Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 34 (22.8.1930)
- Date
- 1930-08-22
- Page
- Seite 475 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Das Jüdische Echo 475 vitales Interesse, daß unsere Existenz durch eine bedingungslose Herrschaft antisemitischer Gruppen vernichtet wird! Wir haben so die Stellung der Parteien aus der Perspektive des jüdischen Staatsbürgers heraus gekennzeichnet. Möge jeder wahlberechtigte Jude, der diese Zeilen liest, die praktische Folgerung daraus ziehen. Möge er sich für die Partei entscheiden, die gemäß seiner eigenen Weltanschauung und nach eingehender Prüfung der vorstehenden Ausführungen sein Vertrauen genießt! Möge er aber vor allem handeln und nicht resignieren! Eine Zeit, die so von Gefahren angefüllt ist wie die unsrige, fordert die Tat! Und dieser Forderung wird sich niemand verschließen, der Verantwortungsgefühl besitzt gegenüber der Gemeinschaft, der er angehört, und gegenüber der eigenen Zukunft. Es geht um alles!! Darum auf zur Wahl!! Und niemand fehle!! Die Kandidatenliste der Staatspartei Über die Kandidatenliste der Staatspartei, ein Problem, auf das wir schon im Leitartikel unserer letzten Nummer hingewiesen haben, äußert sich die „Jüdische Rundschau“ in folgenden Ausführungen, denen wir nur zustimmen können. „Wir haben bisher in der „Jüdischen Rundschau“ vor einer abschließenden Beurteilung der Deutschen Staatspartei gewarnt, solange die endgültige Kandidatenliste dieser Parte1! nicht vorliegt. Die verschiedenen Erklärungen der einzelnen Führer der Staatspartei. Mahrauns, Kochs und anderer, so ernst sie auch gemeint sein mögen, besagen, im Grunde genoihmen, doch nicht viel, da erfahrungsgemäß vor Wahlen alles Mögliche und dies im besten Glauben versprochen und dann nach den Wahlen doch nicht gehalten wird. Maßgebend sind die Taten. Und die einzige sichtbare Tat vor der Wahl ist eben die Aufstellung der Kandidaten. Die bisherige demokratische Partei, deren Wähler wohl auch den Hauptstock der staatsparteilichen Anhänger bilden, pflegte auf die Notwendigkeiten der deutschen Politik im Hinblick auf den Antisemitismus Rücksicht zu nehmen. In der Person eines prominenten Kandidaten trug sie der Notwendigkeit Rechnung, im Reichstag einen energischen sachkundigen Kenner der jüdischen Wählerschaft zu besitzen. Diese Rolle versah der verstorbene Dr. Ludwig Haa's, ohne daß er gerade seiner Eigenschaft als Jude dik Nominierung und Wahl zu verdanken hatte. In den ersten Besprechungen der neugegründeten Staatspartei wurde der Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß man wieder einen jüdischen Kandidaten an aussichtsreicher Stelle auf die Liste setze. Seitens der neuen nichtdemokratischen Partner der Staatspartei wurde jedoch offen erklärt, daß man einen jüdischen Kandidaten nicht als jüdischen Kandidaten aufstellen wolle, daß man aber geneigt sei, einer jüdischen Persönlichkeit, der man eine allgemeine politische Bedeutung zumessen könne, einen Platz einzuräumen. Diese Bereitwilligkeit ist bisher nicht verwirklicht worden. Und soweit die Kandidatenliste der Staatspartei bekannt ist, scheint geradezu die Absicht vorzuliegen, eine jüdische Kandidatur zu unterdrücken. Die jüdische Wählerschaft der Staat'spartei kann sich absolut nicht damit zufrieden geben, daß der Jud'enstämmling Oscar Meyer vom jüdischen Standpunkte aus als vollwertiger jüdischer Kandidat angesehen werde. Die Kandidatur Georg Bernhard's stößt beim Aktionsausschuß der Staatspartei auf die allergrößten Schwierigkeiten. Der demokratische Ausschuß des Wahlkreises Potsdam I hat sich einstimmig für ihn erklärt, der Aktionsausschuß der Staatspartei ist jedoch gegen ihn, angeblich aus privaten Gründen. Nun, es muß ja nicht gerade Georg Bernhard sein, es gibt in Deutschland genug prominente Juden, die befähigt sind, in besonderem Maße die jüdischen Interessen wahrzunehmen. Aber an Stelle Georg Bernhards den bisherigen deutschnationalen Gewerkschaftsführer Arthur Adolf zu setzen, erscheint uns als kein Zeichen von Bereitwilligkeit, berechtigten Wünschen der jüdischen Wählerschaft entgegenzukommen. Die Frage der Kandidatur in Potsdam I ist noch nicht entschieden. Der Vorwärts4 behauptet zwar, daß die Entscheidung bereits für Arthur Adolf gefallen sei, .Berliner Tageblatt4 und .Vossische Zeitung4 widersprechen jedoch dieser Meldung und behaupten, daß die endgültige Entscheidung erst nächste Woche fallen wird. Soweit sich bisher feststellen läßt, hat der Plan, an Stelle Georg Bernhards Arthur Adolf aufzustellen, in jüdischen Kreisen Stärkstes Befremden hervorgerufen. Man erblickt in diesem Vorgehen geradezu eine Brüskierung der jüdischen Wähler und die ausgesprochene Tendenz, den von Mahraun angekündigten Anschluß an rechts herzustellen. Die jüdische Wählerschaft ist infolge ihrer Schichtung nicht ohne weiteres rechten oder linken Parteien zuzuzählen. Immerhin schreibt ihr jüdisches Interesse vor, sich nicht die Brücken zu jenen Parteien in Deutschland zu verbauen, die bisher bewiesen haben; daß sie nicht geneigt sind, den Antisemitismus des Wortes und der Tat mitzumachen. Wenn die Deutsche Staatspartei Gewicht darauf legt, die Unterstützung jüdischer Wähler zu finden., so muß sie sich davor hüten, den Antisemitismus des Jungdeutschen Ordens zu übernehmen.“ j. r. Hrbeitstagungen (Zu den bevorstehenden Beratungen in Berlin) Am 24. August beginnen in_ Berlin, wie bereits berichtet, die Tagung des Zionistischen Aktionskomitees, am 29. August ebenfalls in Berlin die des Administrativkomitees der Jewish Agency. Beide Tagungen werden in der Hauptsache Beratungen über die laufende Aufbauarbeit in Palästina sein. Jenseits von aller Politik und allen Äußerungen und Gegenäußerungen des Colonial Office in London und der Mandatskommission in Genf stehen die Notwendigkeiten des palästinensischen Lebens, stehen die Bedürfnisse des Jischuw und geht das Werk des Aufbaus weiter. Dieses Werk ist nicht ein isoliertes Unternehmen, das nur die Juden in Palästina angeht. Es ist die Sache der jüdischen Gesamtheit und niemals statisch sondern nur dynamisch zu begreifen. Sinn der Arbeit in Palästina ist nicht das Bestehende, sondern immer das im weitesten Ausmaße in jenem Lande Mögliche. Was dort gebaut wird, ist nicht lediglich die Errichtung einer jüdischen Kolonie neben vielen anderen jüdischen Kolonien in der ganzen Welt, sondern das jüdische Nationalheim, welches berufen ist, Zentrum des jüdischen Volkstums in der ganzen Welt zu sein. Die Aufbauarbeit in Palästina kann durch politische Konstellationen beschleunigt, sie kann durch unangenehme Zwischenfälle verzögert werden. Eine Ruhepause kann jedoch in dieser Arbeit nicht eintreten, denn das jüdische Aufbauwerk in Palästina hat bereits Eigenleben gewonnen und strebt zur Entfaltung und Ausdehnung. Dieser Tatsache müssen jene Organisationen, deren Hauptaufgabe die