nürnberg, aber auch in vielen anderen Städten und kleinsten Ortschaften ungehemmt austoben kann. Die Art des Judenhasses, der Judenverfolgung, ist anders geworden. Früher richteten einzelne Personen und Gruppen gegen das Judentum als Ganzes theoretische Anfeindungen und Angriffe, heute handelt es sich um einen Kampf großer Bevölkerungskreise, ganzer Bevölkerungsschichten, nicht nur gegen die gesamte Judenheit, sondern gegen den e i n z el n e n Juden; das Ziel ist nicht mehr allein die Gleichberechtigung aller Juden zu beseitigen, die gesetzlich festgelegten staatsbürgerlichen Rechte der G e s a m t judenschaft zu verkürzen, sondern noch viel mehr, die wirtschaftliche Existenz des einzelnen Juden zu untergraben, zu vernichten, ihn aus dem im Wettbewerb im Kampf ums Dasein auszuschalten und unschädlich zu machen. Dieser Zustand hat dazu geführt, daß wir heute nicht mehr politische Gegner, sondern haßerfüllte Todfeinde vor uns haben, daß ein offener Kriegszustand zwischen uns und jenen besteht, ein uns aufgedrängter Kriegszustand zwischen zwei ungleichen Mächten, leider auch mit ungleichen Waffen; der Angreifer wendet skrupellos jedes Mittel, erlaubt oder unerlaubt, an, von dem er sich Erfolg verspricht, der Angeriffene scheut sich, gleiches mit gleichem zu vergelten, bescheidet sich in seiner Abwehr und Verteidigung auf das, was ihm Ethik und Moral, Kultur und Bildung, Staat und Religion gestatten, betont dabei entrüstet die Niedrigkeit und Gemeinheit der schmutzigen Anwürfe, erklärt diese oft für zu erbärmlich, um sie überhaupt zu widerlegen, läuft gelegentlich einmal zum Kadi, wenn es zu arg wird, und wartet im übrigen meistens ab, ob der Feilid es nochmals wagt, seinen Dreckkübel über uns auszuschütten, obwohl für uns der Satz nicht gilt: „Wenn man dich auf die rechte Backe schlägt, so reiche auch die linke dar.“ Diese Abwehrmethoden mögen früher berechtigt gewesen sein, früher sich bewährt, vielleicht auch zu manchem befriedigenden Erfolg in der Stille oder in der Öffentlichkeit geführt haben; heute, wo die Kampfart unserer Feinde, ihre Kriegsführung, ihre Kriegsziele gegen den einzelnen und gegen die Gesamtheit andere geworden sind, wo ihre Angriffe rücksichts- und schonungslos erfolgen, müssen auch w i r zu anderen Abwehr- und Verteidigungsmitteln greifen, müssen wir die milden Methoden von anno Dazumal verlassen, weil sie nicht mehr am Platze, weil sie veraltet sind. — Wollen wir unsern Verteidigungskrieg mit einiger Aussicht auf Erfolg führen, so gehört dazu, wie bekanntlich zu jedem Krieg, vor allem Geld, Geld und wiederum Geld. Kreindler verlangt ganz richtig, daß die offiziellen jüdischen Organisationen die Führung im Kampfe übernehmen sollen, nicht wie bisher die zu diesem Zweck gegründeten Vereine. Die Großgemeinden, die Landesverbände, der zukünftige Reichsverband, könnten dann ohne weiteres ein paar Prozent Zuschlag zu den Steuersätzen erheben, als Kriegssteuer, zur Gründung eines Kampffonds; dann werden die beweglichen Klagen über zu geringe Geldmittel verstummen und ganz andere Beträge hereinkommen als jetzt, wo jeder von uns widerwillig und nur unter einem moralischen Zwang ein paar Mark an den Abwehrverein zahlt und damit etwas besonders Großes geleistet zu haben glaubt, obwohl — das können wir offen sagen —. bei allen der Beitrag weit hinter ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit zurückbleibt; dann wird man auch nicht mehr nötig haben, drei bis vier Wochen vor den Wahlen mit der Sammlung von Geldern für Wahlzwecke zu beginnen. Die Verwendung solcher Gelder, zu welchen noch freiwillige Spenden kommen könnten, müßte natürlich der obersten Leitung der Abwehrbewegung überlassen bleiben, genau so wie jedes Kriegs- und Wehrministerium über gewisse, für Verteidigungs-

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