Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 35 (29.8.1930)
- Date
- 1930-08-29
- Page
- Seite 494 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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494 Das Jüdische Echo Nr. 35 Stande durch irgendein Ereignis, dieser oder jener Art, imitier wieder herausgerissen und öffentlich verhandelt wird. Und es ist darum mehr als ein bloßer Zufall daß dieser tiefsten Erniedrigung, der das Judentum des neunzehnten Jahrhunderts ausgesetzt war, der Keim zu seiner Befreiung, seiner moralischen und faktischen Befreiung entsproß. Unter den Pressevertretern, die bei der Degradation Dreyfus’ anwesend waren, befand sich auch Theodor Herzl, damals Pariser Korrespondent der „Neuen freien Presse“ — die Eindrücke des Dreyfus-Prozesses erschütterten ihn und änderten seine Haltung zum Judentum von Grund auf; noch im Jahre 1895 schrieb er den Judenstaat“ und begann so mit der Grundlegung des politischen Zionismus ein neues Blatt in der Geschichte der Juden. Was von alledem zeigt der Sprechfilm Richard Oswalds (Manuskript Heinz Goldberg, Dr. Fritz Wendhausen), was kann er zeigen? Wenig. Er bleibt seiner Natur nach an der Oberfläche der Ereignisse haften und es gelingt ihm kaum die tiefere Bedeutung dieser Geschehnisse klar zu machen. Vielleicht hätte wenigstens der Versuch unternommen werden können, die Auseinandersetzung zwischen dem Alten und dem Neuen Frankreich, ihre sozialen Voraussetzungen und tiefgreifenden Wirkungen zu veranschaulichen. So wie er ist, beschränkt sich der Film, auf die Darstellung ausgewählter, wie man zugeben muß, sehr geschickt ausgewählter wichtiger Szenen aus dem Kampfe der Familie Dreyfus um ihr Recht. Er gibt historische Reportage, eine Reportage, die allerdings dank der samt und sonders hervorragenden Darsteller und Sprecher ein eindrucksvolles und wohl auch ziemlich treues Bild der Geschehnisse vermittelt. (Leider kann man gerade dies nur mit Einschränkungen sagen. Es war sicherlich nicht möglich, den Fall in seiner ganzen Kompliziertheit aufzurollen und vom dramatischen Gesichtspunkt aus vielleicht auch nicht zweckmäßig; wenn man aber auf historische Reportage. d. h. doch auch auf Wahrheit ausging, dann war es gewiß nicht nötig, manche Vorgänge in ihr absolutes Gegenteil umzubiegen. Nach der Darstellung Steintals, auf die hier verwiesen sei, war es nicht die Familie Dreyfus. die sich sträubte, ein Gnadengesuch einzureichen; keinesfalls aber wurde sie von Picquart zu dieser Maßnahme gedrängt, der sie ihr und vor allere Mathieu Dreyfus vielmehr so sehr verübelte, daß es zu einem schlimmen Zerwürfnis kam. Als Mathieu Dreyfus während einer Verhandlung des Kassationshofes im Jahre 1906 den Zeugen Picquart, den er seit dem Zerwürfnis von 1900 nicht mehr gesehen hatte, die Hand hinstreckte, da drehte ihm Picquart schroff den Rücken zu, verweigerte die Hand. Es wäre schön, wenn der Film recht hätte, aber er hat es nun einmal nicht; er hat es auch in andern Einzelheiten nicht. Unbedingt hätte das Attentat auf Labori 1899 dargestellt oder erwähnt werden müssen!) Der Kenner wird vielleicht noch manches andere auszusetzen haben; trotzdem wird jedermann zugeben, daß von dem Film eine tiefe Wirkung ausgeht, daß das Geschick Dreyfus’ hier unmittelbar zu den Menschen spricht, daß es gelungen ist, Athmosphäre und Stimmung dieses großartigen Kampfes um Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu vergegenwärtigen. Es ist das passive Heldentum Dreyfus (Kortner), das ergreift, die ungeheure Zähigkeit und Kraft seiner Unschuldsbeteuerung, die Männlichkeit, mit der er die Degradation erleidet — es ist das aktive Heldentum der Picquart und Zola, das nicht minder ergreift und erhebt. Picquart in der Verkörperung Bassermanns, das ist der eigentliche Held der Affäre, das ist der Mann, „der nie etwas Anderes zu tun glaubt, als das Allereinfachste, der gar nicht begreift, daß man auch anders handeln kann, als Karriere, Rassenvorurteile aufzugeben und zuletzt, das nackte Leben zu exponieren für das einfache dürftige Ding Wahrheit“. Und der Zola Georges ist der leidenschaftliche Bannerträger der Gerechtigkeit, der in gefährlichster Stunde Ansehen und Leben um ihretwillen aufs Spiel setzt und seine erschütternde Anklage erhebt, die die endliche Reinigung herbeiführen wird. (Er hat sie nicHt mehr erlebt.) Dieser Zola Georges ist groß, selbst da wo ihm zugemutet wird, in einer unmöglichen Szene Worte aus dem Manifest an die Jugend zu sprechen. Diese Worte, sind sie nicht beängstigend aktuell?! „Hundert junge Männer auf der Straße machen mehr Lärm als zehntausend fleißige Arbeiter in den Werkstätten.“ Vielleicht werden diese Worte gehört und vielleicht werden sie — aber das wagt man kaum zu /hoffen — ,auch verstanden. Und vielleicht wird an diesem großen geschichtlichen Beispiel, von dem nicht genug gesprochen werden kann und das man auch in diesem Film auf sich wirken lassen sollte, sich die Leidenschaft für die Gerechtigkeit entzünden, die unserer Zeit so nötig ist wie irgend einer. An Fällen ungerechter Verurteilung aus Rassenhaß zur Bewährung wird es nicht fehlen, noch immer verbüßt etwa der jüdische Student Philipp Halsmann eine Strafe für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Die „Dreyfus-Affäre“ ist keine abgetane Historie, sie ereignet sich immer wieder unter allen Völkern und immer wieder betrifft sie Juden. Und darum heißt es für jeden Einzelnen immer für die Gerechtigkeit kämpfen — und nur wem der Film dies sagt, der hat ihn verstanden. I. E. Aus der jüdischen Welt Fünfzigjährige Jubiläumsfeier des Jüdischen Lehrervereins in Bayern W ü r z b u r g , 25. August. (JTA.) Die 50jährige Jubiläumsfeier des Jüdischen Lehrervereins in Bayern wurde am 24. August mit der ordentlichen Generalversammlung bei Anwesenheit von über 150 Lehrern eröffnet. Nach einer herzlichen Begrüßung durch den Präsidenen der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg, Herrn Justizrat Dr. Haas, erstattete der 1. Vorsitzende Rosenfeld den Geschäftsbericht über das Jubiläumsjahr, an welchen sich eine sehr lebhafte Debatte anschloß. Vor allem sind es die Beschlüsse der jüngsten Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden zur Beamtenbesoldung, welche die Lehrerschaft sehr beunruhigen. Das Mißvergnügen wird noch dadurch vertieft, daß der Eindruck vorherrscht, als ob die geplanten Sparmaßnahmen nicht alle Beamtenkategorien gleichmäßig treffen, sondern nur 'speziell die Lehrer beeinträchtigen würden. Trotzdem hat die Lehrerschaft Bayerns die Zuversicht, daß ihr von Seiten des Verbandes Gerechtigkeit werden wird, was auch darin zum Ausdruck kam, daß aus Anlaß des Jubiläums der Präsident des Rates des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden einstimmig zum Ehrenmitglieg des Vereins ernannt wurde. — Ernster Protest wurde gegen das bayerische Schäehtverbot erhoben, das als eine schwere Ver-