Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 38 (19.9.1930)
- Date
- 1930-09-19
- Page
- Seite 529 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 38 19. September 17. Jahrgang Ein Jahr der Prüfungen Das Judenjahr 5690, Tarz, das in einigen Tagen zu Ende geht, ist für die jüdische Gesamtheit in der ganzen Welt ein Jahr der schweren Prüfungen gewesen. Wenn man die Leidensgeschichte des jüdischen Volkes in den letzten 1800 Jahren vor sich vorüberziehen läßt, so ist, im Grunde genommen,, kein einziges Jahr als gut und glücklich zu bezeichnen gewesen. Jüdische Erfolge bis vor 100 Jahren bestanden höchstens darin, daß es gelang, drohendes Unheil zu verhüten, Anschläge der verschiedenen Hamane aller Völker zunichte zu machen und sich mit einem blauen Auge durch die Not der Zeiten zu retten. Mit dem Beginne des freiheitlichen Zeitalters nach der großen französischen Revolution begann für die Juden eine Epoche, in der sie manchmal wirkliche Erfolge buchen konnten. Die Emanzipation der Juden, wiewohl sie sich nicht auf das jüdische Volk, sondern auf die einzelnen Juden bezog, war ein derartiger Erfolg, und da diese Emanzipation nicht überall zu gleicher Zeit ausgesprochen wurde, sondern sich erst in jahrzehntelanger Entwicklung in den einzelnen Ländern durchsetzte, und da die Schicksals Verbundenheit der Judenheiten der ganzen Welt immer bestanden hat, So freuten sich im Laufe der Jahre die Juden allerorten über die Befreiung einzelner Teile der Judenheit in den verschiedenen Ländern. Das Zeitalter der Emanzipation und Gleichberechtigung der Juden war aber nicht ungetrübt; immer wieder gab es furchtbare Rückschläge, Judenverfolgungen,, Judenvertreibungen in abgewandelter Form, weniger roh und gewalttätig als im Mittelalter, aber immerhin dermaßen, daß die Juden niemals vergessen konnten, wie groß die Kluft zwischen ihrer Lage und der Völker ist, in deren Mitte sie leben. Der Weltkrieg und die Nachkriegsjahre bedeuten für die Judenheit stärken noch als für alle anderen Völker eine Erschütterung von ungeheuerem Ausmaß. Die ganze Struktur der jüdischen Gesamtheit wurde aufgewühlt. Der Krieg fcpielte sich zum großen Tele in Gebieten dichtester jüdischer Siedlung in Osteuropa ab und da sich die Stützpunkte der russischen Heere und der Armeen der Zentralmächte hauptsächlich in den Städten und Städtchen befanden, diese jedoch im Osten eine starke jüdische Bevölkerung aufweisen, wurde auch die jüdische Zivilbevölkerung von den Kriegsereignissen ‘stärker in Mitleidenschaft gezogen als die anderen Teile der Einwohnerschaft im Kriegsgebiete. Die Entstehung der neuen Staaten, die bevorstehende Massenauswanderung nach Übersee atomisierten zunächst die jüdische Bevölkerung und die ersetzende Periode neuer Konsolidierung brachte Verwirrung, Not und allerhand Mißstände mit sich. Es kamen die schrecklichem Pogrome in der Ukraine, die Unterdrückungen der Juden in Polen, Ungarn,, in der Türkei und die furchtbare Pauperisierung der in Sowjetrußland verbliebenen Teile des ehemals mächtigen russischen Judentums. Aber auch weiter westlich in Deutschland und in Österreich brandete eine Welle rücksichtslosen Judenhasses. In diesen Tagen bedeuteten die Erfolge, die die Juden in der internationalen Politik errungen hatten, die Erlangung der Balfour-Deklaration, die Zuerkennung der nationalen Minderheitenrechte in den einzelnen Ländern, einen Lichtblick. Der verstorbene große jüdische Schriftsteller und Kritiker Baal Machschowes (Dr. Eliaschow) schrieb in jenen Tagen; „Gott möge die Zionisten segnen, die die einzigen sind, welche in dem Zeitalter der größten jüdischen Not Heilsbotschaften für die jüdische Gesamtheit bringen.“ Tatsächlich waren die Errungenschaften der zionistisch-jüdischen Politik Erfolge der jüdischen Gesamtheit, wie sie seit Jahrtausenden nicht mehr den Juden beschieden waren. Eliaschow schrieb ferner, daß durch die Hoffnungen auf dals werdende Palästina ein Trost in das jüdische Leben gekommen sei, der es möglich mache, die traurige Gegenwart leichter zu ertragen. Das letzte Jahr aber brachte auch hinsichtlich dieser größten Errungenschaft der Juden in ihrer tausendjährigen Leidenszeit schwere Prüfungen. Die Ereignisse in Palästina, welche im Monate Aw des Jahres 5689 vorgekommen sind, wirkten sich im Jahre 5690 aus und dals ganze Jahr stand im Zeichen der Schwankungen, die sich an jene Ereignisse schlossen. Es kam die Shaw-Kommission, das neue Weiß-Buch der britischen Regierung, die Suspendierung der Arbeitereinwanderung und die Erschütterung des Vertrauens des jüdischen Volkes, in die guten Absichten der Mandatarmacht, die im Aufträge des Völkerbundes die Aufgabe übernommen hatte, die ewigen jüdischen Hoffnungen zu verwirklichen Die im Jahre 5689 geschaffene erweiterte Jewish Agency konnte unter solchen Umständen die erhoffte Wirksamkeit nicht entfalten. Das ganze Jahr stand im Schatten der Palästina-Ereignisse, und jede jüdische Partei und jede, jüdische Richtung, mochte sie sich zur Sache des Aufbauis eines jüdischen Palästinas bekennen oder ihr fernstehen, empfand die Entwicklung dieser Frage als die zentrale jüdische Angelegenheit. Das Ende des Jahres 5690 scheint den Anfang einer Beruhigung darzustellen. Der Bericht der Mandatskommission in Genf und die Erledigung dieses Berichteis vor dem Völkerbundsrate in den letzten Tagen,, bedeuten für die Sache des jüdischen Aufbaus zweifellos einen außerordentlichen Erfolg. Der Höhepunkt der Krise ist menschlicher Einsicht nach bereits überwunden, und die Tagungen des Zionistischen Aktionskomitees und des Administrativekomitees der Jewish Agency in Berlin waren von der Auffassung durchsetzt daß nach der Periode schwerer Enttäuschungen nunmehr die Möglichkeit einer allmählichen, ruhigen Arbeit gegeben ist. Das zweite Moment, durch welches das vergangene Jahr für die Judenheit in der ganzen Welt charakterisiert wurde, war die Weltwirtschaftskrise, von der alle Staaten betroffen wurden und die in ihnen lebenden Judenheiten in noch höherem Umfange als die anderen Teile der Bevölkerung. Denn die Juden sind überall in der Welt haupt-