Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 30 (25.7.1930)
- Date
- 1930-07-25
- Page
- Seite 422 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9237999--11023-9223091- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
422 Das Jüdische Echo Nr. 30 Zur Sprache kam eine Reihe von Gegenständen, die über den Bezirk eines einzelnen Landes hinaus für die Gesamtheit der deutschen Juden von Wichtigkeit sind. Die Bedeutung der Tagung lag, wie von dem Vorsitzenden betont wurde, weniger in der Formulierung von bestimmten Beschlüssen als darin, daß durch die persönliche Berührung der in den einzelnen Verbänden an leitenden und verantwortlichen Stellen stehenden Männer und durch den Austausch der gegenseitigen Meinungen und Erfahrungen eine Grundlage für ein einheitliches Vorgehen gewonnen wurde. Die Versammlung beschäftigte sich zunächst mit der schweren Lage, die durch die allgemeine in Deutschland und besonders unter den Juden herrschende wirtschaftliche Not geschaffen worden ist. Es wurde im Anschluß an die von der Tagung des Preußischen Landesverbandes Ende März d. J. gefaßten Beschlüsse in Aussicht genommen, daß aus allen Teilen Deutschlands dem bereits gebildeten Ausschüsse die vorhandenen Unterlagen zugeführt werden sollen, und daß dann unter Zuziehung süddeutscher Vertreter in einer gemeinsamen Sitzung endgültig über die Einberufung der geplanten allgemeinen Wirtschaftskonferenz entschieden werden soll. Auf dieser ist besonders auch die Gründung von Bezirksdarlehenskassen ins Auge zu fassen. Die Vorarbeiten zur Bildung einer Gesamtorganisation der deutschen Juden, die von allen Seiten als dringend notwendig bezeichnet wurde, sollen in der Weise aufgenommen werden, daß zunächst durch den von dem Preußischen Landesverband bereits eingesetzten Ausschuß ein neuer Verfassungsentwurf ausgearbeitet, und daß dieser alsdann einem größeren Kreise von Beauftragten aller Landesverbände vorgelegt wird, der prüfen soll, ob für seine Annahme bei den zuständigen Stellen begründete Aussicht besteht. Es soll unter allen Umständen vermieden werden, daß der neue Versuch, die deutschen Juden in einen Reichsverband zusammenzufassen, wiederum durch unvorhergesehenen Widerspruch maßgebender Stellen zum Scheitern gebracht wird. Als eine weitere für das gesamte deutsche Judentum äußerst bedeutungsvolle Frage wurde angesichts der ständigen Abnahme der jüdischen Bevölkerung die Durchführung einer zweckmäßigen Bevölkerungspolitik bezeichnet. Die Schwierigkeiten, durch geeignete Maßnahmen eine Besserung herbeizuführen, wurden nicht verkannt. Es wurde den am 24. Februar 1929 durch die von dem Preußischen Landesverband einberufene bevölkerungspolitische Konferenz gefaßten Beschlüssen grundsätzlich zugestimmt und ihre Verwirklichung in die Wege geleitet. » Die äußerst mißlichen Verhältnisse in den kleinen Landesverbänden, die zum Teil nur eine geringe Zahl Seelen umfassen und deshalb kaum als leistungsfähig angesehen werden können, wurde aufs neue besprochen. Es wird erforderlich sein, daß mehrere kleine Verbände sich zusammentun oder Anlehnung an einen der großen Verbände suchen, die bereit sind, nach ihren besten Kräften dazu beizutragen, das jüdische Leben auch in den kleinen deutschen Ländern zu erhalten und zu stärken Die Versammlung beschäftigte sich noch mit einer Reihe weiterer Angelegenheiten, von denen insbesondere die Frage einer wirksamen Unterstützung des für die Ausbildung konservativer Lehrer unentbehrlichen Seminars in Würzburg hervorgehoben sei. Dieses ist als Reichsanstalt anzusehen; seine Erhaltung liegt daher allen Landesverbänden ob. Die Vertretung der Landesverbände auf dem Ende August in Berlin zusammentretenden Kongreß des Weltverbandes Schomre Schabbos wurde als wünschenswert bezeichnet. Als Vertreter der Reichsarbeitsgemeinschaft in dem Kuratorium, welches unter Führung der Berliner Jüdischen Gemeinde zur Verwaltung der bisher dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund gehörenden Fürsorgeanstalten sich gebildet hat, wurde Kammergerichtsrat Wolff gewählt. Aus der jüdischen Welt Proi. Ludwig Stein gestorben Berlin, 15. Juli. (JTA.) Gestern verstarb in Salzburg nach einer Operation Prof. Ludwig Stein. Ludwig Stein, eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Berliner Gesellschaft, ist 71 Jahre alt geworden. Seine wissenschaftliche Tätigkeit ist außerordentlich rege und vielseitig gewesen. Die Tatsache, daß er viele Sprachen beherrschte, erleichterte es ihm, mit den philosophischen Richtungen aller Kulturvölker engste Fühlung zu halten. Die von ihm herausgegebene Zeitschrift „Nord und Süd“ gestaltete er zu einer politischen Monatsschrift ersten Ranges. Die größten Gelehrten auf den verschiedensten Gebieten, vor allem aber fast alle Staatsmänner der Welt, waren seine Mitarbeiter. Ludwig Stein, auch unter seinem Pseudonym „Diplomaticus“ bekannt, Philosoph und Soziologe, ist im Jahre 1859 in Erdö-Benye in Ungarn geboren. 1881 bis 1883 war er in Berlin als Rabbiner tätig, wurde 1886 Privatdozent, 1889 ordentlicher Professor für Philosophie am Züricher Polytechnikum, 1890 an der Universität Bern und wirkte von 1911 bis 1924 als Dozent an der Humboldt-Akademie Berlin. In seinen philosophischen und soziologischen Arbeiten entwickelte Stein eine religiös- und sozial-ethisch fundierte optimistische Welt- und Lebensanschauung. Aus seinen Werken sind zu nennen: „Friedrich Nietzsches Weltanschauung und ihre Gefahren“, „Versuch zu einer Kultur-Philosophie“, „Die soziale Frage im Lichte der Philosophie“, „Philosophische Strömungen der Gegenwart“, „Weltbürgertum, Nationalstaat und internationale Verständigung“ „Gegen Spengler“, „Evolution and Optimism“ u’. a. Ferner veröffentlichte er eine Reihe von Schriften zur allgemeinen Geschichte der Philosophie und zwar: „Psychologie der Stoa“, „Erkenntnis der Stoa“, „Leibnitz und Spinoza“ u. a. m„ wie auch zur Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie und Monographien über jüdische Denker „Die Willenskraft bei den jüdischen Philosophen des Mittelalters“, „Die Juden in der Philosophie der Gegenwart“. Prof. Stein war Herausgeber des „Archivs für die Geschichte der Philosophie“, des „Archivs für systematische Philosophie“, der „Berner Studien zur Philosophie“, dann der Bibliothek der Philosophie“ und der von ihm geleiteten Zeitschrift „Nord und Süd“. * Prof. Stein wurde am 18. Juli unter ungewöhnlich starker Beteiligung auf dem Friedhof der Adass-Jisroel-Gemeinde in Weißensee bestattet. Kammergerichtsrat Jacques Stern gestorben Berlin, 16. Juli. (JTA.) Im Alter von 54 Jahren ist der Rechtsphilosoph Jacques Stern plötzlich gestorben. Stern ist durch rechtsvergleichende