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Das jüdische Echo · 1930-08-01 · 31 (1.8.1930) · p. Seite 439

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
31 (1.8.1930)
Date
1930-08-01
Page
Seite 439 (sequence 16)
Language
German
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Nr. 31 Das Jüdische Echo 439 II111 .UH 11 1 lllllll II III Feuilleton iiiii iiiii 11 1.1 lllllll IIIII 1 Englische Offiziere Ormsby Gore und viele and( *re. Aber der Kern der Von W. Jabotin sky Inler dem Titel „Die jüdische Legion i m Weltkriege“ erschien soeben als zweiter Band des Zionistischen Biicher- Bundes (Jüdischer Verlag, Berlin W 50, Jahresbeitrag für vier Bände 18 BM. Einzelpreis für Nichtmitglieder 7.50 BM.) ein außerordentlich interessantes Memoirenwerk Jabotinskys, in dem er von der Entstehung der von ihm begründeten „Jüdischen Legion“, ihrer Leistung an der englischen Palästinafront und ihrer Bedeutung für die zionistische Bewegung erzählt. Wie man nun auch diese Bedeutung für die zionistische Politik während des Krieges und für die Erlangung der Balfourdeklaration anschlagen und wie man auch über die gegenwärtigen Ideen Jabotinskys zur Frage der Legion denken mag — es ist kein Zweifel, daß er hier in lebendiger und immer fesselnder Weise einen Teil der Kriegsgeschehnisse beschreibt, der für uns Juden besonders wichtig und bedeutsam ist und daß sein Werk deshalb nicht nur einen Platz in der jüdischen Geschichtsschreibung, sondern auch im jüdischen Bücherschrank finden wird. Wir geben mit freundlicher Erlaubnis des Jüdischen Verlags einen Abschnitt aus dem Buche über die Psychologie der englischen Ofiziere wieder, dessen Aktualität geradezu verblüffend ist. Die Psychologie des Hauptquartiers — Lawrence und Philby — Antilegionistische Agitation Der Pogrom in Jerusalem war ein unvermeidliche Folge der Haltung und Taktik von Allenbys Hauptquartier. Zufällig stieß diese Richtung auf ein Objekt von geringer Widerstandskraft — auf die Legion, die man ohne viel Federlesens schikanieren konnte, da sie unter militärischem Oberbefehl stand. Aber das war bloß ein Detail. Die Stöße, die man der Legion zu versetzen pflegte, galten nicht nur ihr, sondern dem ganzen Jischuw, ja noch mehr: dem Zionismus. Wie und weshalb diese Stimmung beim Generalstab entstanden war, gehört in ein besonderes Kapitel. Das Resultat aber war jene Atmosphäre, die wir unter dein Namen „Antisemitismus“ kennen, und so möchte ich sie auch hier bezeichnen. Und doch muß ich auch hier wieder davor warnen, das Wort Antisemitismus nicht allzu genau zu nehmen. Nicht Allenby, ja nicht einmal Bois war ein „Judenfresser“. Von den anderen, die ich hier erwähnen werde, verdient vielleicht ein einziger wirklich den Namen eines Judenfeindes: Colonel Gabriel. Aber weder Lawrence noch Philby, ja nicht einmal Storrs kann man so nennen. Manche von ihnen hatten sogar vielleicht einmal gewisse Sympathien für den Zionismus gehegt. Weshalb wurden alle diese Leute zu antisemitischen Agitatoren, wurde einer von ihnen, General Bois, der militärische Verwalter des okkupierten Gebietes, zu einer Art Plehwe in Taschenformat? Verstehen wir doch die Sache richtig. Was ich hier sagen werde, gilt nicht für England als Gesamtheit, nicht einmal für die Mehrheit der Engländer. Ich spreche von der regierenden Kaste; und auch hier gibt es Hunderte von Ausnahmen, Träumer wie Balfour, wie Amery, Graham, Kennworthy, „Kaste“, jene halbe Million, die von Lords abstammt, mit Lords verwandt oder verschwägert ist, in den mittelalterlichen „Public Schools“ von Eton, Harrow und Winchester ihre Ausbildung genießt und dann nicht einfach nach Oxford oder Cambridge geht, sondern ausschließlich nach bestimmten, achthundert Jahre alten Colleges wie Balliol oder Chrisl- Cliurch —■ diese Kaste ist eine Welt für sich; sie sondert sich von allen ah, ist taub und überdies stolz auf ihre Taubheit, denkt heillos irreal und ist stolz auf ihre Verachtung der Wirklichkeit. Sucht man eine genaue Parallele zu diesem Geist, dann findet man sie im alten Ghetto. Andere Sitten, aber dieselbe Hypnose des Auserwähltseins, dieselbe Verachtung gegen die Außenwelt, dieselbe ablehnende Gebärde gegen jede neue Erscheinung. Zum Glück ist die Zeit, da diese regierende Kaste die Regierungsgeschäfte wirklich alleinherrschend geführt hat, schon längst vorüber. Heute haben diese Rolle zum großen Teile andere übernommen, breitere und mit stärkerem Leben erfüllte Kreise. Im Ministerkabinett und selbst in den bürokratischen Offices sitzen und walten oft Menschen, die einer anderen Gesellschaftsklasse angehören. Aber es gibt noch Gebiete der Verwaltung, die zu drei Vierteln in den Händen der „Kaste“ geblieben sind, und dazu gehört besonders die Armee. Kitchener mit seiner Abneigung gegen „Fancy“ war ein typisches Beispiel. Ebenso wie er haßten sie alle jede Sache, die an „Fancy“ gemahnt, die nicht gleich zweimal zwei ist: zum Beispiel eine Offensive an der Orientfront oder den Zionismus. Nun vergegenwärtige man sich einmal eine solche militärische Atto-bechartonu*-Gruppe mitten im Kriege an der Palästinafront. Plötzlich erhält sie den Befehl: Unterstützt den Zionismus; wir schicken euch eine jüdische Legion und einen Waad Hazirim. Das konnte natürlich nur Empörung hervorrufen. Hat man in London uns, den Palästina-Generalstab, um unsere Meinung gefragt, bevor man diesen Entschluß gefaßt hat? Nein! Und so etwas paßt selbst einem Zivilbeamten in Friedenszeiten nicht. Dann kam der zweite Einwand: das ist doch „Politik“, und überdies eine solche, die bei den Einwohnern jenes Landes, das man uns zu „befreien“ befohlen hat, sehr unpopulär ist. Versteht man in London nicht, daß „Politik“, und namentlich diese Politik, in einem Kriege nur hinderlich sein kann? Konnte man nicht bis zum Kriegsende, bis nach Vollendung unserer Aufgabe warten, um erst dann mit diesem „Fancy work“ zu beginnen? Ich muß zugeben, daß diese Einwände selbst für mich beinahe überzeugend klingen, um wieviel mehr also für sie! Handelte es sich doch um eine Sache, die, wie bereits erwähnt, schon an und für sich in grellem Widerspruch zu dem ganzen traditionellen Geschmack der „Kaste“ stand. Aber das war bloß e i n Grund des Unglücks; der andere ist vielleicht nicht minder wichtig. Hier bin ich bei den Namen angelangt, die ich früher schon erwähnte: Lawrence und Philby. Ich beschränke mich bloß auf diese zwei Namen, aber es gibt noch viele andere, denn auch die „Kaste“ besitzt ihre Träumer. Diese hatten sich ein Traumobjekt erwählt, das mit den erhabensten englischen Traditionen im Einklang stand: Es war nicht „wild“, nicht „neu“, nicht „Fancy“. Ihr Traum war „Groß-Arabien“. England verwaltet bereits seit mehr als vierzig Jahren * „Du hast uns auserwählt!“

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