Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 37 (12.9.1930)
- Date
- 1930-09-12
- Page
- Seite 516 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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516 Das Jüdische Echo Nr. 37 jenen typischen Fall des Selbstmordes aus Angst vor dem Tode, denn mit mehr als 10—12 Mandaten wäre die Partei, die in der deutschen Nationalversammlung noch etwa 90 Abgeordnete zählte, zweifellos nicht wiedergekommen. Diese Unterbrechung des normalen Entwicklungsganges kann für die deutschen Juden sich als eine höchst nützliche Sache erweisen, denn es zwingt sie, ihre Stellung zur deutschen Politik noch einmal durchzudenken. In den ersten Tagen nach der erfolgten Gündung der deutschen Staatspartei war im jüdisch-demokratischen Lager das Gefühl politischer Heimatlosigkeit ganz allgemein. Die Männer, die mit den Resten der Demokratischen Partei — ohne deren Arbeiterflügel — die neue Partei gründeten, kamen zum erheblichen Teil von ganz rechts, vom Antisemitismus, mindestens aber von einem wilden Nationalismus her, der den deutschen Juden ganz wesensfremd war. „Was bleibt uns übrig, als jetzt sozialdemokratisch zu wählen, obwohl wir Gegner des Sozialismus und der sozialdemokratischen Politik sind“, konnte man immer wieder hören. Soll das wirklich die Antwort der deutschen Juden auf eine von der Gunst der Stunde geschaffene Frage nach einer neuen. Orientierung sein? Ich sage: Nein. Wer Sozialist ist, für den ist das keine Frage mehr. Werglaubt, daß die abgekämpften „Demokraten“ in der Staatspartei die Kraft haben werden, sich neben den mit ganz anderer Aktivität ausgestatteten, straff organisierten Jungdoleuten führend zu behaupten, mag es mit der Staatspartei versuchen. Ich wende mich an die vielen deutschen Juden im Lande, die weder Sozialisten, noch Uber-Optimisten in diesem Sinne sind, und rufe ihnen zu: Vergeßt das Zentrum nicht! Ihr seid Republikaner, demokratisch, schwarzrot-gold! Schön, alle diese Dinge sind beim Zentrum gut aufgehoben, vielleicht sogar noch besser, als bei den Herren Mahraun und Abel. Ihr wollt keine Politik des wirtschaftlichen Scharfrichtertums, sondern einen vernünftigen sozialen Ausgleich. Das Zentrum muß, schon im Hinblick auf seine Arbeiterwähler und seinen Mittelstand, eine Politik führen, die eine schrankenlose Herrschaft des Großkapitals nicht zuläßt. Ihr wollt Ruhe, Ordnung, heraus aus den ewigen Krisen. Diese Politik liegt in der Linie, die die Zentrumsführer seit Monaten mit einer in Deutschland lange entbehrten Energie einhalten. Ihr wollt keine Diktatur, dann schafft eine starke Regierung, die handeln kann, sonst ist die Diktatur, wie jeder politisch Sehende wissen muß, unvermeidlich. Eine starke Regierung ist aber nur möglich auf der Grundlage eines arbeitsfähigen Parlaments. Nichts ist aber ein schlimmeres Hemmnis für diese Arbeitsfähigkeit als die Parteien-Zersplitterung. Schafft die starke Mitte, wenn wir ohne schwersten Schaden aus der politischen und wirtschaftlichen Krise herauskommen sollen. Deklamieren ist gut, handeln ist besser! Fragt Euch, wie Ihr diesen Zielen besser dienen könnt, über die Staatspartei, deren Chancen auf 25 bis 35 Mandate geschätzt werden, oder über das Zentrum, diesen in allen Stürmen unerschütterlichen Block der Mitte, ohne den bestimmt weder rechts noch links regiert werden kann. Und wenn Ihr Euch das als deutsche Staatsbürger klar gemacht habt, das wisset, daß Ihr als Juden bestimmt eine bessere Wahl nicht treffen könnt. Das Zentrum war seit Windhorst allezeit ein Anwalt der unterdrückten Minderheiten, schon weil es selbst den Dornenweg einer solchen lange Jahre gegangen war. Seine religiöse Grundlage führt ganz von selbst dazu, die Rechte religiöser Gemeinschaften zu achten und zu schätzen. Es ist kein Zufall, daß das Zentrum sich nirgends und nimmer an antisemitischen Bestrebungen beteiligt hat. Wenn heute ein nennenswerter Teil der deutschen Juden zum Zentrum gehen würde, so bedeutet das für niemand ein Opfer des Intellekts. Niemanden wird eine Verleugnung seines jüdischen Standpunktes zugemutet, in voller Würdigung der Abweichungen soll und kann eine weitreichende Interessengemeinschaft geschaffen werden. Wenn das Zentrum mit aller Entschiedenheit immer wieder seine religiöse Einstellung betont, so richtet sich dies ganz unzweideutig gegen die Ausschaltung des religiösen Elements aus dem öffentlichen Leben und bedeutet keineswegs eine Gegnerschaft gegen eine andere gesetzlich anerkannte'Religionsgemeinschaft. Mit diesem Motiv werden sich zahlreiche deutsche Juden restlos einverstanden erklären können, wie .dies ja auch seit Jahren in der Zugehörigkeit einer Reihe religiös eingestellter Juden zum Zentrum zum Ausdruck gekommen ist. Die Parteigrenzen sind flüssiger geworden. Noch ist die Entwicklung schwer übersehbar. Mögen erhebliche Teile der deutschen Juden diese Gelegenheit ergreifen, um die Wahrung ihrer Interessen einer politischen Partei anzuvertrauen, an deren gutem Willen kein Zweifel sein kann, und die nach der Entscheidung am 14. September unter allen Umständen die Kraft haben wird, die politische Entwicklung bestimmend zu beeinflussen. Staatspartei und jüdische Wähler Anläßlich einer Pressekonferenz beim Central- Verein über die kontmenden Reichstagswahlen gab Dr. Bruno Weil, der von der Staatspartei an aussichtsreicher Stelle im Wahlkreis Berlin als Kandidat aufgestellt wurde, folgende Erklärung über die Aufgaben eines jüdischen Abgeordneten im Reichstag ab: „Die Aufgaben, die im kommenden Reichstag eines selbstbewußten jüdischen Abgeordneten warten, werden meines Erachtens ganz besonderer Natur sein und sie lassen es mir unabweisbar erscheinen, daß von Seiten der jüdischen Wähler alles geschieht, um den Einzug eines sich bewußt zum Judentum bekennenden Abgeordneten zu ermöglichen. Ein außerordentliches Anwachsen der nationalsozialistischen Stimmen ist mit Sicherheit zu erwarten: damit werden sich judenfeindliche Zwischenfälle im Reichstage vervielfachen. Mehr oder minder ernstgemeinte Interpellationen werden gegen die deutschen Juden gerichtet werden. Anträge sind zu erwarten, die die mühsam erkämpfte Gleichberechtigung -der deutschen Juden bedrohen und darauf’ abzielen, sie unter Fremdenrecht zu stellen. Die Abwehr durch entschiedene und sachkundige Entgegnung eines jüdischen Abgeordneten wird daher nicht nur aus praktischer Erwägung notwendig sein, sie allein wird imstande sein können, das Ehrgefühl aller deutschen Juden zu beruhigen. In allen solchen Fällen würde ich selbstverständlich den Empfindungen, die jeden selbstbewußten Juden in solchen Situationen bewegen, entsprechenden Ausdruck verleihen und mir von meiner Fraktion die Ehrenstellung erbitten, antisemitischen Angriffen gerade als Jude entgegentreten zu dürfen. Von besonderer Bedeutung wird nach meiner Meinung für das Schicksal der deutschen Juden die Frage der Mehrheitsbildung im Reichstag sein.