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Das jüdische Echo · 1930-08-01 · 31 (1.8.1930) · p. Seite 431

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
31 (1.8.1930)
Date
1930-08-01
Page
Seite 431 (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 51_ . 1. Rugust 17. Jahrgang Zur nationalsozialistischen Verhetzung Die bevorstehenden Reichstagswahlen in Deutschland eröffnen für die deutschen Juden einen Zeitabschnitt stärkster antisemitischer Verhetzung der Bevölkerung durch die skrupellose Agitation der Nationalsozialisten. Es ist anzunehmen, daß alle deutschen Juden sich dieser Gefahr bewußt sind und daß in dieser Zeit ein wahrer Burgfriede aller jüdischen Richtungen nach außen gewahrt werden und in der politischen Stellungnahme in erster Linie darauf geachtet werden wird, daß keine jüdischen Stimmen und keinerlei jüdische Unterstützung Parteien zugute kommen, die direkt oder indirekt mit den Nationalsozialisten kooperieren. Es geht jetzt eine starke Welle der antisemitischen Bedrohung durch ganz Europa. Die Nachrichten aus Rumänien und anderen Ländern sind ein trauriger Beweis für diese Behauptung. Nicht genügend hervorgehoben wird jedoch in all diesen Nachrichten der starke Einfluß der Nationalsozialisten in Deutschland auf die Ideologie der Antisemiten in allen Ländern. Der Hakenkreuzantisemitismus ist heute leider einer der stärksten Exportartikel des Nachkriegsdeutschland. Im Zeichen dieses Symbols werden Juden überfallen, jüdische Häuser geplündert und Judenstädtchen in Brand gesteckt. Das Tätigkeitsgebiet der Nationalsozialisten erstreckt sich aber nicht nur auf Mittel- und Osteuropa, es greift auch auf die Kulturländer des Westen über. In einer Schweizer Zeitung finden wir nachstehende Schilderung, aus der hervorgeht, mit welchen Methoden die Nationalsozialisten arbeiten. Bei einem jüdischen Arzt erscheint ein Bauernbursche als Patient. Der junge Bauer, künftiger Erbe eines großen Hofes in einem abgelegenen Schweizer Dörfchen, ist wegen eines Unfalles in Behandlung. Arm und Fuß sind kunstgerecht verbunden. Die Utensilien werden zusammengepackt, die Konsultation ist eigentlich zu Ende. Unruhig rutscht der junge Bursche hin und her. Es ist. klar, er hat noch was auf dem Herzen. Irgendwo drückt es. Gut, setzen wir uns noch einmal. Endlich rückt er heraus. „Nichts für ungut, nehmen Sie es mir ja nicht übel. Ich wollte Sie schon immer etwas fragen.“ Auf dem Tisch liegt ausgebreitet eine Bauernzeilschrift. Alle vier Seilen voll mit lebhaften beweglichen, erschütternden Schilderungen der Leiden der russischen Bauern als Folge der neuen streng durehgefiihrlen Maßnahmen und Kollektivierungsversuchen. Man kennt die Vorgänge aus den Tageszeitungen. „Ist es wirklich wahr, daß an all dem die Juden schuld sind?“ Nun war es gesagt. Großes, schweres, beklemmendes Schweigen. „Und die eingekerkerten Rabbiner, die zwangsweise geschlossenen Synagogen, die Verfolgungen und Bestrafungen der Talmud jünger!“ „Ja, das hat mich natürlich auch stutzig gemacht. Aber könnte das nicht alles nur fingiert sein. Um die Aufmerksamkeit von den wahren Schuldigen abzulenken, von den Juden. Ein teuflischgeschicktes Täuschungsmanöver.“ Wie kommt diese Meinung in die Abgeschiedenheit dieses Bauernhofes. Denn in der aufgelegten Zeitung stand natürlich davon kein Wort. Also, in der benachbarten Kantonshauptstadl war kürzlich ein Vortrag. Thema: Das Geheimnis der Freimaurer. Gewiß ein Thema von großer Anziehungskraft. Vor allem auf naive Gemüter. Gruselige Enthüllungen, Blutgerichte, Feme, Verschwörungen, all das sollte aufgedeckt werden. Daß diese Ankündigung nur ein Köder war, daß lediglich und hauptsächlich nur über die Juden gesprochen würde, davon war in der Voranzeige nichts zu lesen. So wurde die eventuelle Anwesenheit unbequemer Diskussionsredner vor vornherein vermieden. Der Saal war gestoßen voll. Meistens Bauernsöhne aus der ganzen weiten Umgebung. Der Vortrag war aufreizend und verhetzend. Voll skrupelloser Demagogie mit dem ständigen Refrain: An allem Unglück dieser Welt sind die Juden schuld. Ein krasses Beispiel. Bei der Ermordung der Zarenfamilie waren von den sieben Henkern vier Juden. Am Kellergewölbe aber fand man später eine mit Blut geschriebene Inschrift des Inhaltes, daß die Hinrichtung des Zaren die Vollstreckung eines längst vor dem Krieg vom obersten jüdischen Gerichtshof gefällten Urteils sei. „Und das haben Sie alles geglaubt?“ „Mußte ich es denn nicht? Der Redner zeigte noch Bilder. Und der Redner war ein Deutscher. Ein deutscher Professor! Ein sehr berühmter sogar.“ Der intelligente Bursche wollte es nicht glauben, daß diese Berühmtheit bei uns ganz und gar unbekannt sei. Wenn man es nicht schon gewußt hätte! Man schämt sich, natürlich deutscher Export. Dabei kommt den Verbreitern das große Ansehen zustatten, das der deutsche Professor früher mit Recht genossen hatte. Nutznießer einer großen Vergangenheit, die sie zugleich diskreditieren. Und die Wirkung. Tag für Tag bringen die Blätter Schilderungen von den Bauernverfolgungen. Es steigt die Empörung, die Wut, die Erregung. Es flimmert vor den Augen und ungestüm bricht aus der Tiefe: Die verd . . . Juden! Jede neue Alarmmeldung steigert den Haß. Dabei, das muß ausdrücklich hervorgehoben werden, kommt in all den Berichten das Wort Jude überhaupt nicht vor. So also wird es gemacht. Durch unzählige Kanäle wird der Boden unterminiert. Heute die Bauern, morgen die Arbeiter. So hatte es wohl auch in Deutschland angefangen.“ So schreitet die Verhetzung vorwärts. Es ist klar, daß von jüdischer Seite dagegen wenig getan werden kann. Denn wie sollen Juden Eingang zu dem Bauernpublikum finden? Wenn es nicht jüdischen Gegnern des Antisemitismus mit ihrer Gegnerschaft ernst wäre, so müßten sie aus eingenem Antriebe Schritte unternehmen, um gegen diese volksverdummende Agitation aufzutreten. Aber — ist es ihnen ernst um diese Gegnerschaft? Kann man erwarten, daß sie im Antisemitismus etwas anderes erblicken als eine Bagatelle, derentwegen es sich nicht lohnt, besondere Anstrengungen zu machen? Darin liegt eben die Tragik; der Judenhaß ist für uns leider ein zentrales Problem, und für die Nichtjuden ist seine Betätigung durch Berufsjudenhetzer doch nur eine Nebensächlichkeit. k. h.

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