Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 38 (19.9.1930)
- Date
- 1930-09-19
- Page
- Seite 530 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9239729--11155-9223219- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
530 Das Jüdische Echo Nr. 38 sächlich ein Mittelistandsvolk, und in allen Wirtschaftskrisen ist es gerade der Mittelstand, der die Wirkungen der schlechten Zeiten am allerersten zu fühlen bekommt. Besonders empfindlich war die Tatsache der Krise in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Judenheit; Amerikas trug in den letzten Jahren die Hauptlast aller Wohlfahrts¬ und Aufbauaktionen für die jüdischen Massen in Oisteuropa. Das großartige Hilfswerk des Joint, die Tätigkeit der verschiedenen interterritorialen jüdischen Organisationen wurden von Beiträgen gespeist, die die amerikanischen Juden geleistet haben. In dem Augenblicke jedoch, wo nach einer Periode unerhörter Wohlfahrt in Amerika ein Rückschlag einsetzte, hörte die Opferfreudigkeit der amerikanischen Juden zum großen Teile auf. Die Leidtragenden waren die bedürftigen Juden Osteuropas, waren die großen Aufbauarbeiten in Palästina und auch in anderen Teilen der Welt, die gerade in diesem Jahre der Not am allermeisten auf die Förderung durch die amerikanischen Juden angewiesen waren. Leider kann man hinsichtlich der Weltwirtschaftskrise am Ausgang des Jahres nicht so hoffnungsvoll sein wie bezüglich der politischen Entwicklung im Zusammenhang mit dem Aufbau des jüdischen Palästina. Kein Mensch kann sagen* wann die Konjunkturen der Welt sich bessern, wann eine Beruhigung eintreten und wann die arg gestörten Arbeiten der großen jüdischen Hilfswerke wieder im alten Umfange ihre Fortsetzung finden werden. Ein besonderer Abschnitt muß der Lage der Juden in Deutschland gewidmet werden. Im' abgelaufenen Jahre wurde es der deutschen Judenheit klar, daß sie in unzerreißbarer Schicksalsgemeinschaft mit den Juden der ganzen Welt verbunden ist. Neben die moralische, politische und geistige Not der deutschen Judenheit trat auch etwas in Erscheinung, was man nicht für möglich gehalten hätte: das Auftreten einer wirtschaftlichen Judenfrage innerhalb der deutschen Judenheit. Alle Probleme, die dem Kenner der jüdischen Verhältnisse aus den Erfahrungen in den Ländern von Osteuropa vertraut sind, tauchen jetzt auch in der deutschen Judenheit auf. Fragen der Berufsumschichtung, Fragen der wirtschaftlichen Zukunft drängen sich auf und verlangen gründliches Studium und Mittel zur Lösung. Dazu kommt der ins Ungemessene gesteigerte Judenhaß weiter Schichten der nichtjüdischen Bevölkerung. Im öffentlichen Leben ganz Deutschlands spielt die Judenfrage eine außerordentliche Rolle, und das Fatale an dieser Erscheinung ist, daß sie für die Nichtjuden eine nebensächliche Angelegenheit ist, während sie für uns Juden ein’ zentrales lebenswichtiges Problem darstellt. Wir können diese kurze Übersicht nur mit der Hoffnung schließen, daß da's kommende Jahr 5691 eine Entspannung bringe und daß es gelingen möge, aus dem Knäuel der Schwierigkeiten herauszukommen und glücklicheren Tagen entgegenzuschreiten. m. w. Hitler — der Sieger Daß Hi Iler der Sieger der Reichstagswahl sein würde, konnte keinen Kenner der Verhältnisse überraschen; daß aber die Nationalsozialisten sechseinhalb Millionen Wähler in Deutschland finden würden, ist doch ein Ergebnis, das auch die schlimmsten Erwartungen noch bei weitem übertrumpft. 107 Nationalsozialisten im Reichstag — ein Fünftel aller Volksvertreter, wenn man die Deutschnationalen hinzurechnet, was nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten ist, über ein Vierlei ausgesprochen antisemitisch — es ist nicht auszumalen, was diese Tatsache für die deutschen Juden bedeuten kann. Eine Untersuchung darüber anzustellen, wie dieses fürchterliche Ergebnis Zustandekommen konnte, wie dieser völlige Zusammenbruch aller bürgerlichen Parteien mit Ausnahme des Zentrums und der bayerischen Volkspartei möglich war und wie insbesondere die Agitation der Nationalsozialisten so viele der bisherigen Nichtwähler an die Urne zu bringen vermochte, wäre sicherlich sehr notwendig; so viel sie im einzelnen klären könnte, auch sie könnte die Lehren dieses Wahltags nicht mehr eindringlicher machen als sie schon sind und die man ganz kurz dahin fassen kann: die deutschen Juden müssen zur Kenntnis nehmen, daß ein gutes Viertel der deutschen Revölkerung allen Ernstes glaubt, durch eine Vernichtung der 540 000 deutschen Juden so gut wie alle deutschen Nöte lösen zu können; sie müssen zur Kenntnis nehmen, daß auch dein übrigen Teil der deutschen Revölkerung, wie die nach den Wahlen geführten Verhandlungen beweisen, das Schicksal der deutschen Juden einigermaßen gleichgültig ist und sie dürfen sich auch nicht länger verhehlen, daß die bisherigen Abwehrmethoden, so gut sie gemeint sind, dennoch gegenüber der Sturmflut der antisemitischen Bewegung völlig wirkungslos bleiben. Der ganze Aufwand, der auch jetzt wieder entfaltet wurde, ist nutzlos vertan; es ist prinzipiell wirklich kein Unterschied mehr, oh die antisemitische Fraktion aus 107 oder 108 oder gar 110 Köpfen besteht. Diese Erkenntnisse müssen sehr pessimistisch stimmen; leider ist zum Optimismus auch nicht mehr der geringste Anlaß vorhanden. Man tröstet sich freilich mit der Hoffnung auf eine Koalition des Zentrums mit den Sozialdemokraten, wobei man vorausselzt, daß alle Gruppen rechts vom Zentrum bis zu den Deutschnationalen ihre Mitwirkung nicht versagen und man tröstet sich mit der Versicherung, daß der 14. September Hitlers größter Tag gewesen sei, daß dem Aufstieg ohnegleichen nun auch ein rascher Abstieg folgen müsse. Was zunächst die Überlegung anlangt, daß die Nationalsozialisten auf keinen Fall noch mehr Anhänger gewinnen könnten, so scheint sie durch die Ergebnisse der Reichstagswahl in Thüringen widerlegt. Was hat man nicht alles — und mit Recht — über die Mißwirtschaft Fricks in Thüringen geschrieben, wie sehr und wie oft hat man uns nicht versichert, daß jetzt auch den Verhetztesten die Augen auf gehen müßten und wie ist es in Wirklichkeit geworden. Auch in Thüringen konnten die Nationalsozialisten ihre Stimmenzahl gegenüber der letzten Landtagswahl noch verdoppeln und bei einer Neuzusammensetzung des thüringischen Landtags würden sie trotz oder wegen der famosen Leistungen ihres Ministers Frick ihren Einfluß noch weitaus verstärken. So ist die Frage, ob die antisemitische Bewegung in Deutschland ihren Höhepunkt erreicht oder bereits überschritten hat, unserer Ansicht nach noch durchaus offen; jedenfalls wird es besser sein sich nicht Illusionen in dieser Beziehung hinzugeben. Bleibt die Hoffnung auf die große Koalition fast sämtlicher bürgerlichen Gruppen links von den Deulschnationalen mit den Sozialdemokraten. Sie kann gelingen, obwohl sie nicht leicht sein wird und obwohl sie gerade das von den deutschen Politikern fordert, was sie, wie die letzten Jahre bewiesen haben, am wenigsten besitzen, die Fähigkeit, auf Parieikram zu verzichten und konstruktiv politisch zu denken. Aber auch in diesem Falle bleibt die Situation bedenklich; es entsteht nämlich die Frage, oh ein Reichstag mit einer Opposition von 107 Nationalsozialisten, 41 Deutschnationalen und 75 Kom-