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Das jüdische Echo · 1930-08-08 · 32 (8.8.1930) · p. Seite 446

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
32 (8.8.1930)
Date
1930-08-08
Page
Seite 446 (sequence 4)
Language
German
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446 Das Jüdische Echo Nr. 32 für die Juden vorwärts zu bringen. Gerade in der letzten Zeit hat sieh die negative Haltung der Regierung, wie wir in dieser Hinsicht beobachten konnten, in eine gegnerische verwandelt. Die Administration scheint es als ihre Aufgabe anzusehen, nicht das Ziel der nationalen Heimstätte für die Juden zu fördern, sondern dieses Ziel so weit zu begrenzen und zu hemmen, bis es nicht mehr zu bedeuten hätte, als was schon unter türkischer Herrschaft faktisch bestand. Das Ansehen Englands leidet. Das nach der Balfour- Deklaration England zugewandte Vertrauen ist nun, infolge des Zauderns der bisherigen Palästina-Verwaltungen, im Schwinden begriffen. Man beschuldigt uns des Vertragsbruches, die Massen in Amerika und Osteuropa, die uns früher zujubelten, klagen uns jetzt an. Haben wir denn so viele andere Freunde in der Welt, daß wir es uns erlauben können, auf diese Freunde zu verzichten? Sind denn die Juden irgendein obskurer afrikanischer Stamm, daß wir gefahrlos die Erfüllung feierlicher Versprechungen an sie allein davon abhängig machen könnten, was für uns im Augenblick bequem ist? Gibt nicht die Tatsache zu denken, daß England von der Permanenten Mandatskommission in deren letzten Bericht formal gerügt worden ist? Sind wir nun Anhänger der Lehre von dem „Fetzen Papier“ geworden, einer Lehre, die wir früher mit dem Preis von Hunderten und Tausenden unserer besten jungen Menschen entrüstet bekämpften? Hätte das Parlament Gelegenheit gehabt, unsere Palästinapolitik systematisch zu beleuchten, dann hätten Fragen wie diese nicht gestellt werden müssen. Juden und polnischer Staat Der Chef der Ostabteilung im polnischen Innenministerium fordert eine positivere Haltung gegenüber den Juden W arscliau, 29. Juli. (JTA.) In dem Organ der polnischen Regierung „Gazetta Polska“ veröffentlicht der Chef der Ostabteilung im Innenministerium, Tadeusz Holubka, der zu dem engsten Kreise Marschall Pilsudskis gezählt wird, einen bemerkenswerten Aufsatz über die Juden in den polnischen Ostprovinzen, in dem u. a. gesagt wird: Meiner Ansicht nach haben die Juden in den Ostgebieten große Fortschritte in der Abschwächung ihres nationalen Separatismus und in der Vertiefung des polnischen Staatsgedankens gemacht. Leider würdigen wir weder diese Erscheinung genug, noch auch die andere, daß die Juden in den größeren und kleineren Städten der Ostgebiete die erdrückende Mehrheit der Bevölkerung ausmachen. Russisch ist unter ihnen als Umgangssprache fast vollständig geschwunden. Die jüdische Jugend spricht untereinander polnisch oder jiddisch und hebräisch. Die polnische Presse, das polnische Buch und das polnische Theater werden immer populärer. Das bedeutet aber nicht, daß die Juden sich assimilieren; das zeigt nur, daß die polnische Kultur bei ihnen gleichzeitig mit der eigenen — der jüdischen Kultur — immer mehr Verbreitung findet. Das nationale Bewußtsein der Juden in den Ostgebieten ist sehr stark. Am stärksten ist unter den Juden der Ostgebiete, besonders in der jüngeren Generation, der Zionismus verbreitet. Auch die folkistische Bewegung ist stark. Hingegen spielen dort die orthodoxe Bewegung und die Rabbiner nicht die Rolle, die sie in Kongreßpolen oder in Galizien innehaben. Wir führen indessen eine zu primitive Politik gegenüber den Juden der Ostgebiete. Wir verlangen von ihnen bloß Loyalität dem Staat gegenüber und diese Loyalität wird uns gewährt. Und wenn auch der Kommunismus dort einen gewissen Einfluß hat, so beschränkt er sich bloß auf einen Teil der jüdischen Jugend. Diesem Einfluß muß entgegengetreten werden, aber nicht ausschließlich durch Unterdrückungsmaßnahmen. Richtiger wäre es, sich der Strömungen innerhalb der jüdischen Bevölkerung zu bedienen. So sammelt z. B. die zionistische Bewegung in den Ostgebieten in ihren Reihen die Intelligenz und die fortschrittlichen Elemente. Unsere Beziehung zum Zionismus neigt zur Ablehnung und wir entschließen uns eher, die Orthodoxen und Folkisten zu unterstützen. Aber wir müßten tiefer auf den Grund der Dinge blicken und unsere Beziehung zum Zionismus einer Revision unterwerfen, wenn wir die russischen und kommunistischen Einflüsse in den Ostgebieten bekämpfen wollen. Für uns ist ein zionistischer Jude besser, als einer, der den ganzen Tag im Cheder sitzt oder in russiseher Sprache kommunistische Propaganda betreibt. Es muß ganz offen gesagt werden, daß Zionisten und Folkisten, und sogar der „Bund“, in den Ostgebieten einen positiven Faktor darstellen, weil die um das Beth Hamidrasch und um den Cheder konzentrierten jüdischen Massen wohl voller Loyalität gegenüber der Regierung sind, aber zugleich vollkommen gleichgültig gegenüber allen Erscheinungen und Problemen des polnischen Staatslebens. Diese Masse lebt mit dem Talmud, die moderne Wissenschaft betrachtet sie als eine Sünde, und mit der polnischen Kultur hat sie nichts zu tun. Aus eigenen Kräften werden wir nicht dazu imstande sein, die Mauern dieses geistigen Ghetto zu durchbrechen. Der einzige Ausweg ist die Begründung von Grundschulen für jüdische Kinder, die Sabbat halten, mit jüdischen Lehrern, die in polnischer Unterrichtssprache lehren, aber auch gut hebräisch können. Solche Schulen gibt es in den Ostgebieten bisher nicht und daher erfüllen die privaten Schulen, sowohl die hebräischen der Tarbuth-Organisation als auch die jiddischen der „Schulorganisation“, eine wichtige kulturelle Mission. Diese Schulen führen die jüdische Jugend aus den mittelalterlichen, finsteren Chadarim heraus. Daher sollten diese jüdischen Schulen unter besondere Regierungsaufsicht genommen werden. Die Schulen kämpfen jetzt mit großen materiellen Schwierigkeiten und man sollte von Regierungs wegen die Gehälter derjenigen Lehrer bezahlen, die polnische Unlerrichtsgegenslände unterrichten. Manche von diesen Schulen stehen auf einer sehr hohen pädagogischen Stufe und verdienen in vollem Ausmaß durch die Regierung oder die Städte unterstützt zu werden. Aber Grundschulen sind nicht alles. Wollen wir den Separatismus der Juden vermindern, dann gibt es keinen besseren Weg zu diesem Ziel als die Errichtung von Handwerkerschulen und technischen Schulen für jüdische Kinder. Die polnische Politik in den Ostgebieten müßte sich bemühen, die Juden zu einem aktiven Element für den polnischen Staat heranzubilden. Ohne Zweifel bedeutet das Gesetz über die Sonntagsruhe für die Juden einen schweren Schlag. Der jüdische Handwerker kann nicht verstehen, warum man von ihm verlangt, zweimal in der Woche zu feiern. In der Praxis führt das auch zum Bruch des Gesetzes über die Sonntagsruhe und das ist sowohl für die Juden wie für die Regierung nicht gut. Die jüdische Bevölkerung der Ostgebiete wird von der Wirtschaftskrise besonders schwer betroffen. Eine richtige Behandlung des jüdischen Steuerzahlers, Gewährung von Darlehen und Ermäßigungen würden sehr viel dazu beitragen können, die jüdische Bevölkerung für die polnische Staalsidee zu gewinnen. Wir machen uns auch darin eines großen Fehlers schuldig, daß wir uns nicht bemühen, mit der jüdischen Intelligenz zusammenzuleben, unter der es eine große Zahl von Personen mit höherer Bildung gibt. Es ist heule undenkbar, daß ein jüdischer Abiturient, der ein polnisches Staalsgymnasium besucht hat und

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