Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 35 (29.8.1930)
- Date
- 1930-08-29
- Page
- Seite 493 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 Das Jüdische Echo 493 Bekanntlich ist Dr. Bruno Weil als Kandidat an aussichtsreicher Stelle auf die Reichstagswahlliste gesetzt worden. Es sind aber auch andere Vorgänge gefolgt, die Anlaß geben, die Bekundung -offenen Mißtrauens gegenüber der Deutschen Staatspartei zurückzustellen. Wenn ich in meinem Aufsatze davon sprach, daß „wir glauben mit Sicherheit aussprechen zu können, daß die Deutsche Staatspartei eine judenfeindliche Poliik abwehreni wirdi“, so erfolgte diese Redewendung aus intimster Kenntnis gewisser Vorkommnisse der allerletzten Zeit. Poltische Vorgänge von besonderer Tragweite und Feinnervigkeit verlieren unter Umständen ihren Sinn und1 ihre Meinung, wenn sie in der Öffentlichkeit laut ausgesprochen werden. Infolgedessen muß ich mir es ersparen, die erwähnten Vorgänge hier breitzutreten. Nicht etwa, weil sie das Licht der Öffentlichkeit scheuen müßten. Aber wir haben genug traurige Erfahrungep in der Richtung gesammelt, daß alle Begebenheiten. die mit der jüdischen Frage irgendwie Zusammenhängen, von böswilliger Seite entstellt und verzerrt und zum Gegenstand der Hetze und Lüge für demagogische Zwecke gemacht werden. Wir haben alle kein Interesse daran, daß diese Begebenheiten der Verzerrung und Entstellung durch die antisemitische Presse anheimfallen und dadurch unter Umständen in ihrer Auswirkung gehemmt werden. Ich wiederhole auch nochmals meine Feststellung, die ich in Ihrer letzten Nummer machen durfte: daß die Entwicklung der Deutschen Staatspartei vorläufig ein Problem ist, nicht nur in bezug auf das Zusammenwirken der heterogenen Teile innerhalb der Partei, vi eil eich auch vom jüdischen Standpunkte aus gesehen. Aber dadurch, daß wir von vornherein durch einseitige Behauptungen und Feindschaftserklärungen die friedsame Entwicklung stören, fördern wir die Sache nicht. Ich habe persönlich nicht das geringste Interesse, für die Staatspartei Propaganda zu machen. Aber im Interesse der deutschen Juden muß zur Gerechtigkeit in der Beurteilung aufgefordert werden von der Seite, die die inneren Verhältnisse mehr oder weniger kennt. Aus Gründen der inneren Klarheit möchte ich auch darauf hinweisen, daß die Ablehnung der Kandidatur Georg Bernhard nicht etwa aus Gründen der Judengegnerschaft sondern aus anderen Gründen erfolgte, die mit dem Umstande Zusammenhängen, daß Georg Bernhard im Begriffe steht Syndikus des Warenhausbesitzer-Verbandes zu werden. Ich wäre Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, wenn Sie die Güte haben würden, die vorstehenden Ausführungen im Interesse der Sache in der nächsten Nummer Ihres Blattes zu veröffentlichen. ln vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebener Dr. Ludwig Freund. Drcyfus im Film Zur Aufführung des Richard Oswald Sprechfilms „Dreyfus“ im Phöbus-Palast Die „affaire“, die Frankreich, Europa, die Welt 12 Jahre beschäftigte, hatte neben ihrer Bedeutung als Kampf eines Einzelnen zu Unrecht Verurteilten und seiner Familie um das Recht, drei Aspekte: einen französisch-politischen, einen europäisch-politischen und1 einen jüdischen. Vom Beginn des Prozesses an ist es allen Beteiligten direkt oder indirekt — am wenigsten vielleicht noch Alfred Dreyfus selbst — klar, daß jede Entscheidung, wie immer sie auch fallen würde, politische Konsequenzen höchsten Ausmaßes im Gefolge haben mußte: die Militärs mit dem Kriegsminister kämpften um ihre Positionen, um ihren Einfluß in der noch jungen französischen Republik, um Macht und Vorherrschaft der Armee im Staat und um dieser Zwecke willen glaubten sie über das Schicksal eines Einzelnen hinweggehen, das Recht mißachten zu können. Wie sich aus der eigentümlichen französischen Konstellation der neunziger Jahre daraus nun weiter die Ereignisse entwickelten, wie Minister und Präsidenten in die Affäre verwickelt wurden, kamen und gingen, wie schließlich im Kampfe pro und contra Revision das ganze französische Volk in zwei Parteien zerfiel, die sich überaus heftig befehdeten, wie es fast zu einem Staatsstreich kam und wie schließlich dieser Dreyfus-Prozeß eine Reinigung der französischen politischen Atmosphäre, eine Erneuerung der Verwaltung und eine Festigung der Republik im Gefolge hatte, das darzustellen, wäre allzu verwickelt, man sollte nicht versäumen es in den ausgezeichneten Darstellungen nachzulesen, die unlängst aus der Feder von Walter Steinthal (Verlag Oesterheld, Berlin) und Bruno Weil (Verlag Dr. Walter Rothschild Berlin) erschienen sind. Dort wird man auch Aufklärung finden., über die europäische Bedeutung der Angelegenheit. Gleichgültig welche Darstellung der Vorgänge richtig ist, ob diejenige, die wissen will, daß man im Januar 1895 unmittelbar vor dem Ausbruch eines deutsch-französischen Krieges gestanden habe, ob die andere, die eine so gefährliche Situation doch nicht für gegeben erachtete — daß die Affäre infolge der unklaren Spionagetätigkeit der Militärattaches ernsthafte diplomatische Verwicklungen mit Deutschland nicht nur, sondern auch mit Italien mit sich brachte und so große Teile Europas in Mitleidenschaft zog, ist bekannt. Daher ist auch leicht verständlich, daß die in Frankreich herrschende Erregung auf andere Länder Übergriff. Von der jüdischen Bedeutung der Affäre wird man auch in den angeführten Büchern wenig erfahren. Gewiß, überall wird festgestellt, daß es der im französischen Offizierskorps herrschende Antisemitismus war, der Dreyfus in starkem Maße auch da verdächtig machte, wo man jeden anderen für unverdächtig gehalten hätte: es wird kein Zweifel darüber gelassen, daß der Verlauf der Ereignisse antisemitische Instinkte wachrief und es wird berichtet, daß Plünderungen jüdischer Geschäfte stattfanden, daß es in Algier zu einem veritablen Judenpogrom kam — aber diese Tatsachen allein besagen noch nichts über die Bedeutung der Dreyfus-Affäre in der Geschichte des modernen Judentums. Man wird sie darin finden müssen, daß hier die Idee der Assimilation vollständig ad absurdum geführt wurde. Dreyfus, ein französischer Chauvinist, der zum Judentum wenig oder gar keine Beziehungen mehr hatte, eben dieses Judentums wegen verfolgt — Frankreich, das Land, das als erstes den Juden die Emanzipation gegeben hatte und in dem man sie hundertprozentig erreicht glaubte, von antisemitischen Fieberkrämpfen geschüttelt — die Dreyfus- Affäre war und bleibt der vollgültige Beweis, daß der Fortschritt der Zivilisation, die Gewährung der Gleichberechtigung die Judenfrage nicht löst, ebensowenig wie die nahezu restlose Assimilation der Juden an ihre Umgebung, daß mit der Existenz der Juden auch die Existenz einer Judenfrage gegeben ist, die aus ihrem latenten Zu-