Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 31 (1.8.1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- Seite 432 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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432 Das Jüdische Echo Nr. 31 Die Situation in Palästina Eine Unterredung mit Rabbi Benjamin (Klagemauer — Zur arabischen Frage — Wirtschaftliche Lage) Auf der Durchreise hielt sich der bekannte hebräische Schriftsteller Rabbi Benjamin (J. Radler- Feld mann) einige Tage in München auf. Rabbi Benjamin, der seit über zwanzig Jahren in Palästina lebt, hat sich in der hebräischen Literatur einen Namen dadurch gemacht, daß er zusammen mit Brenner die hebräische Zeitschrift „Hameorer“ (Der Wecker) begründet und für sie zahlreiche Essays geschrieben hat. Er war fünf Jahre Mitglied des Waad Leumi, ist gegenwärtig Chefredakteur der literarisch bedeutenden Wochenschrift „Mosnaim“ und Redaktionsmitglied der bekannten orthodoxen Monatsschrift „Hahed“. Vor kurzer Zeit erschien eine von ihm besorgte Übersetzung der Tagebücher Herzls in hebräischer Sprache. Rabbi Benjamin hatte die Freundlichkeit, sich in einer Unterredung über die Verhältnisse in Palästina zu äußern, von der unseren Lesern Kenntnis gegeben sei. Es muß dazu vorausgeschickt werden, daß Rabbi Benjamin zu den Mitbegründern des Brith Schalom gehört, jener in der letzten Zeit wegen ihrer Araberpolitik und ihrer zionistischen Auffassungen besonders heftig angegriffenem und umstrittenen Gruppe; er gehört jedoch dabei nicht zu der in Deutschland vorwiegend, vielleicht sogar allein bekannten, betont achad-haamistischen Richtung um Magnes, Bergmann, Kohn und Buber, sondern vertritt mit Dr. Ruppin, Dr. Lurje und anderen eine herzlianisch orientierte optimistische großzionistische Auffassung, die sich keineswegs nur mit einem Kulturzentrum in Palästina zufrieden gehen will. Gemeinsam jedoch sind beiden Gruppen des Brith Schalom folgende Gesichtspunkte: Anerkennung der arabischen Frage als das zentrale politische Problem im Zionismus, der Glaube an die Möglichkeit der Lösung dieses Problems auch unter den jetzigen erschwerten Umständen auf dem Wege der Annäherung und der Verständigung und infolgedessen die Forderung nach einer energischen, gründlich durchdachten und großzügigen arabischen Politik, für die auch entsprechende kulturelle und f i n a n z i e 1 le Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden müssen. Wie man nun auch zu den Anschauungen Rabbi Benjamins und seiner Gruppe stehen mag, sein langer Aufenthalt im Lande, seine eingehende Beschäftigung mit allen Problemen und das große Ansehen, das ihm in Palästina enlgegengebracht wird, geben seinen Ansichten ein Recht, gehört — und beachtet zu werden. Rabbi Benjamin äußerte sich zunächst zu der Frage der Klagemauer, die allerdings vielleicht im Augenblick der Unterredung bereits der Entscheidung nahegehracht sein mochte. Er betrachtete es als eine verhältnismäßig erfreuliche Erscheinung, daß die große Erregung, von der gerade in dieser Frage der Jischuw und mit ihm die ganze jüdische Welt in den letzten Jahren und besonders vor dem Ausbruch der Unruhen im letzten Herbst erfaßt war, einer nüchternen Betrachtungsweise Platz gemacht hat. Und er bezeichnete es deshalb auch als wahrscheinlich, daß die Völkerbundskommission der jüdischen Auffassung zum Erfolg verhelfen werde.. Nichts anderes beanspruchten ja wir Juden als das unangreifbare und unverbrüchliche Recht, an der Klagemauer zu beten; Eigentumsansprüche irgendwelcher Art an der Mauer werden von uns in keiner Weise erhoben. Die Entscheidung der Kommission dürfte in diesem Sinne fallen, und eine solche Erledigung dürfte sogar auch von arabischer Seite, wenn nicht formell anerkannt, so doch ohne großen Widerspruch hingenommen werden. Die Verhandlung vor der Völkerbundskommission und die heutige Einstellung der jüdischen Bevölkerung zur Frage des Kotei Maarawi zeige, so meint Rabbi Benjamin, deutlich, daß man jetzt fast überall erkannt habe, wie verf e h 1 t die frühere jüdische Politik in der Klagemauerangelegcnheit, wie unkl u g es insbesondere gewesen ist, daß man sich von den Provokalionen des Mufti zu Streitigkeiten auf religiösem Gebiete mit der arabischen Bevölkerung habe verlocken lassen. Heute jedoch ist zu konstatieren, daß die arabischen Volksmassen wieder in das ruhige, normale Geleise eingelenkt sind, wenn sie auch politisch in einem viel höheren Grade als vor den Unruhen auf den Mufti und die anderen radikalen Führer hören. Dies ersehwert naturgemäß die Möglichkeit einer friedlichen Verständigung. Es rächt sich eben an uns, daß wir die ruhigen Jahre vor den Unruhen — trotz der Warnungen des Brith Schalom — die arabische Frage vernachlässigt und den arabischen Faktor unterschätzt haben. Nicht minder verfehlt und verhängnisvoll wäre es jedoch, jetzt allzu pessimistisch zu werden, die Hände in den Schoß zu legen und eine zielbewußte aktive arabische Politik auf bessere Zeiten zu verschieben. Es ist nämlich grundfalsch, anzunehmen, daß alle Araber mit dem Mufti und Genossen eines Sinnes sind. Ebenso wie nicht alle Deutschen trotz der nationalistischen Hochflut hinter Hitler stehen, ebensowenig stehen alle Araber hinter dem Mufti. Unvoreingenommene und mit den Verhältnissen vertraute Beobachter wissen ganz genau, daß es bedeutende arabische Kreise gibt, die eine friedliche Verständigung mit den Juden — und zwar auf der Basis einer starken jüdischen Kolonisation — wünschen. Es sind nur ganz bestimmte Motive, weshalb diese Kreise nicht hervortreten. Von uns und unserem Verhalten hängt es ab, ob der Mufti und sein Anhang oder die uns freundlichen Elemente die Oberhand gewinnen. Nötig sei vor allen Dingen eine ganz andere Haltung gegenüber den Arabern selbst. Man müsse sich auf zionistischer und jüdischer Seite, auch innerhalb der Exekutive, endlich einmal bemühen, die bisherige spielerische und dilettantische Behandlungsweise dieser Frage aufzugeben und ernsthaft an das Problem, das ein psychologisches und ein wirtschaftliches sei, heranzugehen. Auch heute noch seien selbst einfache und zweckmäßige Maßnahmen, wie sie seit langer Zeit, längst vor den Unruhen schon vorgeschlagen worden sind, noch nicht durchgeführt, wie etwa die regelmäßige Herausgabe einer gut aufgemacht e n arabischen Zeitung; noch immer begnüge man sich sogar in den Lehrerseminaren mit drei Wochenstunden im Arabischen und verhindere so geradezu ein Kennenlernen der beiden Bevölkerungsteile. Solange diese einander nicht einmal verstehen könnten, sei freilich ein Ausgleich schwer, wenn nicht ausgeschlossen. Die Durchführung einer zweckmäßigen und zielbewußten arabischen Politik dürfe man natürlich auch nicht solchen Menschen überlassen, denen sie offenbar c o n t r e coeur sei und die noch immer bloß den englischen Faktor beachten. Es bestehe heute zwischen Arabern und Juden eine nationale Barriere, deren Aufhebung jedem einzelnen am Herzen gelegen sein müsse. Dazu könnten die bereits erwähnten Maßnahmen beitragen, man müsse sozusagen eine geistige und gesellschaftliche Annäherung der Araber an den kulturell höherstehenden jüdischen Bevölkerungsteil ermög* liehen. Vor allen Dingen sei zu diesem Zweck auch