Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 37 (12.9.1930)
- Date
- 1930-09-12
- Page
- Seite 515 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9239268--11137-9223202- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Nummer 37 12. September 17. Jahrgang ZUM WAHLTAG Der 14. September wird, das ist an dieser Stelle bereits ausgeführt worden, ein Tag der Entscheidung in mehrfacher Hinsicht auch für den deutschen Juden sein: ein Tag, der über die Zukunft des deutschen Judentums entscheiden kann und ein Tag, an dem sich der deutsche Jude zu entscheiden hat. Durch die Ausübung des Wahlrechts kann er sein Schicksal mitgestalten — dieser Pflicht und dieser Verantwortung darf er sich nicht entziehen, wie im übrigen seine Entscheidung auch fällt, die vorwiegend nach weltanschaulichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu treffen sein wird, bei der aber auch das jüdische Moment nicht unbeachtet bleiben darf. Es kann und darf nicht Aufgabe des „Jüdischen Echos“ sein, für eine bestimmte Partei Propaganda zu machen — wir hoffen aber, daß die nachfolgenden Erörterungen, die die Probleme der Wahl von bestimmten Parteien her aber mit Berücksichtigung der jüdischen Fragen behandeln, nicht nur Klarheit darüber schaffen, welche Parteien ein Jude wählen kann, sondern auch darüber, daß jeder jüdische Wähler unter allen Umständen wählen muß. Die Redaktion. Politische Neuorientierung der deutschen Juden Von Georg Kareski Berlin, 8. September. (JTA.) Herr Georg Kareski, Präsident der Jüdischen Gemeinde Berlin, den die Zentrumspartei auf ihre Berliner Reichstagskandidatenliste gesetzt hat, übergibt der Jüdischen Telegraphen-Agentur auf ihr Ersuchen das folgende Expose, das die Überschrift „Politische Neuorientierung“ trägt: Die Gegner des Judentums pflegen fast stets als Haupttrumpf gegen die Juden die Behauptung auszuspielen, die Juden wären traditionslos, allen Neuerungen kritiklos zugewandt, zersetzend, revolutionär. Wir Juden können über diesen Vorwurf nur immer wieder staunen. Was will es schon besagen, wenn in der Tat bei den politischen und sozialen Bewegungen der letzten Jahrzehnte vereinzelte Juden eine Rolle gespielt, einige wenige Juden sich auf wirtschaftlichem, auf künstlerischem und literarischem Gebiet als kühne Neuerer gezeigt haben! Der hervorstechendste Charakterzug der jüdischen Massen ist ja gerade das Gegenteil von dem, was unsere Gegner ihnen andichten, ist ein ausgesprochener Hang zum Festhalten am Überlieferten, tiefer Respekt vor der Tradition, ist konservativ im besten Sinne des Wortes. Ohne diesen in der jüdischen Seele tief verwurzelten Konservatismus hätte sich dieses Volk nicht durch zwei Jahrtausende ohne Staat, ohne Land, fast ohne Sprache erhalten können. Wohl selten ist dieser Charakterzug stärker hervorgetreten als in der Haltung der deutschen Juden gegenüber den Problemen des deutschen politischen Lebens. In den Anfängen des deutschen Parlamentarismus durch Männer wie Lasker und Bamberger auf die liberale Seite geführt, hielten sie mit der ihnen eigenen Zähigkeit an dieser Frontstellung fest. Mochten die Nachfolger der großen liberalen Juden, die Eugen Richter, Heinrich Rickert, Theodor Barth auch manchmal Wege gehen, die ihrem politischen Instinkt, ihren Interessen als Glieder der deutschen Wirtschaft, vor allen Dingen aber auch ihren Zielen als Juden nicht entsprachen, die deutschen Juden stimmten allezeit treu für die einmal gewählte Partei. Nennenswerte Absplitterungen hat es höchstens nach links, zur Sozialdemokratie gegeben, nach rechts gingen höchstens ein paar weiße Raben. Dieser Zustand änderte sich auch durch die deutsche Revolution grundsätzlich nicht. Zwar bekannte sich ein größerer Prozentsatz als früher zur Sozialdemokratie, ein kleiner zu den Kommunisten, aber die große Masse blieb der Nachfolgerin des Vorkriegs-Freisinns, der deutschen demokratischen Partei, treu, und auch in der deutschen Republik gab es rechts von den Demokraten nur einige jüdische Einzelgänger. Hier war sogar viel Unerfreuliches zu bemerken, denn jüdische Geldopfer für offene oder versteckte Hakenkreuzler scheinen doch zu wiederholten Malen erfolgt zu sein. Niemals ist in diesen 12 Jahren die Frage grundsätzlich aufgerollt worden, ob dieser Zustand vom deutschen und vom jüdischen Standpunkt wünschenswert sei, und ob nicht eine veränderte Entwicklung auch veränderte Entscheidungen bedinge. Daß diese Frage nicht gestellt wurde, solange Männer wie Friedrich Naumann, Rathenau, Preuß an der Spitze der Demokraten standen, soll noch hingehen. War es aber wirklich nötig, auch unter den immer kleineren Geistern, die an ihre Stelle traten, diese Linie festzuhalten? Das demokratische Ideal, das die Juden, wie jede unterdrückte Gemeinschaft, auf ihre Fahne geschrieben hatten, war, soweit verfassungsrechtliche Formalien das überhaupt vermögen, verwirklicht. Daß den Juden trotzdem manche Kariere erschwert oder verschlossen war, daß der wirtschaftliche Antisemitismus immer stärker sich auswirkte, daß die Feindschaft gegen die Juden immer höhere Wellen schlug, hatte allerdings diese papierne Demokratie nicht verhindern können. Dazu hätte es einer freimütigen zähen Kritik im Parlament, einer starken Hand und eines zielbewußten Willens in der Verwaltung bedurft. Das alles beeinflußte die deutschen Juden als Wähler zu deutschen Parlamenten offenbar sehr wenig. Man ließ alles beim alten und würde auch diesmal wieder gut demokratisch gewählt haben, wenn — nicht plötzlich, wenige Wochen vor dem Wahltermin, die demokratische Partei Selbstmord verübt hätte. Es handelt sich um