Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 31 (1.8.1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- Seite 440 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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440 Das Jüdische Echo Nr. 31 Länder, in denen arabisch gesprochen wird: Ägypten, den Sudan und einige Inseln im Roten Meere. Man hat Berge von Erfahrungen gesammelt, wie eine derartige Bevölkerung zu behandeln ist. Man wird sie ..befreien“, vereinigen und das Ganze „Groß-Arabien“ nennen, man wird ihnen sogar arabische Könige gehen, irgendwelche „pittoreske“ Scheichs im grünen und weißen Tschalmas, liehe, erwachsene Babys, die mit gekreuzten Beinen auf Teppichen bei Tisch sitzen — und bei allen Regierungsgeschäften englischer „Advisers“ bedürfen. Ein solcher Traum — o ja, dagegen ist nichts einzuwenden. Eigentlich bestand vor dem Kriege beinahe der ganze leitende Kreis der englischen Bürokratie in Ägypten aus derartigen Ar ’ . Aus diesem Grunde eben waren sie doch nach Ägypten gekommen. — Als der Krieg ausbrach, legten sie Khaki an und schufen das Milieu um das Hauptquartier. Deshalb behaupte ich, daß Lawrence und Philby bloß Beispiele, aber bei weitem nicht die einzigen ihrer Art sind. Sie zählen zu Dutzenden; und sie alle gehören durch ihre Gehurt der „Kaste“ an. Colonel Lawrence seihst ist ein höchst interessanter Mann. Schon lange vor der ersten Offensive in der Sinai-Wüste besuchte er in arabischer Kleidung und unter täglicher Lebensgefahr die wichtigsten Punkte der arabischen Halbinsel und verkündete allem Volke die Botschaft von Groß-Arabien, das England ihm schenken wolle. Philby tat dann später dasselbe im tiefsten und unbekanntesten Teile der Halbinsel, im Neschd, dem Lande der Wahabiten, wo er den Sultan Ihn Saud zu überreden suchte, mit den anderen arabischen Herrschern Erieden zu schließen und gemeinsam für Groß-Arabien zu kämpfen. Der Bericht über ihre Erlebnisse liest sich wie ein Roman, aber das ist hier nebensächlich. Was ich hervorheben möchte, ist etwas anderes: das „Groß-Arabien“, von dem sie träumen, muß unbedingt „pittoresk“ bleiben. Kamele, Karawanen, weiße Burnusse, grüne Tschalmas, verschleierte Frauen, Harems, die ganze Dekoration des „Orients“ sollen als Heiligtum erhalten bleiben. Sie erbeben geradezu vor Mitleid, daß diese Schönheit von einem Zuviel an Zivilisation zerstört werden könnte. Vielleicht spielt da ein bewußter oder unbewußter Instinkt dafür mit, daß der Herrscher, solange er mit gekreuzten Beinen auf dem Boden sitzt, eines englischen Beraters bedürfen werde; vielleicht aber auch nicht — vielleicht ist es wirklich aufrichtige, reine Sehnsucht nach dem Mittelalter. Aber die Lust, die Palmendekoration in Ewigkeit zu erhalten, klingt hei ihnen aus jeder Zeile. Das ist ein typisches Merkmal für diese Kategorie von englischen Barbarophilen. Erklärte doch Storrs: „Solange ich lebe, werde ich in Jerusalem keine Straßenbahn zulassen.“ Ein anderer aus derselben Schule, Stephan Graham, der Rußland entdeckt hat, pflegte in seinen Büchern „die Schönheit der Zarenautokratie“ und die Gerechtigkeit der Verbannung nach Sibirien zu besingen. Und noch während der Kerenski-Revolution schrieb er ganz offen in den „Times“: „Mir bricht das Herz. Ich hoffte, Rußland würde ewig ein Museum von mittelalterlichen Einrichtungen bleiben...“ Für Leute wie Lawrence und Philby war die Balfour-Deklaration ein Stich mitten ins Herz. Wohl hatten sie Juden gesehen, reiche in den Salons der Lady N. N. und arme in Whitechapel: das genügte ihnen, um zu begreifen, daß es sich beim Projekt eines jüdischen Nationalheims nicht um „pittoreske“ Ghassidim mit Schläfenlocken handelte (dies wäre noch verzeihlich gewesen — warum denn nicht? Man ist doch kein Judenfeind!), sondern um moderne Juden mit Hosen an den Beinen, mit Kappen auf den Köpfen und mit europäischen Gedanken in den Hirnen. Das bedeutete das Ende der ganzen Dekoration! Eine Straßenbahn in Jerusalem! An Stelle der Kamele und der Palmenlandschaft — rote Dächer, funkelnagelneue Kolonien, wo Mädchen mit jungen Leuten auf den Straßen promenierten wie in England. Welcher Ruin! Ich spotte nicht. Es entspricht der Wahrheit. Lawrence veröffentlichte in jener Zeit einen Artikel in einem Londoner Blatte, aus dem man gegen seinen Willen einen Klang wie Zähneknirschen heraushörte. Der Inhalt war: Er sei auch für den Zionismus, aber nur unter einer Bedingung: Die Juden sollten nach Palästina nicht als Europäer oder Amerikaner kommen; sie müßten sich „orientalisieren“, sich den arabischen Lebensgewohnheiten anpassen; andernfalls würden sie nicht nur sich selbst, sondern das ganze Land dem Untergange preisgeben. . . . Das alles ist kein Antisemitismus. Aber als Folge aller dieser Einflüsse brach eine noch nie dagewesene antisemitische Epidemie aus. Ich unterstreiche: eine noch nie dagewesene. Weder in Rußland noch in Deutschland hat es je Beispiele einer solchen weitverbreiteten Atmosphäre von Böswilligkeit gegeben wie sie in der englischen Armee im Jahre 1919'/1920' herrschte. Aus Freude an Judenhetzen vergaß man selbst die Tradition. Es ist Brauch, in den Offiziersmessen sich des Politisierens zu enthalten, insbesondere aber keine Kritik an der Regierung zu üben. Aber in jeder Offiziersmesse von Allembys Armee, vom Hauptquartier bis zu den überwachungslagern der türkischen Gefangenen, fiel man frisch und fröhlich über die Juden her und schimpfte über die „törichte“ Balfour-Deklaration. Von den Offiziersubikationen ging die Epidemie bald auf die Sergeanten über und dann auf die einfache Mannschaft in jedem Zelt. In den indischen Regimentern pflegten Leute, die im Pendjab oder in dem Himalajagebiet zu Hause sind, in ihren Sprachen sich über denselben Gegenstand zu unterhalten. Ihre englischen Offiziere selbst bestätigten es mir. Vielleicht wird ein Dokument am besten den Geist kennzeichnen, in dem man sich diese Armee zu „erziehen“ bemühte. Kurz vor dem Pogrom in Jerusalem erhielten alle Bataillone Zirkulare mit dem Befehle, sie nicht nur den Offizieren, sondern auch den Sergeanten zur Kenntnis zu bringen. Ich besitze eine Abschrift. Sie beginnt mit folgenden Worten: „Da die britische Regierung gezwungen (!) ist, in Palästina eine Politik zu verfolgen, die bei der Mehrheit der Bevölkerung unpopulär ist, sind im Lande Unruhen zu erwarten . . .“ (Schluß folgt.) setzt Euch in den nächsten Tagen noch ganz I energisch für die Schekelaktion ein | | Der Termin wurde bis Ende Äugust verlängert D7/D